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Die Sportkolumne zu bewegten Körpern und dem ganzen Drumherum

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»Hurra, wir hängen die Bayern ab!«, schreibt die Wochenzeitung Die Zeit in ihrer aktuellen Ost-Ausgabe. Elf Texte bejubeln RB Leipzig, ohne sich um Fakten groß Gedanken zu machen. Eine Gegenrede.

Samstag, gegen 11 Uhr, im Nebel liegt das RB-Trainingsgelände. Nebenan beim BSV Schönau 1983 tragen die Nachwuchskicker Bayern-München-Mützen gegen den Nieselregen. Unter freundlichem Applaus von vielleicht fünfzig Fans zeigen sich einige RB-Spieler, schreiben Autogramme und lassen sich fotografieren. Es sind nicht mehr und nicht weniger Fans als beim sonstigen Auslaufen nach einem Spieltag.

Am Mittag auf dem Weihnachtsmarkt vor der Oper: Zwischen den Buden, in denen Schneemannschießen, Glühbier und Backfisch angeboten werden, steht die RB-Fanhütte. Niemand ist davor zu sehen.

HurraHurraHurra!

Nichts deutet hier auf die RB-HurraHurraHurra-Welle hin, mit der uns Die Zeit unter dem Titel »Hurra, wir hängen die Bayern ab!« vor wenigen Tagen überraschte. Offensichtlich schien eine Jubelgeschichte für hanseatische Gemüter wichtig, denn weder St. Pauli noch der HSV können ihre jeweils letzten Ligaplätze verlassen. Da passen Erfolgsgeschichten auf jeden Fall, um alle bei Laune zu halten. Aber wirklich alle? Wer ist wir? Und welche Rolle wird dabei einer Fußballmannschaft zugeschanzt – mit welchen Bildern, Ideen und Stereotypen? Wir hatten uns beim Aufstieg schon mit einigen gern erzählten Mythen auseinandergesetzt.

Doch jetzt kommt der Eindruck auf, dass der Tabellenplatz 1 mit einem Dreipunkte-Vorsprung auf Bayern München vor dem 12. Spieltag – von wohlgemerkt insgesamt 34 – irgendwie mal als »Wunder von Leipzig« (Super Illu) beschrieben werden muss.

Die Zeit-Auswahl, um das »wir« zu etablieren, reicht von den traditionell gebuchten Ostschreibern – Jana Hensel – über den Leipziger Oberbürgermeister, Zeit-Redakteuren bis zu einer Linken-Landtagsabgeordneten. Doch nach der Lektüre offenbaren sich die geschriebenen Seiten als Einheitssuppe bar von Realität und Fakten – und das bei einer doch sehr kurzen Team-Geschichte von sieben Jahren.

Beginnen wir mal mit einer Einschätzung zu RB von einem, der er es sehr genau wissen muss – einem ehemaligen Kapitän der Mannschaft und diese Beurteilung findet sich in keinem der elf Texte.

»Das wissen alle«

Tim Sebastian spielte als Innenverteidiger von 2010 bis vergangene Saison bei RB und war auch mal Kapitän. In dieser Funktion benennt er in der 2011 erschienenen MDR-Dokumentation »RB Leipzig – Fußball nach Plan« mit klar verständlichen Worten das Ziel von RB Leipzig: dass ein ausländisches Unternehmen angetreten sei, »mit dem Ziel, den Absatz zu steigern, das Image zu verbessern«. Seiner Aussage – dass das vorrangige Ziel nicht der Fußball sei, sondern der Konzern – fügt Sebastian noch die Bemerkung hinzu: »Und das wissen alle.«

Offensichtlich reichen fünf Jahre aus, um diese Fakten aus dem Allgemeinwissen zu löschen. Jetzt scheinen alle – oder genauer das »Wir« in den Zeit-Texten – etwas ganz anderes zu wissen.

Stolz

RB steht für Stolz, um sächsisches Selbstbewusstsein jenseits von Pegida etc. zu sichern, so sieht es der Schauspieler Charly Hübner. Falls Hübner sich die Kommentare auf der offiziellen Team-Facebookseite unter den Fotos vom Empfang der Olympiateilnehmer Selke und Klostermann bei Bundespräsident Gauck durchliest, bemerkt er sicherlich die erschreckenden Wort- und Denkverwandtschaften mit den sogenannten Wutbürgern.

Helden

Jana Hensel will Helden sehen. Das ist in Leipzig und der bekanntermaßen selbst ernannten Heldenstadt verständlich. Nur beruht der Titel von 1989 unter anderem auf dem Einsatz für demokratische Strukturen, Mitbestimmung, gegen einheitlich geschaltete Medien etc.

Und da es nicht groß genug sein kann, kommt denn auch der Wunsch auf, dass es gleich mal Helden für den ganzen Osten sein sollen. Diese Henselsche Idee fügt sich schnörkellos in die Textwelten der Fanhymne ein – einschließlich des seit dieser Saison von RB-Fans laut formulierten Schlachtrufs: »Vorwärts Rasenball, Leipzig überall.«

»Günstiges Bier«

Wer sich RB anschauen kommt, kann sich auch gleich »Wildheit, Anmut, Altbau und günstiges Bier« anschauen, schreibt Redakteur Felix Dachsel. Günstiger Alkohol steht für das Fantasiebild von Leipzig wie die riesigen Gründerzeitwohnungen mit den Flügeltüren, in denen sich Kreativgeister irre, dufte Geschichten und/oder Objekte ausdenken, weil hier alles so abgefahren ist – das hätte die Leipzig-Marketing und Touristik GmbH nicht schöner schreiben können.

