DOK LEIPZIG 29. OKTOBER – 4. NOVEMBER 2018
61. INTERNATIONALES LEIPZIGER FESTIVAL FÜR DOKUMENTAR- UND ANIMATIONSFILM

Direct Cinema at its best

Einblicke in eine indische Textilfabrik gibt »Machines« auf hohem filmischen Niveau 

machines»Machines« zeigt eine gigantische Textilfabrik in Gurajat, Indien. Seit den 60er Jahren erfährt die Region im Westen des Subkontinents eine beispiellose unregulierte Industrialisierung, in der auch eine Vielzahl dieser Produktionsstätten errichtet wurde. Was »Machines« neben den aufgerufenen ethischen und sozialen Fragestellungen, etwa nach den Arbeitsbedingungen in einer globalisierten Welt und der Kontinuität kolonialer Verhältnisse, so spannend macht, ist, dass der Film sein Sujet handwerklich auf höchstem Niveau behandelt und dabei vor allem das Sinnliche der Filmerfahrung betont. Jains Debütfilm kommt ohne Voiceover, ohne Textinserts und ohne Score aus – Direct Cinema at its best.

In langen Einstellungen gleitet die Kamera durch Korridore, betont in ihrer Agilität nicht nur die stumpfe Gleichförmigkeit der Arbeit, erkundet darüber hinaus die enorme Tiefe des Labyrinths, in dem Tausende körperliche Arbeit extremer Härte verrichten, tagtäglich Zwölfstunden-Schichten schieben (bei einem Tageslohn von umgerechnet 2,50 Euro) und ungeschützten Kontakt mit Feuer, Chemikalien und Dämpfen haben. Ein Ort der Ausbeutung und Entmenschlichung also, der Fords Fließband als Proletarierparadies erscheinen lässt.

 

Auf der visuellen Ebene harmoniert grelles Neonlicht mit grauen, vom Tageslicht verlassenen Wänden, betont anderseits die Farbpalette und die optische Qualität der produzierten Stoffe, insbesondere das strahlende Weiß der Gardinen – ein Fremdkörper in diesem Moloch. Dreh- und Angelpunkt der ästhetischen Erfahrung ist zudem die Tonspur, die die Kakophonie der großen Maschine festhält und über die man dem sensorischen Erlebnis der Arbeiter wahrscheinlich am nächsten kommt.
Abseits seiner ästhetischen Qualitäten bietet »Machines« kein simplifizierendes Bild des ausgebeuteten Arbeiters auf der einen Seite und des ausbeutenden Kapitalisten und des konsumierenden Westerners auf der anderen. In Interviewsequenzen kommen (fast ausschließlich) die Arbeiter selbst zu Wort, in denen sie den Stolz auf ihr Handwerk, häufig auch die Verzweiflung über ihre Situation artikulieren. Nicht wenige von ihnen sind Immigranten, Gewerkschaften oder anderen Formen der Organisation gibt es keine. Und die Stellen, an denen sie betonen, dass sie nicht ausgebeutet werden (»Niemand zwingt uns«), wird auch klar, dass dieser Fatalismus einem Mangel an Alternativen und dem nach wie vor von Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten geprägten Gefüge der indischen Gesellschaft geschuldet ist.
Gegen Ende wird dem Film noch eine weitere metafilmische Bedeutungsschicht hinzugefügt, als eine Gruppe von Arbeitern sich direkt an die Kamera und den Regisseur dahinter wendet. Sie kritisieren Jain dafür, dass er sie für sein Filmprojekt ausbeute, ohne etwas für die Verbesserung ihrer Situation beizusteuern.

SEBASTIAN GEBELER



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