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Rezensionen

Music for Intersecting Planes

Music for Intersecting Planes

Leila Bordreuil + Kali Malone

Leila Bordreuil + Kali Malone

Aus der Ferne tönt ein tiefer Weckruf. Dieses ausgedehnte Pfeifen gibt hinreichend Zeit, sich für das anstehende Ritual einzufinden, sich dorthin zu träumen, wo man die Klänge gerade vermutet. Allmählich zieht die Lautstärke an und immer klarer lassen sich die triefenden Töne der Orgel zuordnen. Es hallt und durch die suggerierte Weite packen, verlocken und fesseln die Klangschlingen. Dazwischen haucht es plötzlich gespenstisch. Die Melodien schwellen wiederholt an und geräuschvoll ab und treiben so die Hörerinnen und Hörer allmählich und gleichwohl kraftvoll in einen Zwischenraum aus Musik. Und ebenda fassen die Cellomelodien an, die über den raunenden Klangflächen verglühen. Die Töne reiben, verdichten sich und ganz selbstvergessen, hell, gereinigt findet man sich am Ende der Eröffnungsstücke von »Music for Intersecting Planes« wieder. Mit der gemeinsamen Veröffentlichung sind Kali Malone an der Orgel und Synthesizern sowie Leila Bordreuil an Cello und Effektgeräten zu einem würdigen, musikgewordenen Zeremoniell zusammengekommen. Die eindringlichen und gleichwohl schwelgerischen Klänge schmelzen die Zeit. Und den lebhaften Liveaufnahmen aus der Kirche Saint-Théodule in La Tour-De-Peilz in der Schweiz hört man die dunkle, besinnliche Höhe und Weite des Kirchenschiffs an – bezaubernd! Claudia Helmert

Shaking Hand

Shaking Hand

Shaking Hand

Shaking Hand

Manchester – Industriestadt im ständigen Abriss und Wiederaufbau. Heimat der Band Shaking Hand. Die sieben Stücke ihres Debüts sind inspiriert von den Reihen roter Backsteinhäuser, die ihre Heimat prägen. Ein melancholisch-britischer Shoegaze-Ritt durch frühen Post-Rock und US-Emo-Rock der Neunziger, versehen mit ihrem eigenen Stempel, neu und gleichermaßen nostalgisch. Die Stücke entstanden organisch im Zusammenspiel. »Die besten Ideen kommen, wenn alles kurz davor ist, auseinanderzufallen«, sagt Drummer Freddie Hunter. »Wenn wir es gerade so zusammenhalten.« Ihre musikalische DNA schöpfen die drei nach eigenen Angaben aus experimentellen Gitarrenbands wie Women, Slint, Sonic Youth, Pavement und Ulrika Spacek. Auf der kühlen Glasfassade ihres Sounds spiegelt sich das wärmende Licht der Sonne. Produziert wurde das Debüt von David Pye (Wild Beasts, Teenage Fanclub) in den Nave Studios in Leeds und erinnert mitunter auch an die Glory Days der frühneunziger Rave-Bewegung, Bands wie Stone Roses und Ride. Das musikalische Grundgerüst nahm die Band live auf und schichtete dann Roger Hunters entrückten Gesang auf Gitarre, Bass und Schlagzeug. So ist viel vom Jam-Charakter geblieben, die Songs entwickeln eine komplexe, mitreißende Dramaturgie. Auf Bandcamp haben Shaking Hand noch das epische »Over the Coals« nachgeliefert, das es nicht aufs Album geschafft hat, sich aber hervorragend einfügt. Lars Tunçay

