DOK LEIPZIG 29. OKTOBER – 4. NOVEMBER 2018
61. INTERNATIONALES LEIPZIGER FESTIVAL FÜR DOKUMENTAR- UND ANIMATIONSFILM

»Ohne mich wäre das viel einfacher gewesen«

»The Strange Sound of Happiness« Regisseur Diego Pascal Panarello über die Suche nach dem Glück, unbekannte Welten und ein Instrument, das sein Leben verändert hat

strangesoundIch treffe Diego Pascal Panarello im Festivalzentrum des Dok. Er sitzt gemütlich an einem Tisch mit seinen Freunden aus Jakutien, als ich dazu stoße. Panarello stammt aus Sizilien, wo auch die Geschichte seiner Dokumentation »The Strange Sound of Happiness« beginnt. Die Hauptrolle in seiner Dokumentation spielt ein kleines, recht unbekanntes Instrument: die Maultrommel.

kreuzer: Ihr Film heißt »The Strange Sound of Happiness« – inwiefern bedeutet der Klang der Marranzano (Maultrommel) für Sie Glück?

DIEGO PASCAL PANARELLO: Für mich bedeutet Glück, einen versteckten Ort zu entdecken. Ich lebe auf dem Land und habe viele kleine, versteckte Wege gesehen, die ich nie entlang gelaufen bin. Manchmal, wenn man ein bisschen neugieriger ist als sonst, dann läuft man diese Wege. Diese Wege, die direkt am eigenen Haus entlang führen, aber einen nie interessiert haben. Wenn man sie dann langläuft, entdeckt man vielleicht ein Schloss. Für mich repräsentiert die Marranzano das Schloss, weil dieses Instrument in meiner Gegend sehr bekannt ist, aber ich sie nie gespielt habe. Irgendwann bin ich dann diesen Weg der Marranzano gelaufen und habe schließlich Jakutien, eine versteckte Welt, entdeckt, die sich hinter dem Instrument verbirgt. Mein Leben zu Beginn des Films war nicht gut, weil ich kein Ziel hatte. Deshalb soll der Film die Menschen dazu animieren, diese versteckten Wege zu laufen. Dieses Schloss, das man entdeckt, das ist Glück für mich.

kreuzer: Wie sind Sie denn auf die Idee gekommen, einen Film über die Marranzano zu drehen? War das von Anfang an der Plan?

PANARELLO: Ja, am Anfang wollte ich eine einfache Dokumentation über das Instrument drehen. Ich sprach mit den Spielern und den Leuten, die das Instrument herstellen. Ich habe die Dokumentation geschnitten und sie war auch schön. Aber während ich das Material bearbeitete, stellte ich fest, dass ich ein Teil der Dokumentation geworden bin. Ich war ein Teil der Prophezeiung in Jakutien. So habe ich festgestellt, dass der Film nicht von dem Instrument handeln muss, sondern von meiner Geschichte.

kreuzer: Wie sind Sie denn das erste Mal mit dem Instrument in Berührung gekommen? In Europa ist es ja nicht so populär.

PANARELLO: In Sizilien ist es sehr bekannt, allerdings nur als Souvenir. Irgendwann wachte ich auf und bin in einen Souvenirshop gegangen, einfach um dieses Instrument zu kaufen. Seitdem ich das erste Mal das Instrument gespielt habe, fühle ich mich immer wohl, wenn ich es spiele. Wenn du es an die Zähne anlegst und zum Schwingen bringst, fängt dein Kopf an zu vibrieren. Es gibt dir eine Massage für dein Gehirn, es macht dich friedlich und lässt dich deine Sorgen vergessen.

kreuzer: Was war ihre Intention, den Film zu drehen? Wollten Sie das Instrument der Welt vorstellen oder ihre eigene Geschichte erzählen?

PANARELLO: Beides. Der Meister in Jakutien gab mir eine Marranzano und sagte mir, dass ich durch das Instrument für das Instrument sprechen kann. Aber natürlich spreche ich auch über meine Geschichte.

kreuzer: Warum wollen Sie der Öffentlichkeit Ihre Geschichte erzählen?

