DOK LEIPZIG 29. OKTOBER – 4. NOVEMBER 2018
61. INTERNATIONALES LEIPZIGER FESTIVAL FÜR DOKUMENTAR- UND ANIMATIONSFILM

Der Krieg hört nicht auf

»Diorama« und »No obvious Signs«: Zwei persönliche Berichte aus der Ukraine

Als »Diorama« werden Schaukästen bezeichnet, in denen Modellfiguren vor bemalten Hintergründen stehen. Wer vor einem Diorama stehen muss, um sich den Ort seiner Kindheit anzusehen, dessen Welt muss sich stark verändert haben. Zoya Laktionova ist in Mariupol aufgewachsen. Vor dem Krieg verbrachte sie viel Zeit an dem Strand, den sie sich in der letzten Szene im Museum anschaut. Davor ist er der Protagonist ihres Kurzfilms. Wellen, die im Dunst langsam an den Sand schwappen. In der Ferne Schiffe, die geisterhaft vorübergleiten. Einmal eine struppige Katze, dann ein Hund, der in die Kamera hochblickt, als wollte er fragen was das alles soll.

Mariupol liegt nur wenige Kilometer hinter der Front. Nach dem Film erzählt die Regisseurin, dass die Leute in ihrer Geburtsstadt tagtäglich dem Krieg lauschen. An den Strand gehen, der den Menschen hier viel bedeutet und der im Film nostalgisch, manchmal wie auf Postkarten inszeniert wird, können sie nicht mehr. Zum Schutz der Stadt wurden überall im Wasser Minen versenkt. Minen, die noch unberechenbarer sind, wenn die Flut sie weit über das Meer und den Strand verteilt.
Diorama gewährt einen kurzen, aber eindrücklichen Blick auf die heutige Ukraine. Dabei sind die Menschen abwesend. Lediglich ihre Stimmen legen sich über die Bilder, berichtete Erinnerungen, Einschätzungen von Experten, die sagen, dass die Räumung der Minen, wenn sie denn stattfindet, Jahrzehnte dauern könnte. Ein melancholisches Dokument aus einem Land im Kriegszustand.

Passend zum Thema Ukraine wurde »No obvious Signs«, direkt im Anschluss an »Diorama« gezeigt. Wo in »Diorama« der verlassene Strand im Mittelpunkt steht, ist es in »No obvious Signs« die fünfzigjährige Oksana, ein Major der ukrainischen Armee. Von 2014 bis 2017 kämpfte sie im Krieg. Dann kehrte sie zurück, am Ende mit ihren Nerven und unter einer posttraumatischen Belastungsstörung leidend.

Der Beginn der Dokumentation zeigt sie in einem Krankenhaus, wo sie Übungen im Wasser macht, große Runden läuft und den Therapeuten, aber auch der Kamera, also dem Zuschauer, von den Dingen erzählt, die sie im Krieg erlebte. Dabei reicht schon ihre Körpersprache, um das Grauen des Krieges lebendig werden zu lassen. Ihre Hände verkrampfen sich, die Augen starren irgendwohin, an einen Punkt, an den sie mit jeder Erinnerung zurückkehrt und vor dem sie sich nicht schützen kann. Trotzdem will sie erzählen, damit jeder weiß, was der Krieg mit einem macht. Das sagt sie zu Beginn des Films. Und auch, dass es leichter ist im Krieg zu sterben, als zurückzukehren.

Die Last des Überlebens. Behutsam folgt die Regisseurin Alina Gorlova Oksana bei ihrem Versuch damit zurechtzukommen. Dabei vertraut sie ganz auf ihre Protagonistin, auf deren Geschichten und Bilder. Die sind freilich für den Zuschauer oft schwer zu ertragen. Und umso wichtiger, weil sie daran erinnern, dass der Krieg in der Ukraine nicht vorbei ist, nur weil im Moment weniger darüber berichtet wird.

Im Anschluss an die Dokumentation steht Oksana neben der Regisseurin vor dem bis auf den letzten Platz gefüllten Saal. Noch immer verliert sich ihr Blick im Irgendwo. Noch immer ist ihre Stimme leise. Der Krieg steckt ihr in den Knochen, das merkt man. Und trotzdem ist sie auch froh den Film mitgemacht zu haben, sagt sie. Weil es wichtig ist, auf die Rückkehrer aufmerksam zu machen. In der Ukraine gibt es für sie keine medizinische oder therapeutische Betreuung. Wem ein Bein fehlt, dem kann geholfen werden. Wer aber an dem leidet was er im Krieg erlebt hat, steht allein da.

Nicht zuletzt deshalb hoffen Regisseurin und Hauptdarstellerin an diesem Abend in Leipzig, dass sie mit ihrem Film in der Ukraine auf das Thema aufmerksam machen können. Und den Familien Trost spenden, deren Verwandte jetzt aus der Schlacht zurückkehren. Das ihnen geholfen werden muss, zeigt Gorlovas Dokumentation. Gerade dann, wenn sie eben keine offensichtlichen Spuren an sich tragen.

JOSEF BRAUN

 

»Diorama«

Internationaler Wettbewerb Kurzfilm |Ukraine | 2018 | Dokumentarfilm | 12 Minuten | russisch | englisch Untertitel | Deutsche Premiere

Passage Kinos Astoria 03.11.2018 / 22:00

Originaltitel: Diorama
Land: Ukraine
Jahr: 2018
Sprache: russisch
Untertitel: englisch
Laufzeit: 12 min.
Format: HD Videofile (QT H.264 1080p)
Farbe: Colour
Regie: Zoya Laktionova
Produktion: Nadia Parfan
Kamera: Zoia Laktionova
Schnitt: Mykola Bazarkin
Ton: Andrew Borysenko
Buch: Zoya Laktionovа

https://filmfinder.dok-leipzig.de/de/film/?ID=21723&title=Diorama

 

»No Obvious Signs«

Internationaler Wettbewerb |Ukraine | 2018 | Dokumentarfilm | 62 Minuten | russisch | englisch Untertitel | Internationale Premiere

Passage Kinos Astoria 03.11.2018 / 22:00

Originaltitel: Yavnykh proyaviv nemaye
Land: Ukraine
Jahr: 2018
Sprache: russisch
Untertitel: englisch
Laufzeit: 62 min.
Format: DCP
Farbe: Colour
Regie: Alina Gorlova
Produktion: Mariya Berlinska, Alina Gorlova
Kamera: Oleksiy Kuchma
Schnitt: Alina Gorlova
Musik: Ptakh Jung
Ton: Vasyl Yavtushenko
Buch: Alina Gorlova

https://filmfinder.dok-leipzig.de/de/film/?ID=20113&title=No+Obvious+Signs

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