DOK LEIPZIG 29. OKTOBER – 4. NOVEMBER 2018
61. INTERNATIONALES LEIPZIGER FESTIVAL FÜR DOKUMENTAR- UND ANIMATIONSFILM

Architekt eines Kartenhauses

»Betrug« seziert die heile Welt wohlhabender Eltern in München-Schwabing

betrugWer häufiger Mietpreisrankings verfolgt, dem ist München-Schwabing bestens bekannt. Der Stadtteil zwischen Englischem Garten und Olympiapark, nicht weit entfernt vom Zentrum der Bayernmetropole, führt regelmäßig alle Preislisten an: Nirgendwo sonst ist Wohnen so teuer wie hier. Das Milieu, das man in Schwabing antrifft, wäre wohl am besten vergleichbar mit dem in Schleußig oder dem Prenzlauer Berg: Viele Restaurants, Bioläden und Eltern, die nur das beste für ihre Kinder wollen. Aus einer Elterninitiative heraus wurde hier das Kinderhaus gegründet, ein selbst verwalteter Kindergarten, der liebevoll den Nachwuchs der Rechtsanwälte, Regisseure, Architekten und Unternehmer behütet.

Ein Betrüger zerstört die heile Welt der gehobenen Mittelschicht. Mit einer ersten sanften Lüge bekommt er einen Kindergartenplatz für seinen behinderten Sohn, mit einer zweiten, dreisteren Lüge bekommt er einen Platz im Vorstand, wo er schließlich die Verantwortung für die Finanzen übernimmt. Bastian, gebürtiger Hallenser ohne Hochschulabschluss, hat da schon Bastian, den erfolgreichen Betriebswirt aus Norddeutschland aus sich gemacht.

Jede Straftat, jeder Unfall bietet als Verstoß gegen die Regeln stets die Möglichkeit, hinter die Mechanismen zu blicken, die die Welt zusammenhalten. Etwas ungewöhnliches ist passiert, eine Geschichte mit einer Fallhöhe hat sich abgespielt und zurück bleiben die Opfer, die nach Erklärungen dafür suchen, wie und warum ihnen das zustoßen konnte. Obwohl »Betrug« von David Spaeth fast ausschließlich aus Interviewaufnahmen besteht, entfaltet er rasch die Spannung eines Krimis.

Elternpaare sitzen auf Designersofas mit großformatiger Kunst im Hintergrund und analysieren, wie sie dem Betrüger auf den Leim gehen konnten. Der Täter selbst nutzt das Gespräch mit der Kamera um umfangreich Geständnis abzulegen und zu erklären, warum er eine Scheinwelt aufgebaut hat und warum das ausgerechnet im wohlhabenden Schwabinger Milieu viel besser funktionieren konnte, als es vielleicht in Halle-Neustadt der Fall gewesen wäre.

CLEMENS HAUG

Deutschland | 2017 | Dokumentarfilm | 90 Minuten | deutsch | englische Untertitel | Weltpremiere

Betrug ist nominiert für ver.di-Preis für Solidarität, Menschlichkeit und Fairness, Dokumentarfilmpreis des Goethe-Instituts, Gedanken-Aufschluss, DEFA-Förderpreis

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