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»CDs werden aussterben«

Felix Kubin über die alten und neuen Vorteile der Kassette

Felix Kubin, Foto: Thomas Ekström Größeres Bild

Felix Kubin holt gerade Post aus dem Briefkasten. Nichts drin – nicht mal eine Postkarte. Manchmal kriegt er welche ohne Absender, dann weiß er nicht, von wem die ist und versucht es an der Handschrift zu erraten. Eigentlich wollte er mal Graphologe werden, erzählt er. Stattdessen wurde er Musiker, Hörspielmacher und Labelbetreiber. Mit dem Sampler »Science Fiction Park Bundesrepublik« gab er einen Über- und Einblick in den Kassetten-Untergrund der 80er Jahre, über den er sich am Freitag auch mit Jan Kummer (AG Geige) austauschen und Vergleiche von Ost und West in Form von Kassettenaufnahmen ziehen wird. Im Interview erzählt er schon mal vom Paradox der Industriekritik, Kreativität in der Peripherie und das Revival von Tonträgern.

kreuzer: Wie hast du »Kassettentäter« namens Defekte Parkuhren, Hirsche nicht aufs Sofa, Chemische Ameisenscheiße oder Neros Tanzende Elektropäpste gefunden?

FELIX KUBIN: Erstmal hab ich da in eigener Sache gehandelt, weil ich selber ein Kassettentäter bin. Ich habe mit dem Medium Audiokassette angefangen, Musik zu machen. Das war günstig und die Qualität war damals ziemlich gut. Ich hab mit dem ersten Vier-Spur-Gerät, das erschwinglich war, angefangen. Damit konnte man plötzlich in den eigenen Wänden ziemlich problemlos Musik aufnehmen. Sogar mit Kopfhörern, wenn sie elektronisch war. Weil mich das damals so geprägt hat, hat mich interessiert, was andere so gemacht haben.

kreuzer: Waren die Geräte genau für die Leute gemacht, die zu Hause damit rumspielen?

KUBIN: Ja, für den Heimgebrauch. Ich habe in »Kohlendioxidgedächtnis« – eine Art Forschungsprojekt für den Deutschen Musikrat über die Geschichte der Audiokassette – auch geschrieben, dass die Industrie, die natürlich von allen Leuten aus der Undergroundszene bekämpft wurde und als böse galt, genau diese Leute mit den Produktionsmitteln ausgestattet hat, mit denen sie dann ihre industriekritische und zivilisationskritische Musik machen konnten.

kreuzer: Das ist oft das Problem.

sfpbrdKUBIN: Ja, es gibt Symposien, in denen die Entwicklung der Medien und die Geschwindigkeit der Kommunikation diskutiert wird, und jeder hat ein Iphone in der Tasche und checkt gerade aktuelle Websites. Das ist ein Paradox. Aber zurück zur Frage: Die Aufnahmen hab ich damals nur gemacht, ohne die Absicht, sie zu veröffentlichen.Ich war damals aber noch so jung, dass ich kaum Kontakt zur deutschlandweiten Szene hatte. Die hab ich erst später richtig recherchiert. Das fing an, als das britische Label Finders Keepers Records mich fragte, ob ich nicht was zur deutschen Underground-Kassetten-Szene machen will. Da hab ich angefangen, mein Wissen zu vertiefen. Da bin ich auf unglaublich tolle Sachen gestoßen, die ich auch nicht kannte: Das Label Pissende Kuhkassetten zum Beispiel.

kreuzer: Bei der Veranstaltung Gegenkrach wirst du dich mit Jan Kummer von der ostdeutschen Performanceband AG Geige über eure unterschiedlichen Kassettenerfahrungen unterhalten. Wo siehst du die Unterschiede zur DDR?