»Bayern-Gegner«

Die Zeit-Redakteurin Anne Hähnig bringt es in ihrem Stück auf den Punkt und erinnert fast an Tim Sebastian: »Schön, dass es jetzt RB Leipzig gibt. Die Spieler: alle nur zusammengekauft! Die Fans: erfolgsverwöhnt! Der Etat: komplett finanziert von einem Konzern, den ungesunde Getränke, die nicht einmal schmecken, groß gemacht haben!« Statt die Absatzzahlen vom Unternehmen über die Jahre am sächsischen Standort mal zu vergleichen oder feste Arbeitsverhältnisse in der Stadt (Stichwort: Jobmotor), die bei RB entstanden über die Jahre (gern fein analysiert in Ossis und Wessis – siehe Machowecz) konkret in Zahlen zu benennen, bricht die Argumentationskette aber zugunsten der Hurra-Welle ab. Keine Silbe wird zudem an Red Bull Salzburg verschwendet: Was wäre ohne den Transfer von den mehr als zehn Spielern aus der österreichischen Mannschaft passiert?

Denn Hähnig möchte als Bayern-Fan zu einem anderen Schluss kommen. Nämlich den, dass RB eine Form von »Ostemanzipation« darstelle und ein RB-Fan Rückgrat besitzen muss. »Das ist viel schwerer als irgendwelche Traditionen zu besingen« – hiermit wären wir wieder beim Stolz (siehe Hübner, Hymne und Schlachtruf).

Tiefer Glaube statt Kritik

Cathrin Gilbert bemüht die Kombination »Glaube, Liebe, Hoffnung« und lässt Kritik nicht zu, da diese »nicht besonders tiefgründig« sei. In ihrem Text wird erneut sehr deutlich sichtbar, dass offensichtlich nicht unterschieden werden kann zwischen dem rein sportlichen Konzept auf dem Rasen und der Idee, die sich dahinter verbirgt. Glaube statt Analyse hilft da auf jeden Fall sehr.

Ruhm

Den sichert der Oberbürgermeister Burkhard Jung höchstselbst seiner Stadt. Für die Nichtleipziger wird er mit der Unterzeile »Auch Oberbürgermeister Burkhard Jung ist schon Fan« eingeführt. Dem Autor, der »schon« einfügte, seien die seit dem Regionalligaaufstieg 2011/12 in einer Leipziger Tageszeitung zum Saisonauftakt regelmäßig anzutreffende Jubelarien als Lektüre empfohlen oder die schon benannte MDR-Doku, in der auch Jung vor über fünf Jahren seine Vision zu RB erläuterte.

Der Ossi und der Wessi

Martin Machowecz beruft sich als Redakteur im Leipziger Zeit-Büro auf einen sehr einfachen Ost-West-Vergleich. Als bekennender RB-Fan, das legt sein Twitter-Foto vom RB-Fanblock nahe, bemerkt er zum Club, dass nun die Ossis den Wessis alles kaputt machen. Wer 2016 die Ossis gegen die Wessis ausspielen möchte, darf dabei gern in eine Feinanalyse gehen: Wer ist der Ostdeutsche? Welcher Ostdeutsche setzt Investorengelder ein, um den Westen zu ärgern?

Auf Kritik an dieser arg kurz gedachten Ost-West-Geschichte reagiert er dann mit einer noch schlichteren Erklärung zu RB als Ostclub: »Ostclub wird man, wenn viele, viele Ostdeutsche ihr Herz daran verlieren.«

Anythings goes

Es geht munter weiter in den Hurra-Geschichten, wer etwas mehr Datensatz denn Bauchpoesie in bester Fanschreibe von der Zeit erwartet hätte, der mag arg enttäuscht sein. Stattdessen darf der Wirtschaftspsychologe an der hiesigen Handelshochschule Timo Meynhardt erklären, dass RB ein »postmoderner Verein« sei: »Das ist capitalism at its best. Wie alles hier die konsequenteste Form von Kapitalismus ist.« Und daran schließen sich die Ausführungen von der Linken-Abgeordneten im sächsischen Landtag an.

»Keine Politik im Stadion«

… ist von Luise Neuhaus-Wartenberg zu vernehmen, und das macht etwas stutzig – vor allem wenn sich daran die Feststellung anschließt: »Wir in Leipzig können noch alles beeinflussen.« Die Fans, die noch nicht mal stimmberechtigte Mitglieder werden können? Die Fans, die nicht in Vereinsgremien sitzen und denken, dass sie beispielsweise den Nichtbau eines neuen Stadions am Stadtrand beeinflussen können?

Rasen-Brillanz statt Kritik

Was den Spielern nicht vorzuwerfen ist, ist, dass sie das von den RB-Strategieköpfen ausgedachte Spielsystem gnadenlos auf den Platz bringen. Aber die sportliche Leistung dafür verantwortlich zu machen, dass Kritik an wesentlichen demokratischen Strukturen, die unsere Gesellschaft ausmachen, verstummen soll, ist eine Milchmädchenrechnung und genauso schlimm wie eine Wir-Zwangskollektivierung.

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3 Kommentare

  1. Nebbich | 28. November 2016 | um 16:56 Uhr

    Zu diesem Jubelartikel der Zeit bleiben eigentlich nur zwei Fragen offen:
    Warum durfte (wollte?) Zeit-„Ostblock“-Kolumnist C. Meyer keinen Beitrag leisten? Der wird doch sonst zu jedem Ostpups zitiert – aber verbringt seine freie Zeit wohl lieber im AKS…
    Was bekommen eigentlich all die Zeit-Leser auf diesen Seiten geboten, die nicht im Verbreitungsgebiet der Ost-Zeit leben…?