Brigitte Calls Me Baby

Brigitte Calls Me Baby

Irreversible

Irreversible

»Irreversible« – unumkehrbar fräsen sich die Hooks ins Hirn. Was die Band aus Chicago auf ihrem zweiten Album vorlegt, sind nicht weniger als elf goldene Popmomente. Schon mit ihrem Debüt »The Future is Our Way Out« legten sie vor zwei Jahren eine strahlende Mixtur aus sieben Jahrzehnten Popgeschichte vor, nahmen die Riffs der Rockabilly-Ära und mischten sie mit coolem New Wave und einem untrüglichen Gespür für eingängige Melodien. Ein moderner Sound mit Retrotouch, nicht umgekehrt – zeitlos. Mittlerweile zum Quartett geschrumpft, nachdem Rhythmus-Gitarrist David Rosendahl den Weg ins Private wählte, tourten Brigitte Calls Me Baby (der Name geht auf einen Briefwechsel von Sänger Wes Leavins mit Schauspielerin Brigitte Bardot zurück) ausgiebig und probierten neue Songs live aus. Die fertigen Stücke nahmen sie dann gemeinsam mit Yves und Lawrence Rothman (Blondshell, Yves Tumor) in deren Studio auf. Herausgekommen ist ein Album, das vielfältig mit verschiedenen Stilarten spielt und den Sound der Band erweitert. Der Opener »There’s Always«, die Singles »Slumber Party« und »I Danced With Another Love In My Dream« – die erste Hälfte des Albums strahlt in purer Euphorie. Auf der B-Seite probiert die Band Neues, ruhigere Momente, bis hin zu elektronischen Spielarten. Über allem schwebt der göttliche Gesang von Leavins. »Irreversible« ist das logische Weiterdenken des Bandsounds und einfach unwiderstehlich. Lars Tunçay

James Blake

James Blake

Trying Times

Trying Times

»Trying Times« – selten lässt sich mit einem Albumtitel so treffend ein ganzes OEuvre zusammenfassen. James Blake, quasi der Erfinder des White-Boy-RnB, hat mit diesem Album nun schon den siebten Versuch der Selbstfindung unternommen. Das neue Album orientiert sich sichtbar am Vorgänger »Playing Robots into Heaven«. Hier eine Marvin-Gaye-Anspielung, da eine markante Hi-Hat, dann Clubsound der 2010er Jahre, ein bisschen Dubstep, ein bisschen Kid A, der obligatorische Rap-Part, dann wieder ruhigere, zurückgenommene Popsongs, die mehr untermalt als getragen werden von der leisen Falsettstimme Blakes. Kaum ein Popgegenwartskünstler versucht so laut und offenkundig aus so heterogenen Bereichen des künstlerischen Feldes zu collagieren – dass immer noch keine klaren Metalreferenzen zu erkennen sind, verwundert. Dennoch merkt man ihm häufig die Anstrengung an, die vielen Ideen und Referenzen zu einem homogenen Klangteppich zusammenzufügen. Zane Lowe sagte im Interview mit Blake zu diesem Album: »You’re as lost as you ever been in a great way.« Das Experimentieren ohne klares Ziel ist zum Status quo geworden und damit irgendwie auch zu Pop. Die Hits verstecken sich, herauszuheben sind eher starke Einzelelemente, wie etwa der epische Aufbau gleich im Opener »Walk out Music« oder der im Hintergrund gesungene Chorus »Death of Love« im gleichnamigen Song. Dennoch rauscht vieles auch ein bisschen durch und so richtig findet »Trying Times« erst im hinteren Teil etwas mehr zu sich, zum Beispiel in »Rest of your Life«, das als Antwort auf den Soundtrack des Films »The Happy Ending« aus dem Jahr 1969 fungiert. Liebe in Zeiten des Chaos – das ist laut Blake der thematische Aufhänger des Albums. Das Chaos beseitigt Blake nie so wirklich, aber vielleicht ist der Versuch auch schon viel wert. Jonas Fritzsche

