DOK LEIPZIG 29. OKTOBER – 4. NOVEMBER 2018
61. INTERNATIONALES LEIPZIGER FESTIVAL FÜR DOKUMENTAR- UND ANIMATIONSFILM

Tipp: Spielshow und Psychiatrie

Dienten Spielshows wie »Der Preis ist heiß« geheimen Zielen? »Overgames« theoretisiert, wie Psychiatrie, Drittes Reich und TV-Shows zusammenhängen

overgamesLutz Dammbecks Recherche beginnt mit einer Talkrunde. Prominente deutsche Fernsehgesichter diskutieren, unter ihnen Joachim »Blacky« Fuchsberger. Im Gespräch über Spielshows wie »Nur nicht nervös werden« erwähnt Fuchsberger, die Idee zum Sendeformat hätten US-Fernsehsender wie CBS aus der Psychiatrie, wo Spiele zur Verhaltenssteuerung der Patienten eingesetzt würden. Dammbeck ist elektrisiert. Handelt es sich bei den Gameshows etwa um ein bewusst eingesetztes Mittel der massenhaften Umerziehung? Hat das US-Militär im Nachkriegsdeutschland Spielshows verbreiten lassen, um die Bevölkerung zu entnazifizieren? Dammbeck begibt sich auf Spurensuche durch Archive und Bibliotheken, verfolgte wissenschaftstheoretische Ideenstränge und die Diskurse liberaler Geheimgesellschaften, kreuzt sie mit den Konzepten prominenter Gameshowentwickler, die die Mechanik hinter Sendungen wie »Der Preis ist heiß« erläutern.

Allein die Länge von 140 Minten macht schon deutlich, dass es sich bei »Overgames« nicht um leichte Kost handelt. Dammbeck eröffnet drei Stränge. Er fragt, entstammt die Spielshow tatsächlich der Psychiatrie? Waren sie ein Mittel dazu, die offenbar kollektiv psychisch erkrankten Deutschen vom Nationalsozialismus zu heilen? Und: Findet eine permanente Revolution statt, deren Ziel die universalistische Durchsetzung links-liberaler Ideale von der Gleichheit der Menschen ist?

Dammbeck stöbert in den Archiven von Medienforschern und in den Bibliotheken großer Gesellschaften und Staaten. Wie haben Thomas Hobbes, John Locke und Jean-Jaques Rousseau die Konzepte von Psychiatern und Fernsehmachern beeinflusst? Inwiefern haben Behavioristen recht mit ihrer Vermutung, menschliches Verhalten wird viel mehr von den Situationen als durch Persönlichkeit bestimmt?

»Overgames« wird zu einer Theorien- und Ideenreise, die an Michel Foucaults  »Überwachen und Strafen« denken lässt. Schnelle Antworten gibt es nicht, dafür Einsichten in einige der Diskurse, die bis heute die westliche Moderne prägen.

CLEMENS HAUG
»Overgames«:  31.10., 10 Uhr, Passage Kinos Filmeck  

Kommentarmöglichkeit ist beendet.

Basiert auf dem WordPress-Theme
Esquire von Matthew Buchanan