DOK LEIPZIG 29. OKTOBER – 4. NOVEMBER 2018
61. INTERNATIONALES LEIPZIGER FESTIVAL FÜR DOKUMENTAR- UND ANIMATIONSFILM

Alerta, Antifascista!

»Wildes Herz« zeigt eine Band mit Haltung und ja, ein paar Bengalos brennen Feine Sahne Fischfilet auch ab

wildesherzMuss man Feine Sahne Fischfilet überhaupt noch vorstellen? Es sind schon einige Jahre ins Land gegangen, seitdem die Ska-Punker ihr später lokal legendär gewordenes Soli-Konzert in der Connewitzer Liwi abhielten (Vorsicht Insider: »Hi Dave!«, »Danke, Dave!«). Damals kannte noch nicht einmal der Verfassungsschutz die Truppe, die antifaschistische Arbeit als kompromisslose Pflicht erachtet. Ja, jene Feine Sahne Fischfilet also sind gemeint, die mittlerweile durch die Decke gingen. Jene, die vom Verfassungsschutz als »linksextrem« beobachtet wurden, weil sie unter anderem einen polizeikritischen Song schrieben. Was ihnen wiederum in Erfolg umgemünzte Aufmerksamkeit bescherte. Um die Band und insbesondere ihren Frontmann Jan Gorkow dreht sich der Film. Eins vorweg: Warum er Monchi genannt wird – vielleicht aufgrund seiner Ähnlichkeit zu Monchhichis – wird nicht erklärt.

Dafür überrascht der Film mit Dreierlei. Erstens gibt Schauspieler und Rostock-»Polizeiruf«-Grantler Charly Hübner hier zusammen mit Sebastian Schultz sein Regiedebüt. Zweitens, dass mit dem NDR ein öffentlich-rechtlicher Akteur den Film über eine Band unterstützt, für die auch schon CDU-Politker Auftrittsverbote verhängen wollten, ist ein schönes Zeichen. (Besonders, wenn man sich anschaut, was der MDR so fördert) Drittens, dass es ein runder, sehr politischer Film mit Fallhöhe entstanden ist, statt ein Fanpic voll bloßer Abfeierei. Und das ist die schönste Überraschung.

Sicher, die Band ist auch bei Live-Auftritten zu sehen, wo sie frenetisch gefeiert werden und hin und wieder ist der Film energetisch wie abfackelndes bengalisches Feuer. Aber im Film stecken eben auch Zwischentöne wie der Brustton der Überzeugung. Beispielhaft für die Gesamtband ist Jan Gorkow biografisch mehr als die anderen ins Filmzentrum gerückt. Was anfangs den Rampensaueindruck erweckt, ist schließlich stimmig. Gerade heraus schnackt er mit Hübner über seinen Weg vom Fußballfan mit Gewaltlust zum musizierenden Politaktivisten, der sich gegen Nazis, Rassisten und den ganzen Rest auflehnt. Sichtbar wird dabei auch eine angemessene Wut über die Verhältnisse, aber auch Angst um den Sohn, wenn die Eltern zu Wort kommen. Es geht um das Leben in der Provinz, in rechten Hegemonien alleingelassene Jugend, die aber nicht weichen will – wie Feine Sahne Fischfilet eben nicht Berlin wollen. Und das nicht, weil sie merken, dass ihr Auftrag im ländlichen Raum von (nicht nur) Mecklenburg-Vorpommern besonders wichtig ist. Sie wollen dort leben, aber so wie sie es wollen. Und damit leben sie auch einiges vor. Damit gibt der Film neben manch gutem Mitwippmoment auch einiges an Mut machender Kraft an jene mit, die in ähnlicher Lage sind, während er zugleich dem bürgerlichen Skeptiker, der »antifaschistisch« für ein Schimpfwort hält, ein paar aufklärende Einblicke ins Band-Seelenleben erhält. Quasi Korrektur und kritischer Balken gegen jeden Versuch von Whataboutism und Extremismus-Formel – noch eine Überraschung.

TOBIAS PRÜWER

»Wildes Herz«: Deutschland | 2017 | 90 Minuten | Deutscher Wettbewerb | R: Charly Hübner, Sebastian Schultz | deutsch | englische Untertitel | Weltpremiere

CineStar 4: 31.10.2017 / 19:45

JSA Regis-Breitingen: 01.11.2017 / 17:00

Passage Kinos Universum: 03.11.2017 / 10:30

https://filmfinder.dok-leipzig.de/de/film/?ID=18293

 

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