DOK LEIPZIG 29. OKTOBER – 4. NOVEMBER 2018
61. INTERNATIONALES LEIPZIGER FESTIVAL FÜR DOKUMENTAR- UND ANIMATIONSFILM

DEFA mit Zukunft

Das Zeitkino kehrt in den Leipziger Hauptbahnhof zurück. Bei der DEFA-Matinee am Sonntag ist es gleich die Zukunft, die ihre Wiederkehr hat.

proximaSo manche heutige Idee, die in Leipzig ihre Umsetzung und viele Kritiker und Spötter findet, hat schon mehr als hundert Jahre auf dem Buckel. Der Citytunnel, der die Messestadt ganz großstädtisch mit sowas ähnlichem wie einer U-Bahn ausstattet, ist so eine Idee, denn bereits 1914 hatte man zur Vorbereitung einer U-Bahn-Linie in den gerade entstehenden Hauptbahnhof einen Tunnel integriert. Dieser wurde dann doch nicht gebraucht, vielleicht, weil erstmal ein Krieg dazwischen kam und dann das Geld fehlte. Einen weiteren Weltkrieg später zog in den nach wie vor nicht zweckgemäß genutzten Tunnel das Zeitkino ein. Das ist allen (ehemaligen) Leipzigern, die nicht mehr zu den ganz jungen Semestern gehören, ein Begriff. Mancher hat das Warten auf den Zug damit überbrückt oder sich zwischen Schule und Heimfahrt eine kleine Pause gegönnt. Möglich waren derartige Auszeiten unter den Bahnsteigen in den Jahren von 1950 bis 1992, und zwar von früh bis spät und auf gut 200 Plätzen.

Das Zusammentreffen von diesjährigem Dok-Festival und dem 100. Geburtstag des Hauptbahnhofs boten nun den Anlass, das Zeitkino im ehemaligen Wartesaal wieder auferstehen zu lassen. Wie im Original ist das Programm von Wiederholungen geprägt, wenn freilich keine Endlosschleife geboten wird. In einer Neuinterpretation des Begriffs »Zeitkino« geht der Blick in die Vergangenheit: Da wären mit »Hirsch Heinrich« oder »Alarm im Kasperle-Theater« Trickfilme für Kinder, ein 95-minütiges Programm aus fünf DEFA-Filmen zwischen 1956 und 1962, die letztes Jahr unter dem Titel »Boomtown in Agfa – Leipzig in DEFA-Filmen der 50er Jahre« auf dem Festival liefen, außerdem die legendäre DEFA-Komödie »Du und ich und Klein-Paris« von 1970 (mit dem jungen Jaecki Schwarz) und »Am Ende der Schienen«. Dieses leicht wehmütige Essay über den Leipziger Hauptbahnhof aus dem Jahr 1993 zeigt, dass es ein Leben vor den Promenaden gab, und hebt nebenbei besagtes Zeitkino ins Bild, das damals den Namen »Linie 2« trug. Nun haben sich die Promenaden, die DEFA-Stiftung und das Dok-Festival zusammengetan, um vier mal täglich Programm in den alten Wartesaal zu bringen. Wer in der Dok-Woche keine Muße für die Zeitreise im Bahnhof findet, kann die nächste Woche einschließlich des 8. Novembers nutzen.

Die DEFA spielt jenseits von Jubiläen bei jedem Dok-Festival eine Rolle, natürlich nicht nur bei der DEFA-Matinee am Sonntag. »Proximat und Zyklotron« ist die diesjährige Veranstaltung überschrieben. Was nach giftiger Science-Fiction klingt, trägt Selbstvertrauen und die Zuversicht im Gepäck, dass der Sozialismus siegen und die Zukunft golden sein würde. Dieser Fortschrittsglaube vom Ende der 1950er war bekanntermaßen nicht auf die DDR beschränkt. Der gewonnene Wettlauf um den Weltraum, Forschung und Technik sowie Entwicklungen in der Kernkraft würden die Überlegenheit des einen oder anderen Systems erweisen. In »Nachrichten aus der Zukunft in frühen DEFA-Filmen« wird diese Konstellation mit »Sensation des Jahrhunderts« (1959) satirisch verarbeitet. Agitatorisch wird es in »Die Welt horcht auf« (1957). Die Puppen-Science-Fiction »Unternehmen Proxima Centauri« (1962) erzählt von einem Proximanten – heute würde man wohl Weltraumsonde sagen –, der die Entwicklung auf der Erde vorantreiben kann. Zum Guten, versteht sich. Die »Reportage aus Rossendorf« (1958) begleitet den Bau des ersten Kernreaktors der DDR in Dresden. Die vermeintlich sicheren Endlagerbehälter könnte man sich ja heute noch mal vornehmen.

Franziska Reif

Zeitkino, historische Filme im Hauptbahnhof:

bis 8. November, bis zu vier mal täglich, alter Wartesaal im Hauptbahnhof, Karten am Infostand der Promenaden, genaue Programmübersicht: www.promenaden-hauptbahnhof-leipzig.de/uploads/tx_ecematrixtables/Programm_Zeitkino.png

DEFA-Matinee »Proximat und Zyklotron«:

01.11.2015, 10:00, CineStar 4

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