KUBIN: Die werden sicher Gegenstand der Unterhaltung sein. Ganz genau kann ich natürlich nicht sagen, wie es im Osten war. Der große Unterschied ist aber, dass subversive Musik zu produzieren, im Osten durchaus gefährlich war. Das konnte die Personen wirklich gefährden, wenn sie zu explizit wurden. Weil es Kontrolle, Zensur und Unterdrückung gab – auch wenn die erstmal auf der psychologischen Ebene stattfand. Aber die Leute mussten erstmal einen politischen Mut aufbringen. Und sie mussten den anderen trauen, denn bekanntlich gab es immer irgendwann ein schwarzes Schaf in der Szene, das die anderen ausspioniert hat. Diese Situation gab es im Westen nicht.

Obwohl es auch da in den 70er Jahren eine starke Sympathie mit der Untergrundbewegung der RAF gab. Das heißt natürlich nicht, dass alle Kassettentäter auch gleichzeitig quasi RAF-Attentäter waren. Aber es gab eine Sympathie für eine politische Untergrundgegenbewegung. Da gabs auch Leute, die vom Verfassungsschutz beobachtet wurde. Aber das fand nicht auf so einer subtilen und durchdringenden Ebene statt, wie das im Osten der Fall war.

kreuzer: Von der Qualität und dem Humor her unterschieden sich die Songs nicht auffällig.

KUBIN: Ja, rein ästhetisch finde ich, dass sich die Sachen sehr ähneln. Ich wusste nicht, dass es die Szene in der DDR gab, bis zu dem Moment, wo Alexander Pehlemann, der den Gegenkrach-Abend auch moderieren wird, zusammen mit Alfred Hilsberg, der quasi für westliche Untergrundszende dieser Zeit stand, das veröffenlicht hat – in dem Buch: Spannung, Leistung, Widerstand. Dieses Buch hat für mich historischen Wert, da ich dadurch eine ganz andere Sicht auf die DDR bekommen habe. Mir wurde plötzlich klar: Da gabs nicht nur Bands, die abgesegnet wurden und so einen kindersicheren Rock gemaxht haben, sondern es gab eine anarchistische Szene, die auch ästhetisch aktuell und weit vorne war. Das hat mich überrascht und mein ganzes Bild auf die Kultur dieser Zeit total verrückt.

kreuzer: Was war die Motivation der Kassettentäter im Westen?

KUBIN: Da gabs mehrere. Eine hat Alfred Hilsberg mal schön herausgestellt: In den Großstädten war der Informationsfluss sehr schnell, da saß die Avantgarde, da spielten die Bands, da gab es Plattenlabels und Plattenläden. Ich glaube, dass die Leuten, die in den Peripherien, in Kleinstädten oder sogar mitten drin im Schwarzwald saßen, etwas abgekoppelt waren und sich etwas benachteiligt fühlten, weil sie nicht teilhaben konnten an der ganzen Veröffentlichungsflut. Und die haben dann angefangen, ihr eigenes Ding zu machen. Die Kassettentäter kommen zum großen Teil aus Kleinstädten und aus außerhalb der pulsierenden Großstädten gelegenen Gegenden.

kreuzer: Haben die Großstädter keine Tapes aufgenommen?

KUBIN: Doch, Heimstudios gab es überall. Aber die Leute in der Stadt haben höchstens ein Tape gemacht und hatten dann gleich einen Plattenvertrag, wenn sie gut waren. Und gab auch noch eine andere Motivation: Das Medium Kassette war so günstig, dass es erlaubte, ein echtes Experimentalmedium zu sein. Damit meine ich: Jegliche Form konnte ausprobiert werden und musste nicht gerechtfertigt werden. Dass sie nicht teuer in der Produktion waren, hat dazu geführt, dass einige dieser Tapeveröffentlichungen viel wilder, gewagter und freier sind als mache Schallplatten, bei denen alle doch ein bisschen an der Folg geglaubt und gehofft haben, vielleicht nochmal auf ein Majorlabel zu kommen.

kreuzer: Inzwischen gibt es wieder ein Revival der Kassette. Wieso hat sie in Zeiten, wo man Musik ganz leicht digital aufnehmen und verbreiten kann, wieder Aufwind?

