DOK LEIPZIG 29. OKTOBER – 4. NOVEMBER 2018
61. INTERNATIONALES LEIPZIGER FESTIVAL FÜR DOKUMENTAR- UND ANIMATIONSFILM

»Wenn du denkst, du denkst, dann denkst du nur, du denkst«

Betreutes Sehen: Jürgen Kuttner zeigte Videoschnipsel im UT Connewitz

DOK Leipzig 2017/ Susann Jehnichen

DOK Leipzig 2017/ Susann Jehnichen

Kuttner spricht. Und spricht und spricht und spricht. Denn Sprechen, das kann er. Das wissen ehemalige Fritz-Hörer noch vom »Sprechfunk mit Käptn Kirk Kuttner«, Berlin-Besucher von seinen Videoschnipselvorträgen an der Volksbühne. Mit solch einem ist der Mann mit der Berliner Schnauze nun seit Ewigkeiten auch mal wieder in Leipzig (»das letzte Mal war unter Engel«, wundert er sich selber), auf Einladung von Dok-Programmchef Ralph Eue, der ihn am Mittwochabend halb Fanboy, halb Freund auf der Bühne des UT Connewitz begrüßt.

Und schon beginnt Jürgen Kuttner zu erzählen. Dass er die Veranstaltung jetzt doch erstmal umbenennt. Nicht mehr »Die Angst, die Post und die Wirklichkeit«, das passe ihn nicht mehr ganz so in dem Kram trotz postfaktischem Zeitalter und Post-Post-Irgendwas allerorten. Stattdessen heißt es jetzt: »Der Angriff der Realität auf die Wirklichkeit«. Was er damit meint, zeigt gleich der erste Schnipsel: Ein  bekannter Pornosynchronsprecher stöhnt, pustet und brabbelt in ein Mikrofon. Die Realität, wie man sie aber selten sieht. Die Wirklichkeit dagegen: Nackte, fickende Menschen, die man allerdings hier nicht zu sehen bekommt. Dafür aber Juliane Werding. Die hat nämlich mehr als 300 Jahre später René Descartes auf seinen die gesamte Philosophie revolutionierenden Satz »Ich denke, also bin ich« als 19-Jährige geantwortet: »Wenn du denkst, du denkst, dann denkst du nur, du denkst«. Ein Auftritt aus der ZDF-Hitparade, den Kuttner hier unter dem Deckmantel »Betreutes Sehen« vorführt. Später zeigt er auch Cindy & Bert mit ihrer sehr seltsamen deutschen Version des Black-Sabbath-Krachers »Paranoid«, in der der Hund von Baskerville von einem kleinen süßen Pekinesen dargestellt wird. Was dass alles mit Schnittmustern und einem Schaltknopf einer Modelleisenbahn zu tun hat, erklärt Kuttner ausführlich.

Ein Wahnsinn von Gedankensprüngen, den man hier nicht einmal im Satz wiedergeben kann, weil Kuttner schneller spricht als dein Schatten und der Abend länger als zwei Stunden geht – bei nur neun Videoschnipsel. Bleibt uns nur, drei kurze Gedankenschnipsel in den Raum zu werfen: Wieso steht Joseph Beuys hinter der Band von BAP, während er den Grünen-Wahl-Song »Sonne statt Reagan« singt? Oder überlegen Sie mal, wie viele Ihrer Gedanken wirklich von Ihnen selbst sind! Also nicht von irgendwem (Text, Fernseher, Mama) in ihren Kopf gelangt. Und eine Frage zum Dok: Sind Tierfilme auch Dokumentarfilme?

Kommentarmöglichkeit ist beendet.

Basiert auf dem WordPress-Theme
Esquire von Matthew Buchanan