Aldous Harding

Aldous Harding

Train On The Island

Train On The Island

Aldous Harding aus Neuseeland ist bekennend medienscheu und gibt demzufolge nur selten Interviews. Lieber lässt sie ihre einzigartige Musik für sich sprechen. In den raren auffindbaren Äußerungen erfahren wir immerhin, dass sie kein Problem mit den ewigen PJ-Harvey-Vergleichen hat, gern mal mit Future Islands musizieren würde und – wer hätte das gedacht? – Kate Bush mag. Und obendrein, dass ihre Alben meist treffliche Momentaufnahmen ihrer aktuellen Stimmung darstellen. Derzeit scheint es Harding bestens zu gehen, denn ihr neues Album kommt luftig, geerdet und zurückgelehnt daher. Es ist begrüßenswert, dass ihre Reise von melancholischem Goth-Pop zu jazzigem Dream-Pop mit einer melancholischen Note weitergeht. Die Schwere der Melancholie ist ätherischer Kontemplation gewichen. Bereits ihr letztes Werk »Warm Chris« war ausgesprochen zugänglich. »Train On The Island« beweist noch eindringlicher, dass ungewöhnliche Melodieführung durchaus catchy und groovy sein kann und dass große Songwriter-Kunst nicht wehtun muss. Harding trägt ihre wunderbar-wunderlichen Texte pointiert und mega-entspannt vor. Jeder Song eine potenzielle Single. Der langjährige Weggefährte John Parish, den wir auch von Kollaborationen mit PJ Harvey kennen, ist wieder mit am Start. »Train On The Island« macht große Lust auf die anstehenden Konzerte der Künstlerin, die insbesondere live angenehm außerirdisch wirkt. Kay Engelhardt

Sunn O)))

Sunn O)))

Sunn O)))

Sunn O)))

Laut Stephen O’Malley und Greg Anderson, der Kernbesetzung von Sunn O))), habe die Nähe zur Natur bei den Aufnahmen im idyllisch gelegenen Bear Creek Studio einen unmittelbaren Einfluss auf die sechs neuen Stücke gehabt. Und siehe da, er ist tatsächlich hörbar: im Opener »Xxann« etwa, der bandtypisch entschleunigt und klanglich gewaltig daherkommt, die Gitarren-Drones aber mit plätscherndem Wasser und im letzten Drittel auch mit zartem Vogelzwitschern hinterlegt. Beim verhältnismäßig kurzen und rhythmisch wie melodisch leichter nachvollziehbaren Closer »Glory Black« macht das einleitende Riff nach drei Minuten Platz für eine Handvoll dräuender Klavieranschläge, die vom Geräusch fließenden Wassers begleitet werden. Sunn O))) setzen damit willkommene Konterpunkte zur tektonischen Masse ihrer Gitarren. Zwischen den beiden Titeln liegen rund 50 Minuten soliden Handwerks, das neben zarten Field-Recording-Einflüssen aber ein paar mehr strukturelle und klangliche Ausreißer hätte vertragen können. »Xxann« und »Glory Black« sind eine klare Empfehlung als Einstiegspunkt. Die Rezeption der Band reicht von kultischer Verehrung bis hin zu Ratlosigkeit, wieso man sich den Lärm anhören solle, aber mit Rationalität kommt man bei dieser Band nicht weit. Ähnlich wie das Betrachten eines Sonnenaufgangs oder des Sternenhimmels fußt ihr klanglicher Maximalismus auf rein emotionalem und physischem Erleben. Eine Alltäglichkeit wie ein Sonnenaufgang vermag das Innerste des Menschen zu berühren. Sunn O))) ist der perfekte Soundtrack dafür. Jakob Semmer

Iztok Koren & Raphael Rogiński

Iztok Koren & Raphael Rogiński

Nocturnal Consolations

Nocturnal Consolations

Der slowenische Multiinstrumentalist Iztok Koren und der polnische Gitarrist Raphael Rogiński sind seit Längerem unterwegs zwischen Tradition und Innovation. Koren lotete das Wechselspiel von Überlieferung und Übertragung vor allem mit dem Trio Širom aus, aber auch solo, während der musikethnologisch geschulte Rogiński ebenfalls solo, zudem aber auch noch in diversen Konstellationen arbeitete. Zuerst von eigenen Luftwurzeln ausgehend mit dem Erbe jüdischer Musik, sei es jazzy, in Heavy-Surf-Form oder speziell mit den Sounds jemenitischer Juden, dann aber fortlaufend neben Bach- oder Coltrane-Versionen zudem mit der Schwarzmeer- Region, dem Baltikum oder zuletzt sich dem Balkan nähernd. Bei »Nocturnal Consolations«, aufgenommen ohne Overdubs und veröffentlicht beim großartigen Krakauer Label Instant Classic, lassen sie einen extrem detailbetonten Klangfluss dunkler Färbung strömen, dessen Quellen so vage wie vielfältig sind, dass sie dialektisch entortet werden und so Folk als Freiform gen Future treiben. Grandios! Alexander Pehlemann

