DOK LEIPZIG 29. OKTOBER – 4. NOVEMBER 2018
61. INTERNATIONALES LEIPZIGER FESTIVAL FÜR DOKUMENTAR- UND ANIMATIONSFILM

Failed State Kongo

»Das Kongo-Tribunal« von Milo Rau

kongo-tribunalSeit fast 20 Jahren toben im Ostkongo bewaffnete Auseinandersetzungen, an denen neben verschiedenen lokalen Kriegsparteien – Paramilitärs, Polizeitruppen und Rackets – auch diverse internationale Player direkt oder indirekt beteiligt sind – durch Rüstungsexporte, diplomatischen Einfluss, humanitäre Hilfe oder Großkonzerninteressen.Dieser Konflikt hat bereits mehr als sechs Millionen Menschen das Leben gekostet und wird von vielen Beobachtern nicht nur als Kampf um die politische Vorherrschaft in Afrika, sondern auch als zentraler Konflikt einer neokolonialen Weltordnung betrachtet, in dem es u.a. um seltene Rohstoffe geht – vor allem um Coltan, das vom Handy bis zum Elektroauto in jedem Gerät verbaut ist, das über einen Akku verfügt.

Anhand des titelgebenden Tribunals, das im Mai 2015 im Ostkongo und wenige Wochen später in Berlin stattfand, schildert Milo Rau die Hintergründe und Zusammenhänge dieses Konflikts.

Dabei ist der Film einerseits Dokumentation des fiktiven – aber nicht wirkungslosen –  Gerichtsverfahrens, enthält andererseits begleitendes Material, das die innerhalb der Verhandlung vorgebrachten Verbrechen kontextualisiert.

Die internationale Jury des Prozesses ist prominent besetzt, u.a. mit dem Soziologen Jean Ziegler, zwei Anwälten des Strafgerichtshofs in Den Haag, Vertretern von Regierung und Opposition und der kongolesischen Streitkräfte. Eine Konstellation, die es so noch nie gegeben hat. Hier geht es zwar um Wahrheitsfindung, mehr aber noch darum, dass die Opfer und Überlebenden sich artikulieren können oder überhaupt öffentlich zusammen kommen, wozu es im Kongo nur selten die Möglichkeit gibt. Über ihre Zeugenschaft soll sichergestellt werden, dass ihre Erlebnisse als solche, dass ihr moralischer Status als Opfer anerkennt werden und im besten Fall damit einhergehende Entschädigungsforderungen auch durchsetzbar sind.

Zentrales Erzählprinzip von „Das Kongo-Tribunal“ ist, ähnlich wie in anderen Arbeiten Raus und seines „International Institute for Political Murder“ – z.B. „Die letzten Tage der Ceausescus“ oder „Die Moskauer Prozesse“ – ein juristisches. Überlebende von Massakern, Minenarbeiter und Ausgebeutete äußern sich zu ihren traumatischen Erlebnissen und ihren Lebensumständen.
Stellvertretend für eine Vielzahl von Massenmorden und strukturellen Ungerechtigkeiten wählt Rau drei Fälle, etwa den des Dorfes Muturale in der Nähe Burundis, das unter den Augen tatenloser UNO-Truppen massakriert wurde. Schnell wird deutlich, dass diese Konflikte, anders als häufig behauptet, keine ethnischen und lokalen sind, sondern globale und von Wirtschaftsinteressen geleitete.

Historisches Vorbild des Kongo-Tribunals ist übrigens das Vietnam-Tribunal von 1966/67, in dem Jean-Paul Sartre, Peter Weiss und viele andere den Vereinigten Staaten den Schauprozess machten. Letztlich wurden die USA nahezu in allen Anklagepunkten – Genozid, Verstöße gegen das Kriegsrecht und so weiter – schuldig gesprochen. Auch im Kongo-Tribunal werden die Schuldigen benannt.

SEBASTIAN GEBELER

»Das Kongo-Tribunal«: Schweiz, Deutschland | 2017 | Internationaler Wettbewerb | R: Milo Rau | 100 Minuten | deutsch, englisch, französisch, swahili | deutsche, englische Untertitel | Internationale Premiere

 
CineStar 8: 31.10.2017 / 19:30
CineStar 6: 01.11.2017 / 22:30

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