DOK LEIPZIG 29. OKTOBER – 4. NOVEMBER 2018
61. INTERNATIONALES LEIPZIGER FESTIVAL FÜR DOKUMENTAR- UND ANIMATIONSFILM

Verklemmt

»Granny Project« von Bálint Révész erhält den MDR-Filmpreis für den herausragendsten osteuropäischen Dokumentarfilm

grannyVerwunderung und Scham – so lässt sich das, was ein Großteil der Kinobesucher gespürt hat, als Ruben, Bálint und Merredith »Sieg Heil« und »Heil Hitler« brüllend über die Leinwand alberten, wohl am besten beschreiben. Zumindest dem deutschen Teil der Zuschauer mag es wohl so gegangen sein. In »Granny Project« versuchen die drei jungen Männer mithilfe ihrer Großmütter eine Reise in die Vergangenheit zu unternehmen. Da ist die deutsche Balletttänzerin, deren Vater im zweiten Weltkrieg gefallen ist, die ungarische Kommunistin, die sehr im Krieg gelitten hat, und die englische Spionin, für die der Krieg eine Zeit des Zusammenhalts war. Sie präsentieren drei sehr unterschiedliche und persönliche Sichtweisen auf die Zeit des dritten Reichs, die sich auch in der Haltung der Enkel wiederspiegelt.

Im Verlauf des Films stellt sich eine Frage immer wieder: Wie gehen wir heute mit dem, was damals passiert ist, um? Vor allem Ruben aus Deutschland hadert, wenn seine Freunde Witze über diese Zeit reißen, Hitler nachmachen oder gar auf den Arm nehmen. Ob er sich schuldig fühlt? Nein, sagt er, aber es ist offensichtlich, dass er ein Problem hat, mit dem Thema so offen umzugehen wie Merredith und Bálint. Es ist verrückt, dass selbst Livia, Bálints Großmutter aus Ungarn, die sehr bittere Erinnerungen an den Krieg hat, offener darüber reden kann als Ruben.

»Granny Project« geht zurück zu den Originalschauplätzen, konfrontiert die Großmütter mit ihrer Vergangenheit. Die Herangehensweise ist verspielt und teilweise albern, anders, als man sie von vergleichbaren Filmen kennt, die nur die Kamera drauf halten. Weil die Enkel selbst die Gespräche mit ihren Großmüttern führen, bekommt man sehr intime Einblicke in das Leben und die Gedanken der alten Damen. Vor allem Zen, Merrediths Großmutter aus England, lässt tief blicken: Sie öffnet ihr Tagebuch. Darin finden sich unter anderem Liebeserklärungen an Hitler. Für sie ganz normal, für den Zuschauer aber eher gewöhnungsbedürftig. Entgegen der Annahme, dass der Krieg ganz Europa in eine Abwärtsspirale befördert hat, plaudert Zen auch über die guten Zeiten im Krieg. Jahre, in denen man zusammengewachsen ist.

Bálint Révész‘ Dokumentation nimmt einen Blickwinkel ein, den es so bislang nicht gegeben hat: Er bringt drei Frauen derselben Generation an einen Tisch mit ihren Enkeln, die von ihnen lernen wollen. So entsteht eine interessante Dynamik aus Konfrontation, Fragen und dem Willen, sich zu erinnern. Mit diesem Film konserviert Révész nicht nur ein Stück Familien- sondern auch Weltgeschichte.

MARISA BECKER

»Granny Project«: Ungarn 2017 | 88 Minuten | Offizielle Auswahl | R: Bálint Révész| deutsch, englisch, ungarisch

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