DOK LEIPZIG 29. OKTOBER – 4. NOVEMBER 2018
61. INTERNATIONALES LEIPZIGER FESTIVAL FÜR DOKUMENTAR- UND ANIMATIONSFILM

Idole

Einer, der noch seinen Idolen hinterher jagt. Eine, die selbst zum Idol geworden ist. Zwei Außenseiter träumen groß: »Call me Tony« und »Gwendolyn«

call-me-tonyKonrad ist ein klassischer Antiheld: Er träumt große Träume vom Bodybuilding und von einer Schauspielkarriere, doch so richtig gelingen will ihm nichts. Sein Vater stellt hohe Ansprüche, seine Mutter versucht ihn auf die (ihrer Ansicht nach) rechte Bahn zu lenken. Dazwischen geht der junge Pole seinen eigenen Weg, reist allein zu einem Amateur-Bodybuildingwettbewerb, nur um grandios zu scheitern, steht wieder auf, scheitert erneut. Und dann sind da auch noch die Abschlussprüfungen an der Schule. Die Kamera inszeniert Konrad meist als einsamen Außenseiter, der anderen Menschen zwar überaus hilfsbereit, aber distanziert gegenübertritt. Ein Einzelgänger, ganz wie seine Idole: Al Pacino als Tony Montana in »Scarface« und Robert DeNiro in »Taxi Driver«. Konrad bewundert vor allem, dass sie durch ihre Exzentrik unsterblich geworden sind. Und vielleicht ist das auch ihm eines Tages vergönnt, immerhin hat er nun etwas erreicht, was nur wenige schaffen: Einen Dokumentarfilm ganz für sich allein.

Regisseur Klaudiusz Chrostowskis begleitet Konrad auf der Suche nach einem Platz im Leben zwischen Proteinshakes und Theaterklasse. Auch er bleibt meist auf Distanz, filmt durch Türen, lässt Konrad seinen Raum. Wodurch gerade die Nahaufnahmen – etwa wenn er sich nach dem für ihn erfolglosen Bodybuilding-Wettbewerb die aufgesprühte Bronzefarbe von der Haut wäscht – einen umso intensiveren Einblick geben. Dabei weckt der Film glücklicherweise nie das Gefühl von Mitleid für Konrad, sondern vielmehr Anerkennung für den Umgang mit den Problemen des Erwachsenwerdens eines eigentlich ganz normalen Teenagers.

Gwendolyn hingegen hat all diese Unsicherheiten, vor denen ein junger Mensch steht, schon längst hinter sich. Die 65jährige hat Kinder, Kindeskinder und ein gefestigtes Leben. Die gebürtige Österreicherin spricht mindestens vier Sprachen (wie wir so ganz nebenbei erfahren), schreibt gerade an einem Buch und führt ein angenehmes Leben mit ihrem Lebensgefährten in London. Kaum zu glauben ist es, dass diese zarte Person mit stolzen 52 Jahren eine Karriere als Gewichtheberin begonnen hat. Und so übt sie tagtäglich mit ihrem Trainer in der Halle: Stehen, entschlossener Schritt, Gewichte in die Höhe, wieder runter, absetzen. Mal mit Gewichten, mal nur mit der Trainingsstange. Gwendolyn zeigt sich unermüdlich, auch wenn sie von Rückschlägen nicht verschont blieb: Hinter dem rechten Ohr wurde bei ihr Krebs diagnostiziert. Durch mehrere Operationen sind Gesichtsmuskeln und auch der Nacken betroffen, ihren Arm kann sie nur eingeschränkt bewegen. Trotzdem holt sie einen Titel nach dem anderen in ihrer Alters- und Gewichtsklasse, ohne dass das Gewichteheben bei ihr nach großer Anstrengung aussieht. Haltung bewahren, das hat Gwendolyn gelernt. Auch wenn sie beim Wettkampf schnell wieder von der Bühne huscht, wenn sie die Gewichte erfolgreich in die Luft befördert hat. Erst bei der Lesung ihres Buches ist sie ganz sie selbst: Eine Kämpferin, die sich nicht von Rückschlägen beeindrucken lässt.

HANNE BIERMANN

»Call me Tony«: Polen | 2017 | Internationaler Wettbewerb | R: Klaudiusz Chrostowski | 63 Minuten | polnisch | englische Untertitel | Weltpremiere
 
CineStar 8: 31.10.2017 / 22:00
CineStar 4: 02.11.2017 / 19:45
Cinémathèque Leipzig: 05.11.2017 / 20:00
 
 
»Gwendolyn«: Österreich | 2017 | Internationaler Wettbewerb | R: Ruth Kaaserer | 85 Minuten | englisch, portugiesisch | englische Untertitel | Weltpremiere
 
CineStar 8: 01.11.2017 / 22:00
CineStar 6: 03.11.2017 / 13:30
Schaubühne Lindenfels: 04.11.2017 / 22:00
 
 
 

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