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Zwischen Zukunftsängsten und Bewältigung der Vergangenheit

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Auch in diesem Jahr bringen uns die Lateinamerikanischen Tage, ausgerichtet vom Sudaca e.V, die spanischsprachige Kultur per Leinwand ein bisschen näher. Im bereits siebten Jahr der Veranstaltungsreihe stehen die Länder Argentinien und Spanien im Mittelpunkt. Vom 21. 11 bis 2.12 werden Filme an unterschiedlichen Orten gezeigt. Im Blickpunkt der diesjährigen Veranstaltungen stehen die Themen Migration und Integration, Ökologie und Nachhaltigkeit.

Einer dieser Migranten wird in Tomás Lipgots Dokumentation »El árbol de la muralla« porträtiert. Der 88-jährige Jack Fuchs, geboren in Lodz in Polen, ist einer der wenigen polnischen Juden, die das Konzentrationslager Auschwitz überlebt haben. Heute lebt er in Buenos Aires. Das erste Mal nach über 40 Jahren besucht er seinen Geburtsort und den Ort seines Martyriums. Es ist eine beeindruckende und bedrückende Geschichte, die Fuchs erzählt. Leider ist die sehr amateurhaft gefilmt. Anders hingegen verhält es sich bei Lipgots zweitem Film »Vergüenza y respeto«. In diesem begleitet Lipgot die argentinische Zigeunerfamilie Campos, zeigt ihr alltägliches Leben und ihre Bräuche. Es sind Traditionen, wie die Liebe für die Familie und das gemeinsame Musizieren, die einen lächeln lassen. Andererseits kommt man nicht umher sich zu fragen wie viel Tradition in der heutigen Zeit noch gut ist, wenn Familienmitglieder abwertend über Nicht-Zigeuner sprechen oder erzählen, dass sie keinen Schulabschluss haben. Neben den vielen Dokumentationsfilmen, zeigen die Lateinamerikanischen Tage auch wieder eine Menge Spielfilme. So zum Beispiel die schwarze Komödie »El soborno del cielo« aus Kolumbien, in dem die Bürger einer Provinzstad Ende der 60er Jahre durch den Selbstmord eines Mannes erheblich mit dem Pfarrer und dessen Autorität aneinander geraten. Aber auch eine deutsche Co-produktion, nämlich Werner Herzogs Öko-Thriller »Salt and Fire«, mit Veronica Ferres in der Hauptrolle, ist in der Auswahl vertreten. Gedreht wurde in den USA und in der Salzwüste Boliviens, in der eine Umwelttragödie verhindert werden soll. Das ist jedoch nur eine kleine Auswahl von den insgesamt 30 Filmen, die gezeigt werden. Abgerundet wird das Filmprogramm mit Workshops und Diskussionsangeboten zu den, in den Filmen, behandelten Themen.

MIRJAM RATMANN

»Lateinamerikanische Tage«: 21.11.–2.12., Cinémathèque, Schaubühne Lindenfels, Passage Kinos u.a.

Film der Woche: Kann ein Film das System verändern? Man hofft es ja schon sehr, wenn man nach diesem erschütternden Sozialdrama des Kinohumanisten Ken Loach (»Angels’ Share – Ein Schluck für die Engel«) aus dem Kino kommt. Die Geschichte, die der 80-jährige Brite uns in seinem neuen Film erzählt, ist eine, die das Leben täglich schreibt – und die gerade deshalb mehr an die Nieren geht als irgendein konstruiertes Rühr- und Lehrstück.
Menschen fallen unverschuldet durch das »soziale« Netz, irren durch Behördengänge, werden in den Mühlen der Bürokatie zermahlen. Hier der Brite Daniel Blake (wunderbar resolut: Dave Johns). Nach einem Herzinfarkt ist der 59-jährige Zimmermann nicht mehr in der Lage, seinem Beruf nachzugehen. Er beantragt Sozialhilfe, doch schon der erste Besuch beim Sozialamt gerät für den Witwer zur Farce. Hier begegnet er der jungen, alleinerziehenden Katie (Hayley Squires) und ihren beiden Kindern, die sich ebenfalls mit der Ungerechtigkeit des britischen Sozialstaats herumschlagen müssen. Daniel und Katie werden Freunde, unterstützen einander und kämpfen gemeinsam ums Überleben in einem perfiden System, das weder Logik noch Menschlichkeit kennt.
Gerade die kleinen Gesten dieser Freundschaft zwischen zwei Verlorenen sind es, die Loachs warmherzige Milieustudie zu einem aufrüttelnden emotionalen Erlebnis machen. Wut, Hoffnung, Verzweiflung, Freude – dank präziser Dramaturgie und den wunderbar authentischen Darstellern Dave Johns und Hayley Squires übertragen sich die Gefühle der Hauptfiguren eins zu eins auf den Zuschauer und lassen bis zum konsequent gesetzten Schlussakkord mitleiden und -hoffen. Loachs eindringlicher Realismus hinterlässt nicht nur beim Zuschauer tiefen Eindruck, sondern überzeugte auch die Jury in Cannes: Nach seinem Drama »The Wind That Shakes the Barley« (2006) wurde der bekennende Trotzkist für»Ich, Daniel Blake«bereits zum zweiten Mal mit der Goldenen Palme ausgezeichnet.