Márton Illés

Márton Illés

Bowed Spaces

Bowed Spaces

Geigerin Patricia Kopachinskaja ist hier mit Musik des aus Ungarn stammenden und in Deutschland lebenden Komponisten Márton Illés (geb. 1975) zu erleben, der ihr bereits vier Werke widmete. Sein Konzert »Vont-tér« für Violine und Kammerorchester von 2020 gleicht einer Wanderung durch eine zerklüftete Welt voll psychologisch aufgeladener klanglicher Extreme und ist damit wie geschaffen für Kopachinskaja, die tatsächlich jedes klangliche Abstraktum zu beleben vermag. Denn ein traditionell mit Violine assoziierter, gestrichener klassisch-süßer Geigenton findet sich hier nicht, dafür eine ungeheure Palette alternativer Klangerzeugungsmöglichkeiten im Dialog mit dem virtuos agierenden Münchener Kammerorchester. In »Sketch 1–3« erweitert der Komponist diese Klangwelt noch, indem er die Violine mit Live-Electronics koppelt. Die so entstandene »Hyper«-Geige potenziert die Möglichkeiten des akustischen Instruments. In allen Kompositionen der Aufnahme geht es um klangliche Transformation: um sich bewegende, sich verschiebende, zusammenbrechende energetische Situationen und Felder. Inspiriert fühlt sich der Komponist dabei insbesondere von psychologischen und physiologischen Vorgängen und Zusammenhängen im menschlichen Körper. Ganz direkt verweist darauf seine Komposition »Sirt-tér« für Violoncello und Kammerorchester. Die Idee ist hier, menschliches Weinen räumlich erfahrbar zu machen. Cellist Nicolas Altstaedt realisiert dies in unglaublich vielen klanglichen Facetten. Eine hochintensive, zwingende Aufnahme. Anja Kleinmichel

Various

Various

Informátor OOI / OOII

Informátor OOI / OOII

Experimentelle Musik war in der »normalisierten«, also re-stalinisierten Post-68-Tschechoslowakei stets erstaunlich breit aufgestellt. Ob strikt Underground oder kompromisslerische Alternativa-Szene: von Milan Knizaks »Broken Records«, DG 307s Böhmisch-Kraut-Krach, dem Improv der Kilhets und den Jazz-Punk-Momenten von Zikkurat bis zum Post-Prog-Doom der MCH Band oder Pavel Richters Tee-Session-Ambient … beispielsweise. Sowie eben bis zu diversen Spielarten von Industrial, dem sich das Online-Label programmatisch verschrieben hat, bei dem hier zwei legendäre Kassetten-Compilations jener grauen Zeit zugänglich werden. Wobei jene die Zuschreibung weit überschreiten. Zusammengestellt 1987 bzw. 1989 im Umfeld der Band Veselí Filištínové, gibt es nämlich neben Geräuschballungen perkussiv-eruptiver Art auch strenge Konzept-Struktur, schräge New Wave, Folk-Verdrehung, Elektro-Groove, Klassik-Zitat oder No-Wave-Punk – ebenfalls nur beispielsweise. Eine unterhaltsame Vielfalt, die zur Zeitreise jenseits des Erzgebirges entführt, in den Magnetbanduntergrund ČSSR. Alexander Pehlemann

