DOK LEIPZIG 29. OKTOBER – 4. NOVEMBER 2018
61. INTERNATIONALES LEIPZIGER FESTIVAL FÜR DOKUMENTAR- UND ANIMATIONSFILM

»Brachliegendes Potenzial«

Der neue Kopf der Dok-Auswahlkommission Ralph Eue über Verantwortungen und Kompetenzen

Foto: Susann Jehnichen

Foto: Susann Jehnichen

Ralph Eue sieht nicht mehr ganz so frisch aus wie auf dem Foto, das ihn auf den Seiten des Dok Leipzig als Vorsitzenden der Auswahlkommission ausweist. Kein Wunder: Es ist Anfang August und der Sichtungsprozess läuft auf Hochtouren. Eine Phase, in der er und die anderen fünf Köpfe in seinem Team selten Tageslicht sehen. Das hat für den 63-Jährigen bereits Tradition, verbringt er doch seit 2007 jeden Sommer in Leipzig, um das Programm für das Internationale Festival für Dokumentar- und Animationsfilm zusammenzustellen. Und doch ist in diesem Jahr vieles anders, denn er hat die Leitung des Teams übernommen und tritt damit die Nachfolge von Grit Lemke an, deren unfreiwilliger Abgang Anfang des Jahres für Aufruhr sorgte (kreuzer 01/17). Der kreuzer traf den Berliner am Connewitzer Kreuz, um darüber zu reden, wie er zum Dok kam und wie er das schwierige Erbe antritt.

kreuzer: Wie kamen Sie zum Film?

RALPH EUE: Ich hatte in Marburg einen Filmclub gegründet und ging nach meinem Studium nach Berlin mit der Schnapsidee, dort ein Kino zu eröffnen. So kam ich in das Umfeld der Zeitschrift Filmkritik, die gerade von München nach Berlin gezogen war. Das war meine entscheidende Prägung für das, was für mich Film ausmacht. Dort habe ich die Erfahrung gemacht, dass nicht nur ich auf Filme gucke, sondern auch die Filme auf mich. Ich habe dann in vielen Funktionen, sowohl in der Produktion als auch in der Distribution, gearbeitet.

kreuzer: Wie führte Sie der Weg nach Leipzig?

EUE: Ich kam ja bereits vor zehn Jahren in die Auswahlkommission, die fortan mein Jahr mitstrukturierte. Da war klar: Sommer ist nicht mehr, da bist du hier eingesperrt. Und der Herbst ist gesetzt als wichtiger Termin. Darum hat sich vieles gruppiert. Ich habe mich aber immer eher als ein Zehnkämpfer verstanden statt als ein Spezialkämpfer für irgendetwas. Da hat sich dann immer etwas ergeben, das ich auch machen wollte. Ich glaube, dass ich das Glück hatte, selten etwas gemacht zu haben, das mir nicht auch wahnsinnig Spaß gemacht hat.

kreuzer: Ist Ihre neue Rolle beim DOK Leipzig da nicht eine Einschränkung?

EUE: Ich muss zugeben, ich war nicht scharf auf diesen Job, ich sehe ihn aber nicht als eine Beschneidung meiner Freiheit, auch wenn durch meine Einbindung hier meine Lehrtätigkeit in diesem Jahr pausieren musste. Ich sehe viel brachliegendes Potenzial, das durch die Amtsführung von Grit Lemke nicht zum Tragen gekommen ist. Meine Befürchtung, dass vieles neu aufgebaut werden müsste, hat sich nicht bewahrheitet, weil ein irrsinnig toller Teamspirit da ist. Grit hat ihre Funktion immer als Nadelöhr verstanden, durch das alle Prozesse hindurchlaufen mussten, wodurch sich viele Leute gebremst gefühlt haben. Ich stelle jetzt fest, da sind Leute, die Energie, Kraft und Kenntnisse haben, wie ich sie in anderen Zusammenhängen selten erlebt habe. Das macht total Spaß. Alle haben vor Augen, ein tolles Festival hinzulegen. Von daher empfinde ich es nicht so, als hätte ich meine Freiheit aufgegeben und wäre jetzt in einem Betriebstrott gefangen.

kreuzer: Sie treten ein schweres Erbe an.

EUE: Ich sehe mich nicht als Nachfolger von Grit Lemke und ihrer Rolle, die sie im Festival eingenommen hat. Ich hätte mir gewünscht, dass die Vorgeschichte eine andere gewesen wäre, denn Grit war eine nicht nur geschätzte, sondern irrsinnig wichtige Kollegin von mir. Es hat sich aber eben auch herausgestellt, dass diese Kombination zwischen zwei Frauen, Leena Pasanen und Grit Lemke, nicht funktioniert hat. Ich glaube, sie haben sich schlichtweg gegenseitig blockiert. Das hat dem Festival nicht gutgetan. Ich persönlich finde es total schade, dass Grit sich herausgezogen hat.

kreuzer: Wie unterscheidet sich Ihre Aufgabe zu der von Grit Lemke?

EUE: Es geht darum, die Fixierung auf eine Person abzubauen. Ich habe eine Schlüsselstellung unter anderen. Meine Aufgabe ist es, Reibungen im Workflow abzubauen, die vieles blockiert haben. Es geht darum, Dinge gemeinsam zu entscheiden mit dem Wissen, dass Leena die Richtlinienkompetenz hat und letztlich dafür verantwortlich ist zu sagen, was gemacht wird oder nicht. Ich muss unsere »Auswahlgang« zusammenhalten. Unser Ziel ist es, dass jeder Film, für den wir uns am Ende entscheiden, einen Diskussionsprozess durchlaufen hat.

kreuzer: Durch die Zusammenlegung von Animation und Dokumentarfilm muss die Auswahlkommission über zwei sehr unterschiedliche Filmarten entscheiden. Noch dazu ist André Eckardt als neuer Leiter der Animation der einzige Fachmann in diesem Bereich. Schafft diese Konstellation nicht Probleme?  

EUE: Ich gebe zu, ich habe keine ausgewiesene Expertise in dem Bereich, aber Interesse. Dafür haben wir André, der uns anderen gegenüber als Regulator funktioniert. Das ist keine ideale Kombination, aber wir arbeiten daran – mit dem Plan, nächstes Jahr mindestens eine weitere Person, die vorrangig für Animation zuständig ist, in unserer Gruppe zu haben. In diesem Jahr war es so, dass wir mit größtmöglichem Anstand versuchen, mit dieser nicht-idealen Situation zurechtzukommen.

Interview: Lars Tunçay

Ralph Eue wurde 1953 in Blankenburg geboren. Seine Familie zog vor dem Mauerbau in den Westen. Er studierte Germanistik, Romanistik und Architektur in Marburg, Paris und Frankfurt. Seit 1980 ist er als Filmpublizist und Übersetzer tätig. Ralph Eue war bis 1984 Redakteur der Zeitschrift Filmkritik, des einflussreichsten Organs von Autorenfilmern wie Wim Wenders oder Harun Farocki. Von 1990 bis 1995 war er Pressechef von Tobis Filmkunst.

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