DOK LEIPZIG 28. OKTOBER – 3. NOVEMBER 2019
62. INTERNATIONALES LEIPZIGER FESTIVAL FÜR DOKUMENTAR- UND ANIMATIONSFILM

Rechtsoffen für Menschlichkeit und Fairness

Unkritisch feiert »Lord of the Toys« Dresdner Youtube-Prahlhanse ab, die mit ein »bisschen Hitler« kein Problem haben

Dresden trollt die Dok: Schon wieder lässt ein unkritischer Dresdendokumentarfilm auf dem Festival Menschen ungefiltert zu Wort kommen, die wenig Probleme mit rechten Positionen haben. Um es mal harmlos auszudrücken. Ganz so drastisch wie das Draufhalten auf Pegida in »Montags in Dresden« im vergangenen Jahr ist »Lord of the Toys« nicht. Er verweigert aber jeden Kontext und Hintergründe seiner Protagonisten. Womit er ihr Tun – je nach Lesart – verharmlost oder ihnen eine exklusive Bühne zur reinwaschenden Promotion bietet.

Denn auf Publicity sind die im Film porträtierten jungen Männer nicht unbedingt angewiesen. Die Youtuber mit Namen wie Adlersson, Inkognito Spastiko und Hector Panzer haben zum Teil mehr als 100.000 Abonnenten, Instagram-Follower etc. pp. Die Dresdner Clique gefällt sich beim Rumpöbeln, Leute öffentlich dumm machen und beim Komasaufen. Immer läuft die Handy-Kamera mit – Stoff für die manischen Kanäle und die auf neuen Stoff warteten Fans. Soweit so beliebig. In der ewigen Wiederkehr pubertierender Zustände gefangene Männer gibt es immer wieder. Nicht wenige von ihnen sondern ihren narzistisch bewegten Minderwertigkeitskomplex im Videoformat im Netz ab. Dort, wo es auch für den sinnlosesten Scheiß noch Resonanzräume gibt. Lasst sie doch ihren Geigel machen, könnte man sagen.

Doch so harmlos sind die Männer nicht. Max Herzberg, wie Adlersson bürgerlich heißt und so etwas wie der kopflose Kopf der Clique ist, bedient sich gern des Nazisprechs oder daran angelehnter Varianten. »Wollt ihr den totalen Suff?«, fragte er einmal mit Anspielung an Goebbels‘ Sportpalast-Kriegsrede. Wer kann nicht lachen über Hitlerbilder, »Hitler«-Rufe, »Honigkaust« und »JewTube«? Ist doch alles nicht so gemeint, sagte er der Zeitung Welt, die als erste über Herzbergs Hintergründe berichtete. Seine Herkunft dient ihm denn auch gleich als Alibi: »Wir kommen aus dem tiefsten Osten. Es sind sehr viele so rechts, so wächst man auf, das ist halt normal. Man sieht sich selbst nicht als rechts, wenn man was raushaut.« Und: »Ein ganz kleines bisschen Hitler, das tut doch keinem weh?!«

Dass das nicht nur Koketterie ist, zeigen unter anderem seine Likes für Beiträge der Identitären Bewegung. Da hilft der Verweis, dass ihn Politik nicht interessiert wenig. In einem den Holocaust relativierenden Video »Der Honigcaustsong feat. Brian« sind Herzberg und seine Clique zusammen mit Patrick Gamel Singh. Der zählt zu den mutmaßlichen Angreifern auf den Leipziger Stadtteil Connewitz im Januar 2016. Dresdner antifaschistische Aktivisten berichten zudem, Herzberg in einer Gruppe Hooligans gesehen zu haben. Aus dieser heraus sei am Geburtstag von Pegida 2015 das Postplatzkonzert in Dresden angriffen worden. Es existiere ein entsprechendes Video, das mittlerweile aus dem Netz verschwand. Überprüfen konnte das der kreuzer daher nicht – namentlich wollen die Quellen nicht in Erscheinung treten.

Das alles erfährt der Zuschauer von »Lord of the Toys« nicht, auch nicht von Kanalsperrungen etc. Die Doku besteht aus Zusammenschnitten von Szenen, die während einer Langzeitbegleitung entstand. Dass Regisseur Pablo Ben Yakov auf Kommentare und Einordnungen verzichtet, ist zunächst folgerichtig. Selbstdarstellern beim Komasaufen und Dünnes lallend zuzusehen, ist entlarvend ehrlich genug. Dass die Clique eher einfach gestrickt ist, wird klar und ist nicht schlimm. Jedem Tierchen und so. Und immerhin kann man sich als Nichtfan wundern, womit Menschen ihr Geld verdienen können bzw. was andere so alles lustig finden. Und welcher Hersteller sich mit Produktanpreisungen zufriedengibt, in denen es etwa über ein Klappmesser heißt: »Die Klinge ist zur Spitze hin zugespitzt, um in Materie einzudringen.«

