DOK LEIPZIG 29. OKTOBER – 4. NOVEMBER 2018
61. INTERNATIONALES LEIPZIGER FESTIVAL FÜR DOKUMENTAR- UND ANIMATIONSFILM

Der alte Mann auf dem Floß

Der Regisseur von »Drift« versucht, seinen Vater zu verstehen

driftUm 14.000 Meilen zurückzulegen, braucht es gut neun Monate. Jedenfalls, wenn die Reise auf einfachen Flößen vonstattengeht. Auf diese Weise schippert man von Ecuador nach Australien. Die Leute, die diese Reise 1973 unternahmen, haben damit gleich noch einen Rekord aufgestellt, denn das war die längste Floßfahrt, von der man weiß. Eine Männerstimme aus dem Off erzählt zu Originalaufnahmen von damals, wie das so war. Zum Beispiel nicht immer gemütlich, denn die See kann sich durchaus hoch auftürmen, und heftiger Regen sorgt dafür, dass die Kleidung nicht trocknen will.

Die drei Flöße der Las-Balsas-Expedition sind natürlich nicht zum puren Vergnügen gestartet, sondern im Dienste der Wissenschaft. Es ging darum zu beweisen, dass es möglich war, die Inseln im östlichen Pazifik von Südamerika aus zu besiedeln, und zwar nicht per Zufall, sondern mit voller Absicht. Weil die Menschen in Südamerika nicht so minderbemittelt waren, wie die Spanier dachten, als sie den Subkontinent kolonisierten, kannten sie sich mit Navigation per Himmelskörpern und auch mit den Strömungen und Winden im Pazifikgebiet gut aus.

Wie es von einer solchen Expedition erwartet werden kann, findet sich in der Crew jemand, der die Kamera bedient und die Nachwelt mit Bildern von Sonnenuntergängen, dem schmalen Schatten des Segels in unbarmherziger Sonne, aufgepeitschten Wellen und fröhlichem Gesang zur Gitarre versorgt. Das war damals der US-Amerikaner Tom Ward. Sein Sohn Chris hat nun ebenfalls zur Kamera gegriffen und die Bilder von der Expedition und seinen heutigen Vater nebeneinander gestellt.

Heute lebt Tom Ward in einer vollgestellten Baracke mit Werkstatt, getapten Fensterscheiben und recht wenig Komfort – auf dem Floß gab es schließlich auch keine Einbauküche. Und während man als Teil des Floßverbands mit zwölf Crewmitgliedern und drei Katzen Einsamkeit nicht zu fürchten braucht, bleibt er heute scheinbar gerne für sich. Ob derartige psychologische Zusammenhänge tatsächlich bestehen und wie seine preußische Lebensführung sich damit verbindet, enthüllt sich in »Drift« nur teilweise. Aber Herr Ward fährt immer noch gerne mit dem Boot auf dem Wasser herum. Da paddelt er gegen die Strömung an und erfreut sich an der Natur.

FRANZISKA REIF

»Drift«: USA | 2016 | 21 Minuten | Internationales Programm Kurzfilm | R: Chris Ward | englisch | keine Untertitel | Weltpremiere

CineStar 5: 31.10.2017 / 10:15

Passage Kinos Wintergarten: 01.11.2017 / 19:15

https://filmfinder.dok-leipzig.de/de/film/?ID=16465&title=Drift

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