DOK LEIPZIG 29. OKTOBER – 4. NOVEMBER 2018
61. INTERNATIONALES LEIPZIGER FESTIVAL FÜR DOKUMENTAR- UND ANIMATIONSFILM

Von Trostfrauen und Schamaninnen

Länderfokus Südkorea

Herstory (Animationsfilm, 11 Minuten, Südkorea, Regie: Jun-ki Ki)

herstoryIm Animationsfilm „Herstory“ des Südkoreaners Jun-ki Kim erzählt eine Frau, Chung Seo-woon. ihre Lebensgeschichte. In der Zeit des Zweiten Weltkriegs wurde ihr Dorf von Japanern überfallen , ihr Vater verschleppt und sie selbst schließlich als „Trostfrau“ nach Indonesien entführt. Dort war es ihr einziger Zweck, japanischen Soldaten gefügig zu sein. Die Stimme der alten Frau führt durch die Handlung entlang der Abscheulichkeiten, die Chung Seo-woon und vielen anderen jungen Frauen widerfuhren. Der Regisseur greift, wie bereits in früheren Arbeiten, das Thema Krieg auf – und hier vor allem die Reichweite und Grausamkeit der Handlungen, die Unterdrücker an den Unterdrückten vollziehen. Einzig wie die Figuren animiert sind, will nicht recht zum Sujet passen. Beinahe drollig sehen manche japanische Soldaten aus. Hier hätte eine zurückgenommene Art der Animation der Inszenierung gut getan.

Manshin: Ten Thousand Spirits (Dokumentarfilm, 104 Minuten, Südkorea, Regie: Chan-kyong Park)

manshinEine Frau tritt auf einen kleinen Hinterhof, bunte Fahnen flattern leise, Blumen und zeremonielle Gegenstände überall – sie führt ein Ritual durch und beschwört die anwesenden Geister. Sie bittet um Beistand für die Filmcrew, niemand solle verletzt werden während der Dreharbeiten. Mal singt sie die Worte selbstvergessen, mal stößt sie sie wie im Fluch hervor. Regisseur Chan-kyong Park, Bruder des anderen koreanischen Kino-Virtuosen Chan-wook Park, hat sich für seinen opulent bebilderten Dokumentarfilm „Manshin“ dem Leben der bekanntesten Schamanin Südkoreas gewidmet. Dabei gehen fiktionale und dokumentarische Elemente Hand in Hand. In nachgestellten Szenen werden Episoden aus dem Leben von Frau Kim Keum-hwa erzählt, die nach vielen Repressionen schließlich zur berühmtesten Schamanin Koreas wurde – einer Manshin. Die Erzählungen der Protagonistin werden außerdem durch zahlreiches Archivmaterial und Animationen ergänzt. Am Ende des Films hat man die lange und facettenreiche Biographie eines Lebens und zugleich auch eines Landes erfahren. Die komplexen Rituale, die oft einer wunderlichen Performance gleichen und sowohl durch lange Text- als auch Gesangspassagen getragen werden, geben einen Einblick in eine Kultur, die intensiv um das Verhältnis mit ihren Toten kreist. Eine Vermittlerin zwischen der Welt der Lebenden und der Toten ist Kim Keum-hwa, sie leistet Trauerarbeit für die oft ahnungslos Hinterbliebenen. Gerade in der ersten Hälfte des Films weiß der Ansatz des Regisseurs zu fesseln: Seine Bilder und Arrangements sind von atemberaubender Schönheit, die Farben der Gewänder der Manshin treten überdeutlich hervor, den durch Archivbilder dokumentierten Grausamkeiten des Krieges und der schonungslosen Inszenierung einer verlorenen Kindheit werden so ästhetisch überzeugende Kontraste gegenüber gestellt. In der zweiten Hälfte jedoch kommen Längen auf, wenn die Kamera zu lang um Rituale kreist, immer mehr Protagonisten eingeführt werden oder die körnigen Mitschnitte von den sogenannten „Guts“ – rituellen Happenings der Geisterbeschwörung – dutzendfach variiert werden. Was bleibt, ist das umfangreiche Porträt einer Frau, die spät zu Anerkennung kam und nun in einem Zwiespalt zu sein scheint über ihre Rolle in diesem Leben und darüber hinaus.

INGA BRANTIN

beide Filme: 31.10., 19.30, Passage-Kino Astoria

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