DOK LEIPZIG 29. OKTOBER – 4. NOVEMBER 2018
61. INTERNATIONALES LEIPZIGER FESTIVAL FÜR DOKUMENTAR- UND ANIMATIONSFILM

Africa’s calling

Sonderprogramm: Animiertes aus dem Subsahara-Raum

hisab»Sprechende Tiere, Kannibalenmonster und Medizinmänner. … Alltag und Aufbruch, bunt und wild.« – Ein bißchen klischiert liest sich die Ankündigung zum Sonderprogramm »Afrika animiert.« schon. »Subsaharische Trickfilme« sind zu sehen, außer Südafrika, muss man hinzufügen. Denn das Land wurde ausgespart, weil es im Gegensatz zu den anderen über eine professionelle Trickfilmproduktion verfügt. Andernorts fehlen solche Rahmenbedingungen, fehlen Technik und Ausbildung. So sind die meisten des in zwei Vorführsessions unterteilten Sonderprogramms vorgestellten Künstler Autodidakten. Teilweise sind die Filme auch unter Mithilfe von Personen oder Institutionen aus den ehemaligen Kolonialherrenländern entstanden. Die Themen sind dabei von beeindruckender Vielfalt und der im Programmheft zunächst erweckte Eindruck des Exotismus verflüchtigt sich. Und ja, auch Buntes und Tiere gibt es zu sehen, etwa bei der ironischen Alltagsbetrachtung »Hisab« (ET 2011), der Esel, Ziege und Hund pastellig in Acryl Taxi fahren lässt.

butoyiHarte Kost, aber federleicht serviert, ist darunter. Wenn »Butoyi« (BE/BI 2013) die Rolle der Frau in Burundi beleuchtet, geschieht das auf ansehnliche, ja: niedliche Weise. Zwölf Mädchen haben in einem Workshop die animierte Geschichte ums Ziegenmädchen Butoyi wundervoll gestaltet. Es und seine Geschwisster, die Kaninchennachbarn und auch die animalische Restbevölkerung sind als Kartonfiguren gestaltet und agieren vor einer Fotokulisse aus Naturmaterialien. Ungleichheit in Sachen Bildung und Beruf bis hin zur Vergewaltigung werden hier krass wie verständlich zum Thema.

Was treibt Menschen in die Migration, fragt »Pondering« (BE 2012): Die gesammelten Ansichten von Bürgern aus Burkina Faso über ihr Leben finden sich ins Buntstift-Comic-Gewand gehüllt. Bleiben oder Gehen ist ein Grundkonflikt, der hier zu Tage tritt, aber auch zu hoffnungsschwangere Projektionen gen Westen sowie sehr realistische Einschätzungen, was die Chancen als Migrant sind, sind zu vernehmen.

afrogamesAls originelle Verquickung von afrikanischen Traditionen und Animationserzählstil kommt »Afrogames« (BF 2014) daher. Das als Serie angedachte Projekt bringt fünf ungewöhnliche Kinder und ihren Blick auf die Gesellschaften des Kontinents zusammen. Zentral sind dabei die titelgebenden afrikanischen Spiele – legendäre oder tatsächliche Zeitverrtreibe –, an denen die Kinder als Team teilnehmen. So wird das Schuhspiel gezeigt, eine Art Brenn- oder Völkerball: In der Mitte muss ein Spieler einen Haufen Schuhe sortieren und darauf achten, nicht von einem Ball getroffen zu werden, den die anderen auf ihn werfen. Schicke Idee, auf ansehnliche Weise Althergebrachtes mit Neuem zu verbinden, die leider als geplante Serie in der Schwebe hängt – eine entsprechende Crowdfunding-Aktion lief ins Leere. Dabei verfügt der Ansatz über Potenzial, internationale Anerkennung zu erlangen.

http://afrogames-series.tumblr.com

kukingaZuletzt noch ein Hinweis auf eine kleine Perle, die ganz subjektiv dem Autor am besten gefallen hat: »Kukinga« (CD 2015). Wie in einem Jump’n’Run-Computerspiel rennt und turnt ein Steinmensch durch eine Rohrleitungs- und Herdlandschaft. Das großartig aus Kieseln animierte Wesen entpuppt sich als Mutter, die alle Strapazen auf sich nimmt, um ihr von einem Vogel entführtes Kind zu retten. Witzig in der Gestaltung der kleinen Kämpfe mit End- und Zwischengegnern, ist ihre Liebe zum Kind doch mitreißend und wunderbar elementar; menschlich halt.

TOBIAS PRÜWER

»Kukinga« und »Butoyi« laufen bei »Afrika animiert 1«, Do 22 Uhr, Passage Kinos Astoria und Sa 13 Uhr, Passage Kinos Astoria

»Afrogames«, »Hisab« und »Pondering« laufen bei »Afrika animiert 2«, Fr 11 Uhr, Passage Kinos Astoria und So 14 Uhr, Passage Kinos Filmeck

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