DOK LEIPZIG 29. OKTOBER – 4. NOVEMBER 2018
61. INTERNATIONALES LEIPZIGER FESTIVAL FÜR DOKUMENTAR- UND ANIMATIONSFILM

Tipp: »Land am Wasser«

Ein Film – zwei Eindrücke

Land am WasserIn der Region um Leipzig sind aus den ehemaligen Braunkohletagebauen vielfach natürlich scheinende Gebiete gewachsen – Seenlandschaften und Rückzugsräume für verschiedene Tierarten. Ein Idyll, aber komplett künstlich. Was vorher an diesen Orten war, kann sich kaum jemand mehr vorstellen. Tom Lemkes leiser Film »Land am Wasser« beginnt bereits im Jahr 2003 in Grunau, einer Ortschaft in Sachsen-Anhalt – dort, wo heute der Tagebau Profen ringsherum bereits riesige Löcher in den Boden gefressen hat und wo später einmal vielleicht kleine weiße Segelboote ihre Kreise ziehen werden. Als Lemke 2003 mit den Filmarbeiten begann, waren die meisten der Bewohner des Ortes bereits umgesiedelt. Nur Silvio ist zu dieser Zeit noch da, und mit ihm Dieter und Norbert. Von den Häusern sind nur Ruinen geblieben, freigegeben für Kampfübungen der Bundeswehr. Gemeinsam halten die Verbliebenen sich bei Laune, mit markigen Sprüchen und gegenseitiger Gesellschaft – beim Schlachten, bei täglichen Reparaturen oder einem Bier an der Werkbank. »Land am Wasser« verfolgt unaufgeregt den Lauf der Zeit in einem Dorf, dessen Zeit längst abgelaufen ist. Der Fokus liegt dabei auf Silvio, wie er der Zukunft trotzt und stetig seinen Beschäftigungen nachgeht. Er schnauft, er flucht, er lacht und manchmal bangt er auch, wenn er nicht weiß, wie das wohl wird, den Hof, die Heimat zu verlassen. Denn das ist unausweichlich.

Der Regisseur vermeidet es, in seinem Film die umwelt- und gesellschaftspolitische Dimension sowohl der Braunkohleförderung im Allgemeinen, als auch der Umsiedlungspraxis im Speziellen zu beleuchten. Das muss er auch nicht. Allein der Zeitraum, über den hinweg er seine Protagonisten begleitet, macht deutlich, wie langsam und dennoch endgültig die Wandlung der Region sich vollzieht. Als Lemke nach sechs Jahren mit der Kamera nach Grunau zurückkehrt, ist nur noch Silvio dort. Norbert ist in der alten Heimat gestorben, Dieter wurde umgesiedelt. Im spätsommerlichen Licht sitzt er auf einer Wiese und kann keine Antworten geben für die Zukunft, das Rumoren der Bagger im Hintergrund ist Aussage genug.

INGA BRANTIN

Heimatgeschichte im Geisterdorf

Das »Land am Wasser« gilt inzwischen als Wüstung. Vorher hat Tom Lemke noch die letzten Bewohner gefilmt

Im Zusammenhang mit Landschaften, die die Braunkohlegewinnung hinter sich gelassen haben, ist gerne die Rede von Mondlandschaften. In einer solchen Landschaft liegt Grunau, Ortsteil von Hohenmölsen unweit von Weißenfels im eher strukturschwachen Süden Sachsen-Anhalts. Grunau ist ein einstiges Dorf, das auf Kohle liegt und weitgehend verlassen ist. Beschreiben lässt es sich – noch so ein Wort aus der Braunkohleprosa – als Geisterdorf. Gefühlte Kilometer fährt die Kamera an verlassenen Häusern und blinden Fenstern entlang. Den Schriftzug MIBRAG (Mitteldeutsche Braunkohlengesellschaft mbH) versteht hier jeder, aber es ist kaum noch jemand da. Drei harren aus und verdrängen Gedanken an die Zukunft, weil ja doch alles kommt, wie es kommt, ob man sich nun sorgt oder nicht. Norbert, der Schlosser und der Bauer sind noch nicht umgesiedelt und bestreiten ihren Alltag zwischen abgeklemmten Trinkwasserleitungen, Schlachtefest, Träckerfahren und Feldbestellung. Die Braunkohlebagger rücken näher, Luftaufnahmen zeigen Wasserpfützen in dieser menschenleeren wie -feindlichen Welt. Das bisweilen meditative und stets stimmungsvolle Bild des Grunauer Rests zeigt sympathische Menschen, die mit der Einsicht in die Notwendigkeit ringen. Unfreiwillig bilden sie die Brücke in eine vergangene Welt, der man sicher nicht hinterher trauern, die man aber auch nicht belächeln muss. Heimatgeschichte mal anders.

FRANZISKA REIF

»Land am Wasser«: 30.10., 19.45 Uhr, CineStar 4 

Deutscher Wettbewerb langer Dokumentarfilm, 84 Minuten, Deutschland 2015, Regie: Tom Lemke

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