KUBIN: Da kann man fragen: Wieso gibt es überhaupt Revivals von Tonträgern? Bei der Schallplatte war es so, dass man versucht hat, sie mit Gewalt abzuschaffen. Ich habe gehört, dass die bei Sony eigene Presswerke hatten, die sie selber zerstört haben – um die Industrie auf die CD einzuschwören. Die Schallplatte hat nur überlebt, weil sich ganz viele DJs dafür eingesetzt haben. Und weil man gemerkt hat, dass die Schallplatte anders klingt als die CD. Auch wenn sie in der Auflösung nicht so gute Werte aufweist wie die CD, klingt sie schöner für bestimmte Musik. Und sie ist haptischer. Genauso ist es mit der Kassette. Sie hat einen bestimmten Sound und der stirbst sonst aus. Ein Revival ist nichts, was nur mit Hipness zu tun hat, sondern dann stattfindet, wenn die Dinge eine Qualität aufweisen, die sich im zeitlichen Abstand als Alleinstellungsmerkmal herausstellt.

kreuzer: Aber was ist der Vorteil einer Kassette, wenn man als Band seine Songs auch als Download anbieten kann?

KUBIN: Man muss Downloads und Kassette nicht gegeneinander ausspielen. Bei Downloads ist nichts zum Anfassen, nichts Sinnliches dran. Sie sind aber sehr praktisch, weil sie unsichtbar sind und nirgendwo gelagert werden müssen. Damit sind sie auch der CD überlegen, die es übrigens bald nicht mehr geben wird. Es gibt ja mittlerweile schon gar keine CD-Laufwerke mehr in Computern. Die CDs werden aussterben und die Downloads haben sie ersetzt. Die Menschen wollen aber etwas Sinnliches haben, Etwas, das vielleicht auch einen Altersprozess mit sich bringt. Da zu gehört die Schallplatte und die Kassette. Wenn bei der CD etwas kaputt geht, klingt das scheiße und man kann sie eigentlich nicht mehr benutzen. Ein anderer Vorteil der Kassette ist, dass es nicht teuer ist, sie zu vervielfältigen. Für Leute, die ein sinnliches Produkt ihrer Musik haben wollen, ist es viel günstiger als eine Vinyl zu produzieren. Darum hat die Kassette einen praktischen Nutzen: Sie ist ein sinnliches dreidimensionales Produkt, das einen eigenen Sound hat und nicht teuer ist in der Produktion.

kreuzer: Du legst am Freitag auch auf – mit Kassetten?

KUBIN: (lacht) Wenn du einen Kassettenrekorder mitbringst

kreuzer: Fürs Auflegen ist die Kassette eher unpraktisch, oder?

KUBIN: Das einzige Mal, wo ich das wirklich in Aktion gesehen habe, war in Budapest 1992. Aber Kassettenauflegen ist eine sehr mühselige Sache. Und es strapaziert die ohnehin schon alterschwachen Motoren der alten Tapedecks ziemlich. Eine Kassette ist ein Medium, das man gut als Ganzes durchhören kann. Sie schafft einen Gesamtzusammenhang. Das ist eine große Qualität gegenüber dem einzelnen Soundfile. Er zersplittert nämlich die Idee des Album. Man hat ja früher Mixtapes angelegt, in dem man bestimmte Stücks hintereinander, manchmal überraschend oder in bestimmten Kontext präsentiert hat.

Gegenkrach – Kassettentäter Ost/West oder: Science Fiction Park Bundesrepublik vs. Magnetbanduntergrund DDR. Mit Felix Kubin (Gagarin Records/ Hamburg) und Jan Kummer (Ex-AG. Geige/ Chemnitz): 25.11., 20 Uhr, IfZ
http://ifz.me/program/284, https://gegenkrach.wordpress.com/

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