DOK LEIPZIG 29. OKTOBER – 4. NOVEMBER 2018
61. INTERNATIONALES LEIPZIGER FESTIVAL FÜR DOKUMENTAR- UND ANIMATIONSFILM

Sex und Eskapismus

Miku kann nicht sterben: »The World Is Mine« zeigt die Welt des Cosplay

worldismineFispelstimme, türkise, riesenlange Zöpfe und Schuluniform mit Minirock: Seit zehn Jahren tobt Hatsune Miku durch die japanische Popwelt (J-Pop) und ist keinen Tag gealtert. Das kann das ewig 16-jährige Mädchen auch gar nicht: Es ist nämlich bloß ein Avatar. Und doch beten Zigtausende Miku an, besuchen sogar Konzerte, wo sie auf einer Videoleinwand erscheint. Und natürlich stellen sie sie im Cosplay, also durch Verkleidung, nach. Regisseurin Ann Oren tut es ihnen gleich, um das Phänomen selbst zu beleuchten, aber auch zu erfahren, was die Inszenierung eines Manga-Selbst mit Körper und Psyche macht.

Natürlich geht es in »The World Is Mine« um Eskapismus, Fantasy-Universen laden zur Weltflucht ein. Aber es geht auch um kollaborative Schöpfung, weil alle Erscheinungen von Miku, jedes Lied, jedes Video, Fanart sind, also von Fans für Fans kreiert wurden. Wenn Oren sich selbst als Miku verkleidet und so den anderen Protagonisten nähert, entsteht sofort eine informative Distanzlosigkeit. Und ihrem charmanten Wesen folgt man ohnehin sofort, auch wenn nicht alles verständlich wird, warum Menschen nun ins Kostüm flüchten oder sich mit hoch verstellter Piepsstimme in serviler Geste einem Meister gefügig zeigt. Ein tief greifender Sexismus steckt auch hinter den Bildern, besser: hinter dem Phänomen, auch das zeigt sich. Mag Mikus Cosplay-Kostüm Frauen auch Selbstbewusstsein vermitteln, so erfüllen sie damit doch nur die letzten feuchten Träume einer Machogesellschaft. Das enthüllt sich indirekt, Oren kritisiert nichts direkt. Das ist eine Stärke dieses Films: Dass man sich erst einmal einlassen, mitunter befremden lassen muss, um eine unbekannte Welt zu erfahren.

Tobias Prüwer

»The World Is Mine«, Israel 2017, 68 Minuten, englisch, japansich, Regie: Ann Oren

Cinémathèque Leipzig: 02.11.2017 / 20:00

https://filmfinder.dok-leipzig.de/de/film/?ID=16090

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