Allmählich aber schleichen sich immer mal Rassismen ein in eine Sprache, wo »Jude« ohnehin als Beschimpfung geläufig ist. Hooligansymbolik taucht auf. Die Freundin einer der Youtuber erklärt, mit der Neonazi-Kleinpartei »Der Dritte Weg« – im Film wird nicht erklärt, was das für eine Partei ist – zu sympathisieren. Der Youtuber gerät dann noch in eine Schlägerei auf dem Münchner Oktoberfest, die die Freundin durch rassistische Äußerungen angezettelt hat; zumindest suggerieren das die gezeigten Szenen. Gleich danach wird unverständlicher Weise ein AfD-Plakat gegen den Islam und für den Schutz »deutscher« Frauen eingeblendet. Der Film gipfelt danach in einer versöhnlichen Party, wo im Rausch alle gleich sind – wie praktisch, dass einer in der Clique nicht weiße Hautfarbe hat. Alles eine große Feier, die wollen doch nur spielen, schreit es aus diesem Film, und ganz normale junge Leute im Osten sind halt ein bisschen rechts.

Natürlich kann man das machen. Die Dok-Kuratoren werden wie im vergangenen Jahr aufs zulässige Dokumentationsmittel »draufhalten« hinweisen und darauf, dass man doch kritische Zuschauer hat und die nicht bevormunden möchte. Ein paar Hintergründe möchte aber vielleicht gerade auch ein kritisches Publikum erfahren, wenn hier einer Youtuber-Clique ungefiltert ein Podium geboten wird. Jetzt zahlen die Leute schon, um Herzberg & Co. beim Scheißebauen und Abhitlern zuzusehen. Sie jedenfalls feiern den Film als Erfolg. Und der Regisseur Pablo Ben Yakov tut alles, um sie dabei zu unterstützten. Er bedient bei seiner Filmpromo alle ihre Kanäle, was man nur als unprofessionelle Grenzüberschreitung bewerten kann. Flyer für die Dok-Premiere hat die Regiesseurin von »Montags in Dresden« immerhin nicht bei den Pegida-Demonstrationen verteilt.

Hier wollte jemand auf Grundlage einer hunderttausendfachen Fanbase ein Erfolgsfilmchen stricken. Das bleibt nach 90 erschöpfenden Minuten prolliger Prahlereien und Rechtsoffenheit das Fazit. Warum ausgerechnet dieser Film für den Verdi-Preis für Solidarität, Menschlichkeit und Fairness nominiert ist, sollte die Verantwortlichen in Erklärungsnot bringen.

TOBIAS PRÜWER

»Lord of the Toys«

Deutscher Wettbewerb | Deutschland | 2018 | Dokumentarfilm | 95 Minuten | deutsch | englisch Untertitel | Weltpremiere

CineStar 4 / 31.10.2018 / 19:45 / 8,50 EUR / #314

Schaubühne Lindenfels / 01.11.2018 / 22:00 / 8,50 EUR / #484

Cinémathèque Leipzig / 02.11.2018 / 20:00 / 8,50 EUR / #593

 

Originaltitel: Lord of the Toys

Land: Deutschland

Jahr: 2018

Sprache: deutsch

Untertitel: englisch

Laufzeit: 95 min.

Format: DCP

Farbe: Colour

Regie: Pablo Ben Yakov

Produktion: Pablo Ben Yakov

Kamera: André Krummel

Schnitt: Pablo Ben Yakov, André Krummel

Künstlerische Assistenz: Roland Scheliga

Ton: Tobias Adam, Simon Peter

Musik: Kat Kaufmann

Buch: Pablo Ben Yakov, André Krummel

Website: www.lordofthetoys.com

KONTAKT

Pablo Ben Yakov, pablo.ben_yakov@filmakademie.de

https://filmfinder.dok-leipzig.de/de/film/?ID=21651&title=Lord+of+the+Toys

3 mehr Gedanken zu “Rechtsoffen für Menschlichkeit und Fairness

  1. Ich hab den Film gestern gesehen und muss sagen, ich fand ihn so richtig gut. Ich bin in Berlin beruflich für Vielfalt und gegen rechte Gewalt engagiert und kann es kaum erwarten, den Film auch dort zu sehen und zu diskutieren. Der Film wird zwar kommentarlos, aber keinesfalls unkritisch gezeigt. Und er ermöglicht tiefe Einblicke in eine nach rechts abgedriftete, bildungsferne Jugendkultur und eröffnet gerade so den Zugang zu dieser. Meiner Meinung nach ein Film gegen Rechts, gegen Gewalt, der nicht am Opfer oder erhobenen Zeigefinger ansetzt, sondern auf subtile Weise zum Denken anregt. Nicht so deutlich wird leider eine Abgrenzung gegen den durchaus sexistischen Ton im Film. Trotzdem, ich sehe nicht, dass hier jemandem eine Bühne geboten wird für rechtes Gedankengut. So gar nicht.

  2. Nur ein Erfolfsfilmchen? Eine etwas zu einfache Beschreibung für einen Film, der nicht politisch korrekt ist aber viel Gesprächsstoff bietet, was gerade genau wegen der Thematik meiner Meinung nach aktuell sehr nötig ist! Mich würde interessieren, ob Sie am Mittwochabend in Leipzig bei der ersten Vorstellung dabei waren…

Basiert auf dem WordPress-Theme
Esquire von Matthew Buchanan