PANARELLO: Ich wollte am Anfang gar nicht im Film auftreten. Ich wollte eine klassische Dokumentation machen. Ab einem gewissen Punkt der Dreharbeiten war ich aber bereits in den Film involviert. Einfach so. Man hat meine Präsenz im Film gespürt. Ich war so tief in den Geschichten der Menschen drin, dass ich einfach teilnahm. Hätte ich mich nicht selbst in die Geschichte mit rein genommen, wäre ein dummer Film das Ergebnis gewesen, weil ich so viel Material hatte. Ich bin sozusagen der rote Faden im Film. Selbst der Produzent des Films sagte mir, dass ich mich selbst in den Film mit reinnehmen soll, weil ich der Film sei. Ich wollte das nicht. Der schwierigste Part des Films war es, meine Geschichte zu erzählen. Ich habe lange gebraucht, um diesen Film zu machen. Ohne mich wäre das viel einfacher gewesen.

kreuzer: Weil es schwierig ist, über sich selbst zu sprechen?

PANARELLO: Ja, weil du mit deinem Ego klar kommen musst. Du stellst dich selbst in den Mittelpunkt, das ist eine stupide Art der Psychoanalyse. Das Problem ist, dass man ganz schnell einen langweiligen Film macht, wenn man sich selbst vor die Linse holt. Ich glaube es war Orson Welles, der gesagt hat: »Wenn du einen Film zur eigenen Psychoanalyse machst, lass es. Geh zum Psychologen.« (lacht) Ich glaube zumindest, dass er es war.

kreuzer: Im Film sieht man auch viele Szenen, in denen Sie in jung zu sehen sind – sind Sie das wirklich oder ist das ein Schauspieler?

PANARELLO: Das sind Szenen aus meinem ersten Kurzfilm, den ich mit 19 gemacht habe. Er heißt »Play Tennis and Shot«. Das ist ein Film gegen die Chemie-Industrie – der Junge in dem Film, mein Cousin, sollte alle mit einem Tennisball umbringen. (lacht) Es war ein toller Film. Insofern hat mein Cousin hauptsächlich mein »jüngeres Ich« gespielt. Aber es sind auch ein paar Szenen mit mir dabei.

kreuzer: Die Marranzano wird auch als Gedankenvertreiber bezeichnet – würden Sie das unterschreiben?

PANARELLO: Auf jeden Fall! Ich benutze es, wenn ich nervös bin. Es vertreibt deine Gedanken zwar nicht, aber es ordnet sie. Man kann gar nicht an Nichts denken. Man kann nicht einfach aufhören damit. Aber das Instrument hilft auf jeden Fall dabei. Allerdings sehe ich das so: Was für mich die Marranzano ist, kann für andere ein Kaffee sein. Das ist also kein Pauschalrezept.

kreuzer: Im Intro des Films sagen Sie über sich selbst, Sie seien das Sprachrohr des Instruments geworden. Wie meinen Sie das?

PANARELLO: Ich kenne keinen anderen Film, der sich mit dem Instrument beschäftigt. Ich sage das, weil laut der Prophezeiung, die im Film erzählt wird, ein kleiner Mann aus einer anderen Welt nach Jakutien kommt, der die Marranzano populär macht.

kreuzer: Von wem stammt diese Prophezeiung?

PANARELLO: Sie stammt von Alexej  Kulakovski, dem Nationalpoeten aus Jakutien. Er schrieb vor über einhundert Jahren ein Gedicht über die Khomus (Anm. d. Red.: anderes Wort für Maultrommel) und einen Mann, der Jakutien mit dem Rest der Welt verbinden wird. Jakutien ist ein großer, aber unbekannter Ort. Deshalb ist die Khomus für Sie die Verbindung zum Rest der Welt.

kreuzer: …und Sie sind dieser Mann?

PANARELLO: Ja, warum nicht? Ich meine, ich könnte es sein oder ein anderer Mann. Vielleicht kommt in den nächsten zehn Jahren ein anderer Mann. Das halte ich offen. Die Dokumentation soll die Fantasie der Zuschauer anregen, deshalb würde ich diesen Interpretationsspielraum gerne bewahren, auch für mich.

kreuzer: Sie sagen, Musik ist überall – wo ist die Musik jetzt?

