DOK LEIPZIG 29. OKTOBER – 4. NOVEMBER 2018
61. INTERNATIONALES LEIPZIGER FESTIVAL FÜR DOKUMENTAR- UND ANIMATIONSFILM

»Du denkst immer nur: Scheiße, scheiße, scheiße«

Monchi von Feine Sahne Fischfilet spricht über den Film »Wildes Herz« und seinen Besuch im Knast

Copyright: Neue Visionen Filmverleih

Copyright: Neue Visionen Filmverleih

Mit dem Film »Wildes Herz« hat Charly Hübner ein lustiges, berührendes, politisches und intimes Porträt über die Band Feine Sahne Fischfilet und vor allem ihren Sänger Monchi gedreht. Im Interview spricht Monchi mit uns darüber, was er bei der Weltpremiere gedacht hat und wie er den Film danach im Knast gezeigt hat.

kreuzer: Wie war es für dich, den Film zu sehen, der so viel Privates preisgibt? Unangenehm?

MONCHI: Das war alles. Schön, krass, scheiße, komisch. So viele Emotionen zugleich. In erster Linie aber komisch. Letzte Woche war ich noch bei »Saw« im Kino und jetzt sitzen 400 Leute im vollen Cinestar in Leipzig und sehen mich auf der Leinwand. Und du weißt schon, was kommt, und denkst immer nur: »Scheiße, scheiße, scheiße«. Es ist ja kein Film von uns, sondern von Charly Hübner. Wäre es ein Film von uns, hätten wir ein paar Szenen rausgeschnitten.

kreuzer: Welche?

MONCHI: Bei der Schiffsszene versinke ich jedes Mal …

kreuzer: Wo du erzählst, wie deine Freundin sein müsste.

MONCHI: Ja, das ist ja eigentlich keine schlechte Aussage: Es ist mir scheißegal, ob sie große oder kleine Titten hat, wenn sie cool ist. Gute Grundaussage. Das Problem ist, WIE ich es sage: Leicht angesoffen, wie ein alter Mann, wie so Leute, über die man sich auf Youtube lustig macht. Aber so bin ich halt. Der Film ist einfach sehr intim. Daher ist das sehr ambivalent, weil der Film ja nur so gut geworden ist, weil er so intim ist. Für mich ist das gut und schlecht zugleich, im Kino so die Hosen runterzulassen. Meine Eltern zu sehen, meine Exfreundin.

kreuzer: Gestern habt ihr den Film auch bei »Dok im Knast« gezeigt, also in der Jugenstrafvollzugsanstalt Regis-Breitingen. Wie war es da?

MONCHI: Hammergeil, hammerspannend. Eine superlange Diskussion, die die irgendwann abbrechen mussten. Zuerst dachten wir noch: Mal gucken, was kommt. Ich hab auch Freunde, die schon mal im Knast saßen. Ich selbst war zwei Jahre auf Bewährung, das sieht man ja auch im Film. Es stand also bei mir schonmal auf der Kippe, dass ich auch da hätte sitzen können. Ich glaube, wenn du heute ein Polizeiauto anzünden würdest, so wie ich mit 18, dann würdest du eingehen. Ich hatte Glück mit dem Jugendstrafrecht. Die Leute haben quasi auch die Weltpremiere des neuen Albums bekommen. Auf einmal hab ich im Gespräch mit denen die neuen Texte zitiert, weil es das war, über das wir gerade geredet haben. Persönliches und politisches.

kreuzer: Wieso wart ihr da?

MONCHI: Die haben sich den Film ausgesucht.Wir wussten gar nicht, was das wird. Wir hatten die Anfrage und die meinten, die würden sich freuen, wenn wir zur Diskussion kommen. Da hab ich mich voll gefreut. Für viele wäre es das Klischee: Irgendein Knast in der sächsischen Provinz, in dem nur Faschos sitzen. Und wir dachten, vielleicht kommen da vier, fünf Leute, weil die kein Bock haben, in ihrer Zelle zu sitzen. Könnte man ja verstehen. Ich würde mir auch jeden Scheiß reinziehen, wenn ich da wäre. Hauptsache nicht in der Zelle. Und ich hatte ein bisschen Angst, weil in dem Film ja peinliche Szenen drin sind und ich auch ganz schön das Maul aufreiße. Mal gucken, wie die darauf reagieren. Aber am Ende sind mit diese Leute viel näher, als die Studenten aus dem Goethe-Institut, mit denen ich zwei Stunden vorher diskutiert habe. Ich selbst hab nicht studiert, ich hab nicht mal Abi – drei Monate vorher abgebrochen. Das war der Knaller, mit den Leuten im Knast zu diskutieren und zu quatschen. Die haben völlig andere Fragen gestellt als in allen anderen Diskussionen bisher, weil die in einer ganz anderen Realität leben.

kreuzer: Was wollten die wissen?

MONCHI: Die haben mich gefragt: Wie war denn die Repression? Das hat mich noch nie jemand gefragt, obwohl das ja eine krasse Story ist, dass ich drei Jahre observiert wurde mit einem Peilsender unterm Auto. Das hat keinen der normalen Menschen interessiert, weil es zu fern von ihrer Welt ist, um überhaupt auf die Frage zu kommen, wie es ist einen Peilsender am Auto zu haben oder am Handy abgehört zu werden. Drei Jahre lang. Am Ende haben die gar nichts gefunden. Niente.

Die Vorstellung im Knast war etwas sehr Besonderes. Die haben noch eine Laudatio gehalten und uns den ersten Dokfilmpreis gegeben, den selbst die gebastelt haben. Da hab ich mich sehr gefreut.

INTERVIEW: JULIANE STREICH

Mehr zu Feine Sahne Fischfilet, dem neuen Album »Sturm und Dreck« und ihrer Tour in einem der nächsten kreuzer

Die Rezension zu »Wildes Herz« hier

Kommentarmöglichkeit ist beendet.

Basiert auf dem WordPress-Theme
Esquire von Matthew Buchanan