DOK LEIPZIG 29. OKTOBER – 4. NOVEMBER 2018
61. INTERNATIONALES LEIPZIGER FESTIVAL FÜR DOKUMENTAR- UND ANIMATIONSFILM

Außen hui, innen pfui?

Baden in Unschuld: »Girl Model« wirft einen Blick auf die Schönheitsindustrie

girlmodelDass die Innenwelt der Schönheitsindustrie so schön nicht ist, wird heute niemanden überraschen. Die Doku »Girl Model« (R: David Redmon u. Ashley Sabin, IE 2011) wirft ein eher beschreibendes, weniger investigatives Schlaglicht auf das Geschäft mit den menschlichen Anziehpuppen (Entschuldigung für den Ausdruck, aber als solche werden sie von den Verantwortlichen offensichtlich angesehen). Und doch reicht schon dieser betrachtende Blick aus, um allerlei Fragen aufzuwerfen.

Eigentlich müsste der Film »Girl Model Scout« heißen, denn er folgt dem Model-Scout Ashley Arbaugh bei der Suche nach dem, was man »unverbrauchte« Gesichter und Körper nennt. In Sibirien ist sie bei einem jener vielen Castings dabei, das jungen Mädchen aus der tiefsten ländlichen Provinz und ihren Familien den Traum einer internationalen Karriere verspricht. Arbaugh sucht sehr junge Mädchen für den japanischen Markt, weil dieser das eben so wolle. In der 13-jährigen Nadya Vall sieht sie entsprechendes Potenzial. Diese gewinnt einen Preis und die versprochene Chance in Japan bei zwei Jobs 8.000 US-Dollar zu verdienen. Nadya und ihre Eltern sind aus dem Häuschen, mit der Großmutter muss sie vielleicht bald das Bett nicht mehr teilen, der Traum, die krass einfachen Verhältnisse ein bisschen besser zu gestalten – der Vater freut sich schon über den Anbau, den das Honorar ermöglichen wird –, und die Welt zu sehen, zündet. Vor Ort sieht es dann sehr viel nüchterner aus. Nadya wird von einem Casting zum nächsten begleitet, niemand will sie buchen. Schließlich wird das Mädchen zurückgeschickt mit 2.000 Dollar, die sie ihrer Agentur schuldet. Im Abspann ist zu lesen, dass Nadya nach Drehschluss wieder in Asien unterwegs als Model unterwegs ist.

Zynisch ist ein zu mildes Wort, um zu beschreiben, wie sich diese dokumentierte Fleischbeschau abspielt. Wer da alles als zu alt, zu dick etc. gilt, schockiert. Als 15-Jährige ist man da schon raus. Alles, was Weiblichkeit ausstrahlt, wird ausgesiebt, »unschuldig« müssen die Models sein, also eigentlich noch Kinder. Auch wenn sich schon aufgrund ihrer Hilflosigkeit sofort Sympathie mit Nadya einstellt, die hin und hergeworfen in einer fremden Stadt, nicht einmal mit Englischkenntnissen auf sich allein gestellt ist, wenn man sie mal nicht zu einem Vorsprechen abholt, ist Ashley Arbaugh die spannendere Protagonistin. Das Ex-Modell tut natürlich alles, um den Markt weiter am Laufen zu halten, kommentiert ihr Tun manchmal kritisch, dann wieder Schulter zuckend, dass sie sich eben nie getraut hätte, etwas außerhalb des Business zu machen. Man sieht sie einsam in ihrer amerikanischen Villa sitzen über die Schönheitsfarce sprechend. In alten Videotagebüchern berichtet sie aus ihrer Zeit als Kleiderpuppe lost in modelling, wie sie weint und nur nach Hause will. In ihr spiegelt sich Nadyas Schicksal und doch fährt Arbaugh dann weiter in ihrem Job fort. Als sie Nadya einmal in Japan in ihrer spärlichen Unterbringung besucht, sieht man ihr alle Verlegenheit an. Die versucht sie zu überspielen, was nicht gelingt und sie bald wieder abzieht.

Manches bleibt offen in »Girl Model«, der auch einiges an Kritik einzustecken hatte. Betrug durch die Castingfirmen bleiben ebenso Andeutungen wie der Kommentar eines anderen Models, dass die Grenzen zwischen Laufsteg und Prostitution fließend seien. Man kann dem Film vorwerfen, nicht alle Fragen gestellt zu haben. Aber dass er so viele aufwirft, ist schon Gewinn genug.

TOBIAS PRÜWER

»Girl Model«, Sa 13.30 Uhr, Cinestar 4

Kommentarmöglichkeit ist beendet.

Basiert auf dem WordPress-Theme
Esquire von Matthew Buchanan