PANARELLO: In Ihrem Lachen! (lacht) Ich meine Musik ist da, wo man sich umschaut. Sie ist in einem. Musik kann man in den sehr gelangweilten Augen der Leute auf dem Weg zur Arbeit finden. Wenn man nicht nach der Musik sucht, dann kann man sie auch nicht finden.

kreuzer: Es gibt eine Szene, in der tauchen Sie im Meer und schwimmen geradewegs auf eine schwarze Wand zu. Währenddessen erzählen Sie, dass Sie eine Marranzano-Spielerin finden und heiraten möchten, um eine »Love Band« zu gründen. Wie passt das zusammen?

PANARELLO: Ich war am Träumen. Ich dachte über ein wunderschönes Mädchen zum Heiraten nach. Das passte für Sie wohl nicht zu einer dunklen Wand, was? Ich spiele zwar gern mit Kontrasten, aber in diesem Fall habe ich an das Unbekannte gedacht. Manchmal ist auch eine Liebesgeschichte ein unbekannter Ort, an den man gelangt. Ich möchte nicht über Glück sprechen und dabei Blumen zeigen.

kreuzer: Haben Sie durch die Marranzano Ihr Glück gefunden?

PANARELLO: Ich glaube nicht an Glück. Ich möchte niemandem vorgaukeln, dass ich durch das Instrument Glück gefunden habe. Für mich ist Glück nichts, wonach man suchen und was man finden kann.

kreuzer: Und trotzdem suchen viele danach…

PANARELLO: Ich habe nach dem Instrument gesucht, nach der Zikade. Am Ende des Films berühre ich sie – dieser Moment war Glück für mich, aber er verschwand auch im nächsten Moment wieder. Ich glaube wenn Leute verreisen, um ihr Glück zu suchen, werden sie keine gute Zeit haben. Man kann Glück überall finden, in den banalsten Situationen. Ich hoffe, dass die Leute meinen Film nicht so sehen: Dass der Protagonist unglücklich war und sich dann auf die Suche nach Glück begab.

kreuzer: Was war das Wichtigste, was Sie in Jakutien gelernt haben?

PANARELLO: Ich habe nicht direkt etwas gelernt, aber ich habe viel beobachtet, zum Beispiel Dialoge mit den Verstorbenen. Dafür gibt es kein Ritual, aber du spürst deinen Freund in dir. Um Ihnen ein Beispiel zu geben: Ich habe nie Zahnseide benutzt. Vor ein paar Jahren starb ein Freund von mir, der Zahnarzt war. Ich fing dann an, Zahnseide zu benutzen und sprach währenddessen mit ihm, weil ein Großteil meiner kaputten Zähne von ihm repariert wurde.

kreuzer: In Ihrem Film zeigen Sie viele Töne, die denen der Marranzano sehr ähnlich sind, zum Beispiel einen Rasierer. Warum?

PANARELLO: Weil das sehr simple Töne sind. Im alltäglichen Leben. Sie vibrieren und es ist eine einfache Art Musik zu machen. Sie können ein Zikaden-Orchester aufnehmen und haben sofort ein Album. Es ist die Vibration des Rasierers oder der elektrischen Zahnbürste. Ich bin kein Musiker, aber ich versuche einer zu sein mit diesem einfachen Instrument.

kreuzer: Am Ende des Films bricht ihr Instrument, wird aber wieder zusammengeflickt. Ist der Klang nun besser oder schlechter?

PANARELLO: Natürlich ist er besser, weil das Instrument nun eine Geschichte erzählt. Vorher war es nur eine Marranzano mit einem guten Klang, nun hat sie einen neuen Sound. Ich kann nicht sagen, ob er nun besser oder schlechter ist, aber er ist auf jeden Fall wertvoller.

INTERVIEW: MARISA BECKER

»The Strange Sound of Happiness«: Deutschland, Italien 2017 | 89 Minuten | Next Masters Wettbewerb | R: Diego Pascal Panarello | englisch, italienisch, russisch

Cine Star 6 | 04.11.2017 | 13:30 Uhr

 

 

 

Kommentarmöglichkeit ist beendet.

Basiert auf dem WordPress-Theme
Esquire von Matthew Buchanan