Urlaub in Polen

Urlaub in Polen

Objects, Beings & Parrots

Objects, Beings & Parrots

Die Koffer sind gepackt. Es geht wieder auf Reisen. Seit ihrem Debüt »Parsec« 2002 nehmen sich Georg Brenner (Ken) und Jan Philipp Janzen (Von Spar) unregelmäßig eine Auszeit von ihren Projekten und machen Urlaub in Polen. Zunächst aus reiner Freude an Kraut und musikalischer Avantgarde im Dunstkreis der Musikmesse Popkomm gegründet, formten sich im Laufe der Jahre und Alben zunehmend klassische Songstrukturen. Obwohl sich die Band 2012 offiziell auflöste, kam man 2017 wieder zusammen und spielte gemeinsame Konzerte, bevor diese neue Inkarnation 2020 ihr Debüt mit »All« gab. So ist »Objects, Beings & Parrots« nun sechs Jahre später praktisch der Nachfolger in einer neuen Ära. So vielfältig wie das Cut-Out-Cover mit Schnipseln von Retro-Inneneinrichtungskatalogen, Spielzeug und archäologischer Wissenschaftslektüre ist auch das Soundgewand von Urlaub in Polen 2026. »Vom Krautrock zum Krautpop«, schrieb die Presse über das letzte Album – aber Pop hat unter all dem Kraut und Experiment immer eine Rolle gespielt im Bandkosmos. Die Band changiert zwischen den Polen Elektronik und Rock, schrullig, eingängig und schmeichelnd. Frickeleien fügen sich in Intensität, Dichte und Zug auf einem motorischen musikalischen Bett. »Loose Lips sink Ships« – Die ironisch-sarkastischen Slogans von Georg Brenner geben den Songs einen ganz eigenen Drive. All das auf den Punkt bringt »Washing Machine«. Das luftige Neu!-Schlagzeug legt den Takt vor, auf dem sich Brenners Worte im Schleudergang drehen. »With every Step across the Border«, heißt es im letzten Track des Albums. Das trifft die Zielrichtung der Band ganz gut. Lars Tunçay

The Notwist

The Notwist

News from Planet Zombie

News from Planet Zombie

Chaos, Krieg, Zerstörung – die Zeiten sind gut für ein neues Notwist-Album. Seit ihrem Debüt vor fast vier Jahrzehnten lärmen die Weilheimer dagegen an und finden in Kaskaden aus elektronischem Noise und Gitarren auch immer wieder Momente des Trosts. In den jüngsten ihrer rund ein Dutzend Alben waren diese Momente präsenter, The Notwist waren zur Studioband gereift, der Sound offen für Experimente und äußere Einflüsse. »News from Planet Zombie« ist nun wieder wütender, dichter. Nachdem der Vorgänger »Vertigo Days« unter Corona-Bedingungen hauptsächlich in der Isolation entstand, war die Lust groß, wieder gemeinsam in einem Raum zu sein und zu sehen, »was passiert«. Deshalb wurde das Album live mit erweiterter Band aufgenommen, über eine Woche hinweg im Münchner »Import Export«. Die Songs entstanden im Kollektiv, im Zusammenspiel zwischen dem Kerntrio Cico Beck, Markus und Micha Acher und den Live-Mitgliedern Theresa Loibl, Max Punktezahl, Karl Ivar Refseth und Andi Haberl. Die kreative Energie auf der Bühne ist spürbar, die Abmischung ist roh und lässt Raum für die einzelnen Instrumente. Die elf Stücke verdichten die Unsicherheit einer Welt, die wie ein unrealistischer B-Movie wirkt. Interpretationen von Neil Youngs »Red Sun« und »How the Story Ends« der Folk-Pop-Band Lovers fügen sich nahtlos in den Erzählfluss des Albums. »News from Planet Zombie« ist ein Ausrufezeichen hinter dem Namen einer der besten (deutschen) Bands. Lars Tunçay

Cut Worms

Cut Worms

Transmitter

Transmitter

Hinter dem Projektnamen Cut Worms steckt Max Clarke. Er stammt aus Cleveland und ist mittlerweile in Brooklyn ansässig. Auf den letzten drei Alben hat er auf grandiose Weise Bob Dylan, die Beatles und Brian Wilson zitiert. Ohne sich anzubiedern, hat er seinen eigenen verspielten Sound aus den großen Referenzen gebastelt. Nach einer gemeinsamen Tour von Cut Worms und Wilco im Sommer 2024 verabredeten sich Wilco-Chef Jeff Tweedy und Clarke zur gemeinsamen Produktion von »Transmitter«. Tweedy hat praktischerweise Gitarren- und Basslinien beigesteuert und sein Studio in Chicago zur Verfügung gestellt. Die zehn Songs auf »Transmitter« sind fraglos gefällig und laufen gut durch. Mit Bedauern stellen wir jedoch fest, dass Cut Worms in dieser Konstellation die Experimentierfreude und Üppigkeit der Vorgängeralben abhandengekommen ist. Das neue Album ist arm an echten Höhepunkten. Mit »Evil Twin« und »Shut in« gibt es immerhin zwei rühmliche Ausnahmen. Und mit Verlaub: Seit dem letzten großen Wurf von Wilco (»Yankee Hotel Foxtrot«) sind leider auch schon ein paar Jahre ins Land gegangen. Kurzum: »Transmitter« ist zwar absolut solide, aber definitiv nicht das »Pet Sounds« von Cut Worms. Kay Engelhardt

