DOK LEIPZIG 29. OKTOBER – 4. NOVEMBER 2018
61. INTERNATIONALES LEIPZIGER FESTIVAL FÜR DOKUMENTAR- UND ANIMATIONSFILM

Angst animiert

Das Animationsfilm-Sonderprogamm untersucht Formen der Furcht – ein paar Empfehlungen

logoramaEs sind nicht die Dinge selbst, vor denen wir uns fürchten, sondern die Bilder, die wir uns davon machen. So oder so ähnlich hat es mal ein Philosoph formuliert. Bilder halten uns gefangen, meinte ein anderer viel später. Es sind die Vorstellungen, die uns erbeben lassen und zu manch falschem Handeln antreiben. Man geht selten fehl, meinte ein Dritter, überzogene und extreme Aktionen auf Furcht und Eitelkeit zurückzuführen. Die Gegenwart steckt in einem Angst- und Sicherheitsdenken fest, fasste ein Vierter seine Arbeiten zusammen. Um der Angst zu entkommen, die Einleitung auf der Schlussgeraden des letzten Satzes noch zu vergeigen, leiten wir rasch zum Eigentlichen weiter: Es exstieren viele Formen der Furcht und das Sonderprogramm Animationsfilm dekliniert sie durch. Es sind bunte Bilderbogen und düstere Szenerien, die sich in vier Reihen den Themen Angstlust und Kitzel widmen, dem auch augenzwinkernden Reiz des Unheimleichen, der Gewöhnung an die Angst und dem brutalen Horror. Mannigfaltige Ansätze sind zu sehen, wir haben ein paar herausgepickt und möchten folgende Filme zur unbedingten Sichtung empfehlen.


Zum Lachen geht das Mädchen in »Down to the Cellar« (1983, Jan Švankmajer) nicht in den Keller. Skurril geht es in diesem Klassiker von Angstort zu, der als Kurz-Spielfilm mit animierten Elementen Gestalt annimmt. Zu schippende Kohle erwacht zum Leben, seltsame Bewohner rühren einen Kokskuchen an. Schuhe flitzen wie gefräßige Ratten herum und packen, was sie zu packen bekommen. Tapfer stellt sich das kleine Mädchen diesen Herausforderungen.

Michelinmännchen und andere Markenmaskottchen bevölkern die urbane Welt von »Logorama« (2015, François Alaux; Hervé de Crécy; Ludovic Houplain) – und diese besteht völlig und ausschließlich aus Logos in Gebäudegröße. Auch als Fahrzeuge gondeln bekannte Firmensignets durch die Gegend. Natürlich gibt es einen Zoo für den Löwen von Metro Goldwyn Mayer und die Miko-Pinguine. Als ob das nicht schon Alptraum genug wäre, entpuppt sich der in seiner lieblichen Konsequenz wie quietschfarbenen Unappetitlichkeit überwältigende Tickfilm als Actionstreifen: Es gilt, den entlaufenen Kriminellen Ronald McDonald zu stellen, der mit dem RAF-Maschinengewehr. Großes Kino!
Surrealistisch und mit einen Touch an die Arbeiten von Henri Matisse segelt das Musikvideo von Ogris Debris (2015, LWZ) durch die spätkapitalistische Waren- und Konsumwelt, wo der nicht tot ist, sondern hinter nächsten Selfie-Stick schläft. Ästhetisch spannend sieht sich »Woman’s Work, Lettre de Syrie« (2015, Chloé Kaufmann) an, der Erlebnisse einer Journalistin im Syrienkrieg verhandelt. Mit und in realen werden diese dargestellt, allerdings derart durch Montagetechnik verändert, dass der Film wie eine Collage daherkommt. Als Sandmalerei – Bild um Bild wurde mit Sand auf eine Glasplatte geschüttet und fotografiert – ist »Zepo« (2014, Cesar Diaz Melendez) gestaltet, in dem ein Mädchen einer Blutspur im Wald folgt. Happy End ausgeschlossen.
Knuffige Stopp-Motion-Technik verwandelt für »Body Memory« (2011, Ülo Pikkov) Fadenknäuels in Puppen, die dem Körpergedächtnis eines alten Apfelbaumes entspringen. Das klingt verrückt, ist es auch, aber die Pflanze zeichnet tatsächlich ihre Erinnerungen als tobende Fadenwesen mit dem Bleistift auf. Der Film ist von dunkler, melancholischer Poesie.
Kurz, knapp, krass und damit die letzte, aber hübsch verstörende Empfehlung ist »Le Meat« (2014, Wolfgang Matzl). Ein mysteriöser Gastgeber, à la Schinkenmensch gestaltet, wartet auf seine Mahlzeit und nicht minder mysteriösen Gast, ein Hühnerschenkel. Man bittet zu Tisch, es wird deftig. Ein von Körpersäften getriebener Stopp-Motion-Horrortrip, den Vegetarier wohl eher schwerlich verdauen.

TOBIAS PRÜWER

http://www.dok-leipzig.de/de/festival/sonderprogramme/sonderprogramm-animationsfilm/programm

 

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