DOK LEIPZIG 29. OKTOBER – 4. NOVEMBER 2018
61. INTERNATIONALES LEIPZIGER FESTIVAL FÜR DOKUMENTAR- UND ANIMATIONSFILM

Neue Perspektiven

»Licu, a Romanian Story« von Ana Dumitrescu 

licuLiviu Canţer, genannt Licu, zeigt die Einschusslöcher an seiner Hausfassade. Während der Revolution von 1989 wurde in dem Wohnhaus des 92-jährigen Rumänen ein Terrorist vermutet. Er musste sich Tage lang in seinem Haus verschanzen, verkleidete die Wände mit Matratzen, damit die Schüsse nicht durchdringen konnten. Einige der Löcher hat er bereits verspachtelt, andere liegen noch offen. Licu ist einer der letzten Überlebenden seiner Generation. Er erlebte den Weltkrieg, den Kommunismus, die Revolution und das, was nach der Revolution kam.

In »Licu, a Romanian Story« erzählt er seine Geschichte, die stellvertretend für das Schicksal vieler anderer Rumänen aus dieser Zeit steht und das vielen weitgehend unbekannt scheint, setzen wir uns doch fast ausschließlich mit der eigenen Geschichte auseinander. Seiner unbeschwerten Kindheit als Liebling der Mutter wurde ein jähes Ende gesetzt, als der zweite Weltkrieg ausbrach und die Sowjets nach Rumänien einmarschierten. Flucht – eine andere Option gab es nicht. Ohne Hab und Gut floh die Familie, hatte nur die Klamotten bei sich, die sie am Leib trugen.

Licus Haus ist voller Erinnerungen – an gute, wie an schlechte Zeiten. Er zeigt Regisseurin Ana Dumitrescu einen Spiegel, den er eigentlich schon vor langer Zeit für seine Frau bauen wollte. Ein Handspiegel, wie Märchenprinzessinnen ihn haben. Er hatte aber nie die Zeit dafür gefunden. Schließlich kam ihm der Tod zuvor. Seine Erzählung beginnt zu stocken. Obwohl seine Frau Loulou schon seit rund zehn Jahren tot ist, baut er den Spiegel im letzten Jahr – für seine Enkelin. Zwei Wochen hat er dafür gebraucht. Er stockt wieder.

Licu ist authentisch und ehrlich. Es ist erstaunlich, an wie viele Details er sich erinnert. Durch seine zahllosen Fotos wird man wie von einem Strudel in die Geschichte hineingesogen. Man fühlt mit Licu, wenn er vom Tod seiner Frau oder dem Kommilitonen, der tot auf der Straße aufgefunden wurde, erzählt, und man schmunzelt, wenn er seine Apparatur zum Herstellen von Brandy vorstellt. Es ist, als würde man selbst in seinem Wohnzimmer sitzen und die Geschichte erzählt bekommen. Ana Dumitresu hat mit Liviu Canţer einen Charakter ausgewählt, der charismatisch ist und dem man gerne zuhört. Vor allem die Szenen, in welchen die Kamera einfach im Haus steht und Licu zeigt, wenn er zum Beispiel die Hunde füttert, erzeugen Nähe. Da der Film komplett in schwarz-weiß gedreht wurde, kommt Licus Erzählung aber nicht in der Gegenwart an und das, was er zur heutigen Zeit erzählt, rückt in weite Ferne. Noch weiter weg, als seine Geschichte in Rumänien für uns ohnehin schon liegt.

MARISA BECKER

»Licu, a Romanian Story«: Rumänien 2017 | 86 Minuten | Internationaler Wettbewerb | R: Ana Dumitrescu | rumänisch | deutsche Untertitel

https://films2017.dok-leipzig.de/de/film/?ID=16020&title=Licu%2c+a+Romanian+Story

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