DOK LEIPZIG 29. OKTOBER – 4. NOVEMBER 2018
61. INTERNATIONALES LEIPZIGER FESTIVAL FÜR DOKUMENTAR- UND ANIMATIONSFILM

Persönliche Reizüberflutung

Die Abende sind lang und ausgefüllt während der DOK-Woche. Manchmal sind sie auch chaotisch. Kann am derzeitigen Vollmond liegen, kann aber auch an der durchaus positiven Reizüberflutung durch Filme multipliziert mit Filmen liegen.

Gestern Abend wurde ich Zeugin meiner eigenen Reizüberflutung. Ich – ohnehin mit flatternden Nerven gesegnet, immer ein kleines Plastiktütchen zur Regulation meiner Schnappatmung in der Hosentasche – muss jetzt ganz schnell ins Kino! Aber mein Fahrrad ist nicht da, ich nehme also das meines Partners. Es ist zu groß, der Sattel reicht mir im Stehen bis zur Schulter, aber welche Wahl habe ich, zehn Minuten vor Filmbeginn?! Ich muss ausgesehen haben wie ein artistisch ambitionierter Storch als ich halsbrecherisch vor den Passage-Kinos zum Stehen komme und einen letzten freien Platz an den überfüllten Fahrradstangen ergattere. Aber egal, perfekt zum Filmstart keuche ich über die Schwelle zur Eingangshalle. Der prüfende Blick auf die Eintrittskarte jedoch sagt mir: Falsches Kino.

Unruhig tasten meine Hände schon nach dem Plastiktütchen. Mir kommen Schimpfwörter über die Lippen.Verdammt! Also Atmung regulieren und zurück zum überdimensionierten Gefährt, um den Weg zum richtigen Kino einzuschlagen. Laut Plan beginnt in dieser Sekunde die Projektion. Aber wie gut, dass Pläne im Festivalgetümmel flexibel gehandhabt werden und ich es trotz allem, wenn auch übermäßig erhitzt, in den großen Saal des Cinestar schaffe und den sehr berührenden »Lampedusa im Winter« (Wdh. 1.11. 20 Uhr, Cinémathèque) in voller Länge sehen kann. Wenn ihr also da draußen in den nächsten Tagen panische Menschen mit starrem Blick seht, die immer wieder Schimpfwörter vor sich hin sagen – nehmt es ihnen nicht übel. Möglicherweise haben sie gerade kapiert, dass sie vorm falschen Kino stehen.

INGA BRANTIN

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