DOK LEIPZIG 29. OKTOBER – 4. NOVEMBER 2018
61. INTERNATIONALES LEIPZIGER FESTIVAL FÜR DOKUMENTAR- UND ANIMATIONSFILM

Reaktion: »Alter!«

Auch im Knast werden Filme des Festivals gezeigt

Die erste Frage, die kommt, lautet: »Was heißt D.O.K.?« Ein Pappschild mit dem selbstgemalten Dok-Logo ziert die Bühne, die die Insassen der JSA Regis-Breitingen vorbereitet haben. Kurz sind Moderator Matthias Heeder und Regisseur Alexander Riedel irritiert. Gerade lief Riedels Film »Valentina, 26« in dem Veranstaltungsraum des Gefängnisses, etwa die Hälfte des Publikums besteht aus Menschen mit Besucher-Ausweisen, die andere Hälfte lebt derzeit hier. Zwischen 14 und 27 Jahren sind die Gefangenen, alle männlich.

»DOK steht für für Dokumentarfilmfestival«, erklärt Heeder. Nachdem das geklärt ist, ähneln die Fragen denen anderer Fragerunden. Wie kam Valentina zu ihren Job als Pflegerin? Wie geht es ihr jetzt? Woher kennt der Regisseur sie? Der Film stößt hier auf Interesse, was wohl hauptsächlich an der Hauptfigur liegt. Die 26-jährige Valentina aus dem Kosovo, die inzwischen in Deutschland lebt, schminkt sich gern, sie trägt enge Jeans, sie flucht oft und raucht mit ihrem Patient Zigaretten, während sie zusammen auf dem E-Rollstuhl durch die Straßen cruisen. Das gefällt den jungen Männern, die hier gutaussehende Frauen auf der Leinwand auch mal mit »Wow«-Rufen kommentieren. Und man fragt sich kurz, wieso Riedel seine Protagonistin eigentlich auch beim Duschen und in der Badewannen zeigen musste.

»Gefiel mir gut«, sagt ein Zuschauer später. »Nicht nur, weil die Frau gut aussieht, sondern weil ich es interessant fand, wie gut sie sich hier eingelebt hat. Es leben sich ja nicht alle so gut ein.« Eine sechsköpfige Jury, die im Gefängnis an der »Ästhetische Bildung“ oder Kunstpädagogik teilnehmen, hat die Filme, die an drei Abenden im Gefängnis laufen, ausgesucht aus Vorschlägen, die ihnen von den Dok-Machern unterbreitet wurden. „Wir haben Filme ausgewählt, die eine Message haben«, sagt Jury-Mitglied Jimmy, »Wir fanden diesen interessant, weil man eine Familie sieht, die hier Asyl beantragt hat, und wie sich Valentina in den Jahren weiterentwickelt hat«, begründet ein Jury-Mitglied auf der Bühne die Auswahl. »Ich hoffe, Ihnen haben die Filme gefallen und freue mich jetzt auf die Diskussion«, fügt er noch an.

Die Vorführung läuft im Grunde so ab, wie alle anderen des Dok-Festivals auch. Der Trailer wird gezeigt (Reaktion: »Alter!«), es gibt einführende Worte und nach dem Film ein kurzes Gespräch mit den Regisseuren, bei dem dann auf das obligatorische »Gibt’s noch weitere Fragen« auch mal jemand »Nee« brüllt. Unruhiger ist es hier, jemand fordert eine Raucherpause, aber dennoch schauen alle gespannt zu.

Auch beim zweiten Film des Abends: »Boy« – über ein afghanisches Mädchen, das sich wie ein Junge kleidet, um sich frei bewegen und auf der Straße spielen, Fahrradfahren oder einkaufen kann. »Wir fanden spannend, wie Frauen in Afghanistan mit ihren Rechten umgehen«, lautet die Jury-Begründung. Auch hier stellt sich die Regisseurin den Fragen. Ein Junge will zum Beispiel wissen, wie gerade die politische Situation in Afghanistan ist, ob die Taliban wieder an der Macht.

Im persönlichen Gespräch, zu dem nach der Vorführung noch Gelegenheit besteht, erzählt Häftling Vitaly, dass sie zwar Radio auf dem Zimmer haben, aber keinen Fernseher beziehungsweise nur mit Anmeldung fernsehen können. Sie können sich auch Filme ausleihen. Aber das sind meistens Blockbuster-ähnlichere als die gerade gesehenen. Nicht nur deswegen sind die Dok-Vorführungen im Gefängnis wohl, wie es Moderator Heeder ausdrückt, »die beste Idee«, die je an das Festival herangetragen wurde.

JULIANE STREICH

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