KARIN JIRSAK

»Ich, Daniel Blake«: ab 24.11., Passage Kinos (auch OmU)

Stefan und Andreas bewohnen gemeinsam ein großes helles Haus in den Wiener Weinbergen, der Garten ist ein Paradies, ihre Zeit verbringen sie mit dem, was sie lieben: Einander, mit Musik und ihren Freunden. Die Krönung des gemeinsamen Glücks ist der über’s Parkett schleichende Kater Moses, ein Findelkind, wie sein Namensvetter. Moses ist ein wohlig gerundetes Tier, flauschiges Fell, schlaue Augen und von Stefan und Andreas hingebungsvoll geliebt und umsorgt. Harmonie in Perfektion ohne Anzeichen von Eintrübung. Klaus Händel (Buch und Regie), gewann mit »Kater« den diesjährigen Teddy-Award der Berlinale. In warmen Bildern und mit großer Einfühlsamkeit für seine Darsteller, inszeniert er die Geschichte zweier Männer und eines Katers (der Händels eigener ist) sehr zurückhaltend. Er nimmt sich Zeit für die Gesten und Blicke des Paares und die Darsteller Lukas Turtur (Stefan) und Philipp Hochmair (Andreas) machen diese Liebe beinahe spürbar, so sehr verschmelzen sie mit ihren Rollen. Die bürgerliche Idylle der beiden erfährt einen Kollaps – jäh und heftig, als Stefan in einem Moment perfekter Ikea-Harmonie plötzlich die Kontrolle verliert und gewalttätig wird. Sein Partner ist erschüttert. Und wo Liebe war und Vertrauen, bleiben Misstrauen und Furcht. Abseits der Idylle ist plötzlich nur Sprachlosigkeit. Händel lässt seine Figuren in der zweiten Filmhälfte zuerst verstört, später vorsichtig umeinander bemüht agieren. Der Film wirft interessante Fragen auf: Was löst Gewalt aus? Ist ein Mensch bösartig, wenn er – wie Stefan – einem scheinbar grundlos gewalttätigen Impuls folgt? Man hätte sich gewünscht, dass »Kater« auch eine Antwort skizziert. So bleiben am Ende der 114 Minuten nur Vermutungen und die Erinnerung an den Kater selbst, der voller Hingabe mit einer toten Maus spielt: Das Tier kann seinem
(Spiel-)Trieb folgen – auch wenn er grausam ist. Beim Menschen richtet die Moral.

INGA BRANTIN

»Kater«: ab 24.11., Kinobar Prager Frühling

Flimmerzeit_Oktober_2016

 

Weitere Filmtermine der Woche

Toni Erdmann 

Außergewöhnliche Mischung aus Komödie und Drama um die Beziehung einer Tochter zu ihrem Vater. Starkes Schauspielerkino. Mit anschließendem Gespräch mit Hauptdarstellerin Sandra Hüller.

27.11., 19 Uhr, Cinémathèque in der naTo

Agrokalypse – Der Tag, an dem das Gensoja kam 

Die Doku berichtet darüber, wie brasilianische Ureinwohner aus ihrem angestammten Land vertrieben und Regenwälder gerodet werden, um so Platz für den massenhaften Soja-Anbau für Viehfutter zu schaffen. Vorführung in Anwesenheit des Regisseurs Marco Keller

28.11., 20 Uhr, Schaubühne Lindenfels

Die Jagd nach der Goldenen Gans 

Inklusives Spielfilmprojekt der Pädagogischen Tagesbetreuung (PäT) Leipzig

28.11., 18 Uhr, Inklusives Nachbarschaftszentrum

Aya Arcos 

Ein schwuler Schriftsteller mit Schreibblockade und sein deutlich jüngerer Stricherfreund leben und lieben sich auseinander. – Queerblick: Die schwulesbische Filmreihe

30.11., 19.30 Uhr, Passage Kinos (OmU)

Bakur

Die Doku begleitet mehrere Mitglieder der verbotenen Arbeiterpartei PKK durch ihren Alltag. Dabei versuchen die Filmemacher, die Motivation der Menschen für ihren langjährigen und kräftezehrenden Kampf und ihre Einstellung zum türkischen Staat zu ergründen. Am 30.11. Filmgespräch mit Gästen in der Cinémathèque in der naTo

30.11., 19.30 Uhr, Cinémathèque in der naTo (OmeU)

Die Mitte der Nacht ist der Anfang vom Tag 

Dokumentarfilm über das Leben von Menschen mit Depression.

1.12., 19 Uhr, Moritzbastei

Strike a Pose 

Bewegendes Porträt der Tänzer der »Blond Ambition«-Tour 1990 von Madonna. – anschl. Diskussion mit Sandra Gödicke (Aids-Hilfe Leipzig) und Peter Thürer (Sozialarbeiter)

1.12., 19.30 Uhr, Cinémathèque in der naTo (OF)

Cinema Italia!

Das italienische Kino hat an Stärke gewonnen, das beweist nicht zuletzt der Goldene Bär in diesem Jahr für »Seefeuer«. Waren es zuletzt noch vornehmlich seichtere Töne, die es aus dem Schatten Berlusconis auf die Leinwand schafften, behandeln aktuelle Produktionen zunehmend soziale Themen. »Terra di mezzo«, die undefinierte Grauzone, ist allgegenwärtig. Sechs Produktionen bringt das »Cinema Italia« nach Leipzig. Ein facettenreicher Blick auf die soziale Realität der Halbinsel.

1.-7.12. Passage Kinos

Se dio vuole – Um Himmels Willen 
– Eröffnungsfilm

Ein überheblicher und selbstgefälliger Arzt will, dass sein Sohn in seine Fußstapfen tritt. Doch dieser möchte lieber Priester werden. Für den überzeugten Atheisten geht das gar nicht und er versucht, den Grund für die plötzliche Willensänderung seines Sohnes herausfinden. Temporeiche, in Italien sehr erfolgreiche Komödie.

1.12., 19 Uhr

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