DOK LEIPZIG 29. OKTOBER – 4. NOVEMBER 2018
61. INTERNATIONALES LEIPZIGER FESTIVAL FÜR DOKUMENTAR- UND ANIMATIONSFILM

Bruchstücke einer Zivilisation

Alejandro Estrellas »The Project« steht der Science-Fiction näher als dem Dokumentarfilm

projectAm Anfang zirkulieren geometrische Strukturen auf der Leinwand – 3D-Animationen von Blaupausen und architektonischen Entwürfen drehen sich fragil und schwerelos in einem weißen, zeitlosen Raum. Eine Einstellung, die die Anmut aufruft, mit der Kubrick die Bewegung des Raumschiffs in »2001: A Space Odyssee« eingefangen hat. Mit den folgenden Szenen erschließt sich, dass die Grafiken eine sozialistische Bauutopie zeigen: eine fünfstöckige Schule, deren Brutalität tatsächlich in Beton gegossen wurde und an der bis zu 50 000 kubanische Schüler und Studenten ausgebildet werden sollten.


Von dieser Vision ist nichts geblieben. Das Gebäude heute ist verwahrlost und marode. Allein die zum Trocknen aufgehangene Wäsche lässt erahnen, dass sich hier noch Menschen aufhalten. Die wenigen Bewohner fühlen sich weder erkennbar einer Ideologie verpflichtet. Ironischer Weise wird in dem Bau heute nicht nur nicht unterrichtet, das umliegende Agrarland ist zudem vom Citrus-triseza-Virus infiziert, einem gefürchteten Befall, der weltweit Millionen Zitruspflanzen vernichtet.
Vielleicht kein menschenfeindlicher Ort, zumindest doch einer, an dem man sich nicht leicht die Zeit vertreibt oder gar existenziellen Sinn stiftet. Den Zustand des Delirierens, und des Aus-der-Zeit-Gefallen-Seins hat Regisseur Alejandro Estrella ästhetisch einzigartig umgesetzt. Dabei ist vor allem bestechend, dass der Filme derart viele Genre-Konventionen unterläuft, dass er zumindest am Rande, wenn nicht gar jenseits, des Dokumentarischen steht.
Referenzen etwa ans Science-Fiction-Genre werden von Estrella über den ganzen Film hinweg eingestreut – häufig verbunden mit einer unbestimmten Bedrohlichkeit: Menschen in grellen Schutzanzügen, mit Atemschutzmasken und Messgeräten durchstreifen die Plantagen und versprühen Chemikalien, während ein Kind die Situation aus dem Unterholz beobachtet.
Darauf, dass in »The Project« auf der Tonebene nicht gesprochen wird, macht spätestens das Geräusch eines Ping-Pong-Balls aufmerksam, das zwei Spieler mit den Mündern imitieren. Platte, Schläger und Ball gibt es nicht, nur die beiden schattengleichen Körper, die die korrekten Bewegungen ausführen und das Aufprallgeräusch simulieren. Von diesen dystopischen Szenen finden sich einige in »The Project« – halluzinierte Tableauxs, die mit einer statischen Kamera und in langen Einstellungen zivilisatorische Überbleibsel festhalten.
Mit den Untertiteln eröffnet Estrella eine weitere, metafilmische Ebene. Hier kommt ein Erzähler zu Wort, dessen Äußerungen nur in losem Zusammenhang zum Gezeigten stehen. Kein Kommentator also, eher jemand, der über Bilder im Allgemeinen reflektiert, über ihren Status als Dokumente.
Kuba | 2017 | Internationaler Wettbewerb | R: Alejandro Alonso Estrella | 60 Minuten | spanisch | englische Untertitel | Deutsche Premiere

 

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