DOK LEIPZIG 29. OKTOBER – 4. NOVEMBER 2018
61. INTERNATIONALES LEIPZIGER FESTIVAL FÜR DOKUMENTAR- UND ANIMATIONSFILM

Tipp: Die Welt als Film

Der Sundance Gewinner »The Wolfpack« von Crystal Moselle

wolfpackEs gibt mit Sicherheit einige Besucher des DOK-Festivals, die von sich behaupten würden, Film sei ihr Leben. Was aber, wenn man das Leben nur durch Filme kennen gelernt hat? Welchen Eindruck vermittelt einem dann noch die Realität? Beim namensgebenden Wolfsrudel handelt es sich um die sechs Angulo-Brüder: alle langhaarig, groß und schlacksig und vor allem: eingesperrt in die elterliche Wohnung. Einzige Verbindung zur Außenwelt ist die umfangreiche Filmsammlung des Vaters – von Citizen Kane bis zur Tarantino-Kollektion ist alles dabei. Und da es in der kargen New Yorker Wohnung sonst wenig zur Unterhaltung der Teenager gibt, schreiben die Brüder penibel jede gesprochene Zeile mit, lernen sie auswendig und spielen ihre Lieblingsfilme nach. Besonders geeignet: Reservoir Dogs von Tarantino, denn da kann jeder von den sechs eine größere Rolle einnehmen.

Regisseurin Crystal Moselle ist eine Ausnahme im internationalen Langfilmwettbewerb. Denn nur wenige Regisseurinnen haben es bis hierhin geschafft, wie schon Leena Pasanen in ihrer Eröffnungsrede am Montag kritisierte.
In ihrem Langfilmdebüt hat Moselle direkt einen Glücksgriff gelandet, denn die Geschichte um die Angulo-Familie ist etwas Außergewöhnliches und bietet vor allem dann Spannung, wenn sich die Brüder von ihrem strengen Hare-Krischna-Vater emanzipieren und die Welt entdecken. Zuerst noch geschützt im Filmkostüm, dann aber immer mehr in eigener Kleidung und offener für die Welt „da draußen“.

Über Emotionen zu sprechen fällt allen Beteiligten schwer. So ist es besonders eindrucksvoll, wenn die Mutter erkennt, wie weit ihre eigenen Vorstellungen und Wünsche für die Kinder und die harte Realität auseinander liegen. Technisch und erzählerisch merkt man aber leider noch an einigen Stellen, dass es ein Debütfilm ist. Beispielsweise fehlen hier und da Informationen, um die Distanz zwischen Zuschauern und Protagonisten zu überwinden. Auch wenn das eine Thema das andere natürlich bedingt, bleiben Eingesperrtsein und Unterdrückung durch den Vater zu sehr Nebenthemen, die filmische Affinität der Jugendlichen wird hingegen weitläufig auserzählt.

Alles in allem bietet »The Wolfpack« aber eine nahezu unglaubliche Geschichte über eine realitätsferne Parallelwelt und wie viel Mut es braucht, ein selbstbestimmtes Leben zu führen.

HANNE BIRMANN

»The Wolfpack«:

31.10., 19.30 Uhr, CineStar 8 und 1.11., 20 Uhr, Passage Kinos Filmeck

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