DOK LEIPZIG 29. OKTOBER – 4. NOVEMBER 2018
61. INTERNATIONALES LEIPZIGER FESTIVAL FÜR DOKUMENTAR- UND ANIMATIONSFILM

»Dieser Film muss gezeigt werden«

Der Leipziger Produzent Jürgen Kleinig über den berührenden Film »Muhi« und die prekäre deutsche Dokfilm-Landschaft

muhiMuhi aus Gaza lebt in einem Krankenhaus. Dem schwerkranken Palästinenserjungen mussten die Gliedmaßen amputiert werden, nur sein Großvater ist bei ihm. Und dennoch hat er sich eingerichtet, lebt sein Leben mit großer Freude. Mitproduziert hat den Film die Leipziger Firma Neue Celluloid Fabrik. Dessen Inhaber Jürgen Kleinig lud uns zum Gespräch.

kreuzer: Wie sind Sie auf Muhi aufmerksam geworden?

JÜRGEN KLEINIG: Wir sind regelmäßig in Israel und kennen dort mit Hilla Medalia eine befreundete Produzentin, mit der wir auch »Shalom Italia« gemacht haben. Sie hat uns schon 2012 gesagt, dass sie an einer krassen Geschichte um einen kleinen Jungen dran ist, der im Krankenhaus aufwächst. Wir haben uns dann gleich getroffen mit den Regisseuren Rina Castelnuovo-Hollander und Tamir Elterman. Als sie uns das erste Material gezeigt haben, waren wir hingerissen. Das ist so ein heftiges Schicksal. Im kleinen Jungen spiegelt sich der ganze Nahost-Konflikt. Und doch ist es kein reiner Leidensfilm geworden, was auch an dem fantastischen Protagonisten liegt.

kreuzer: Muhi ist toll, aber auch sein Großvater ist als leidensfähiger und warmherziger Charakter heimlicher Hauptdarsteller …

KLEINIG: … der ist auch ein großartiger Mensch, ich habe sie alle kennenlernen dürfen.

kreuzer: Und da war Ihnen klar, der Film muss gemacht werden?

KLEINIG: Ja. Wir haben lange nach einem Sender und einem Verleiher gesucht, beides erfolglos bis heute erstaunlicherweise. Wir haben aber mit der MDM und FFA zwei Filmförderungen überzeugen können, uns auch ohne Sender zu unterstützen. Nach dem Motto: Dieser Film muss gemacht werden. Fantastische Zusammenarbeit mit den Regisseuren, die total offen waren. Und dann haben wir der Cutterin Joelle Alexis im Prinzip fünf Jahre Material auf den Tisch gelegt und sie hat dann komplett allein den ersten Rohschnitt gemacht. Da war allen klar: Das wird ein Film.

kreuzer: Der Film spielt den Jungen nicht gegen ein vermeintlich böses Israel aus, wie immer wieder zu erleben ist. War Ihnen solche Distanznahme wichtig?

KLEINIG: Der Großvater sagt ja im FIlm: »Both sides are shit.« Es ging uns nicht darum, Partei zu ergreifen, das würde uns auch nur in engem Rahmen zustehen. Es ist so wahnsinnig komplex und das zeigt »Muhi« symbolisch.

kreuzer: »Muhi«, »Shalom Italia«, »Nice Jewish Boy« ist angekündigt: Wie kam es zum kleinen Schwerpunkt Israel in Ihrer Arbeit?

KLEINIG: Das war Zufall. Wir hatten 2011 die Filmemacherin Tamar Tal Anati kennengelernt, die damals auf der Dok die Nachwuchstaube gewonnen hatte. Und da stimmte sofort die Chemie und wir haben »Shalom Italia« gemacht. Seitdem treiben wir uns in Israel herum, haben uns dort einen Namen gemacht. Und die Zusammenarbeit ist recht einfach, weil sie eine ähnliche Haltung haben, was Deadlines, strukturiertes Arbeiten, Verlässlichkeit angeht. Und dort blüht gerade eine wunderbare Kreativität.

kreuzer: Was macht man als Produzent?

KLEINIG: Das ist vielfältig, reicht von der Idee bis zur Ausstrahlung. Wir entwickeln einerseits Ideen und suchen dafür Regisseure. Dann entdecken wir Projekte, die internationale Partner suchen, weil sie in ihren Ländern nicht genug Gelder zusammenbekommen. Das heißt, wir suchen hier nach Geldgebern. Dann wird gedreht und der Produzent wird zum Kontrolleur und großen Organisator.

kreuzer: Sie haben für »Muhi« wirklichen kein Verleiher gefunden?

KLEINIG: Keiner sieht eine Gewinnmöglichkeit, also dass genug ins Kino gehen. Aber unser Ziel ist es, dass der Film gesehen wird, daher bringen wir ihn selbst heraus. Dafür haben wir eine Crowdfunding-Kampagne gestartet, um das Budget zu stemmen. Da hoffen wir, einigen Schwung von der Dok mitzunehmen. Das ist das vierte A-Festival und wir finden keinen Verleiher, das ist absurd.

kreuzer: Und das Fernsehen hielt sich auch zurück?

KLEINIG: Kein deutscher Sender wollte den Film, dafür haben wir jetzt einen norwegischen Sender, einen belgischen, einen niederländischen an Bord. Er ist in ein Dutzend Länder verkauft, wird gezeigt, nur bei uns nicht. Das ist leider ein Beispiel, wie es um den Dokumentarfilm im öffentlich-rechtlichen Bereich steht. Arte hat noch vier bis sechs Sendeplätze pro Jahr für solche Filme. Und dann gehen die Sender auch noch auf die lokale Schiene. Da haben wir es mit einer Horizonteinschränkung zu tun, dabei rufen die Zeiten von AfD doch nach dessen Erweiterung. Deutschland verpasst hier viel im internationalen Vergleich. Für »Muhi« hatten wir eine Anfrage von Netflix, das ging aber aus lizenrechtlichen Gründen nicht.

kreuzer: Netflix? Dort laufen Dokus tatsächlich, sind nicht nur Alibi?

KLEINIG: Selbstverständlich, neben den Serien werden die dort tatsächlich gern gesehen. Es ist noch ein bisschen problematisch mit den Diensten, weshalb es bei »Muhi« auch nicht geklappt hat. Netflix guckt auf den Festivals, was gerade ein Hit wird. Und dann rufen sie dich an, wenn andere schon ins Risiko gegangen sind. Sie produzieren noch nicht, aber das wird sicherlich kommen. Es ist heftig, was man in Deutschland für einen Standortnachteil hat.

kreuzer: Bietet Leipzig, angeblich eine Medienstadt, für Ihre Firma einen Vorteil?

KLEINIG: Hm, die MDM ist ein verlässlicher Partner, mit dem wir sehr gut zusammenarbeiten. Beim MDR bekommen wir sowieso keine Filme unter, da nimmt man uns als Bittsteller wahr, anders als beim SWR, wofür wir regelmäßig produzieren oder Arte. Daher ist eigentlich egal, wo wir sind. Aber Leipzig ist eine tolle Stadt, darum leben wir hier.

INTERVIEW: TOBIAS PRÜWER

CineStar 8: 02.11.2017 / 13:00 / 6,00 EUR / #442

CineStar 4: 05.11.2017 / 13:15 / 6,00 EUR / #712

https://filmfinder.dok-leipzig.de/de/film/?ID=16313&title=Muhi+–+Generally+Temporary

Crowdfunding: https://www.indiegogo.com/projects/muhi-generally-temporary-in-die-deutschen-kinos-film#/

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