DOK LEIPZIG 29. OKTOBER – 4. NOVEMBER 2018
61. INTERNATIONALES LEIPZIGER FESTIVAL FÜR DOKUMENTAR- UND ANIMATIONSFILM

Tipp: Ostsee 1987

»Die Weite suchen« vom Hallenser Animationsfilmemacher Falk Schuster

Die Weite suchenFür so manche Erfahrung gibt es auf dem Zeitstrahl der Geschichte nur schmale Fenster, die wenige Jahre später wieder geschlossen sind. Eine davon ist das Erlebnis, im Sommer als Kind auf dem Rücksitz eines Trabbis von Sachsen an die Ostsee zu fahren. Das kommt einer Weltreise gleich, weil der Trabbi vollbepackt ist und die Fahrt ewig dauert. Es ist freilich auch deshalb eine Weltreise, weil sie buchstäblich vom einen Ende der damaligen Republik zum anderen führt. Da gibt es Strand und Meer und Schiffe am Horizont, von einer Anhöhe kann man in den Westen rüberkucken. Es lässt sich erahnen, dass die Welt hier doch nicht zu Ende ist. Für die Kinder ist diese Dimension erstmal mäßig interessant. Es ist einer von vielen Pluspunkten von »Die Weite suchen«, dass die Darstellung des früheren Urlaubs strikt in der Perspektive des Jungen bleibt, der nach dem Urlaub eingeschult wird. Wenn Zeitzeugen, die damals schon erwachsen waren – Urlauber, Grenzer, Einheimische –, zurückblicken, ist das kein Widerspruch, sondern liefert den Rahmen für den kindlichen Blick. Dieser Kniff bringt den weiteren Pluspunkt mit sich, dass »Die Weite suchen« nicht nur von unbeschwerten Sommern in der Kindheit erzählt. Vielmehr wird klar, dass die Weite zwar gesucht werden konnte, aber keineswegs vorgefunden wurde. Mehreren Generationen von Ostseeurlaubern dürfte einiges bekannt vorkommen: Die »Mitbringsel« für die Zimmervermieter, die das Quartier auch im folgenden Jahr sichern sollten, die Extra-Schlange für die Einheimischen im Konsum, die Grenzer, die ständig stehenbleiben und durch Feldstecher nach Republikflüchtlingen spähen, oder die Straßenrand-Geschäfte mit selbstgebastelten Souvenirs. Die Szenen, teilweise rotoskopiert, sind skizzenartig animiert. Die Protagonisten werden so zu allegorischen Figuren, die sich durch einen Comic bewegen. Das ist noch ein Pluspunkt.

FRANZISKA REIF

»Die Weite suchen«:
1.11., 16.30 Uhr, Schaubühne Lindenfels

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