Die Sauna

Die Sauna

Tut beni

Tut beni

Gut, dass man nicht immer versucht ist, von der Qualität des Bandnamens auf die der Musik zu schließen. Sonst hätte ich die Songs von Die Sauna womöglich nie kennengelernt. So aber fiebere ich seit der Veröffentlichung des 2019er Debütalbums »So schön wie jetzt war es noch nie« – dessen schöner Titel übrigens für den Bandnamen entschädigt – jedem neuen Lebenszeichen der Band entgegen. Nun folgt mit »Tut beni« Album Nummer drei. Und was soll ich sagen: Ich würde es auch dann rauf und runter hören, wenn es von einer fiktionalen Band namens Die Parzelle oder Die Thermoskanne stammen würde. Dass das jedoch nicht der Fall ist, macht schon der Opener klar: »Ein neuer Strand« schließt an den uniquen Sauna-Sound an – mit verhallten Gitarren, eingängigen und doch immer wieder überraschenden Arrangements und Vocals, die zwischen Überschwang und Überdruss changieren. Im deutschsprachigen Raum passende Referenzen zu finden, fällt schwer. Einzig International Music drängen sich dabei auf – mit dem Unterschied, dass Die Sauna jeder Hang zu Dada-Tendenzen abgeht. Und auch der Sound des Sextetts, das neben zwei Gitarren auch zwei Schlagzeuge umfasst, kommt insgesamt deutlich opulenter daher als der des Essener Trios. Auf internationaler Ebene muss man bei Songs wie »Ich liebe dich« und »Sorry« mitunter an Alben wie »Darklands« von The Jesus & Mary Chain oder »Going blank again« von Ride denken. Und ja, ein ähnlicher Status sei »Tut beni« in vierzig Jahren auch gewünscht. Luca Glenzer

Gorillaz

Gorillaz

The Mountain

The Mountain

Jetzt haben die Gorillaz also auch ihr »Indien-Album« produziert. Ähnliche Erweckungserlebnisse hatten vor ihnen bereits die Beatles und diverse Jazz-Größen. Das subjektive Erlebnis von Damon Albarn und Jamie Hewlett, die seit jeher auf musikalischer und visueller Ebene die Masterminds hinter der Comic-Band darstellen, möchte man ihnen nicht absprechen. Die Umsetzung des Erlebten als Konzeptalbum inklusive neuer, spirituell angehauchter Perspektiven auf Leben, Tod und Vergänglichkeit wirkt aber für Gorillaz-Verhältnisse etwas zu plakativ. Mit dabei sind auch kitschige Erweckungs-Lyrics wie in »The Plastic Guru«, die auf Erstsemester-WG-Partys zu fortgeschrittener Stunde als »echt deep« gefeiert werden könnten. Gleichzeitig beweist Albarn aber auch auf Album Nummer neun noch sein beeindruckendes Gespür für Melodien, den Einsatz von Features und die Verschmelzung von verschiedenen Klangtraditionen, die über die bloße Nutzung von Instrumenten und Mitwirkenden als billiges Schmückwerk hinausgehen. Titel wie »The God of Lying« oder »The Manifesto« mit seiner Drei-Akt-Struktur blähen das Album dabei leider unnötig auf. Mit mehr Mut zur Kürzung wäre es ein stärkeres Gesamtwerk geworden. Stücke wie der Titelsong, »Orange County«, »Delirium« und »The sweet Prince« bieten nämlich Gorillaz in Bestform. Es ist und bleibt die Bürde der Gorillaz, den metaphorischen Gipfel der Popwelt bereits mit ihren drei ersten Alben erklommen zu haben. Mit »The Mountain« kommen sie ihm nach der Formsuche auf den vergangenen Alben aber wieder ein Stück näher. Jakob Semmer

Grund zur Annahme

Grund zur Annahme

III

III

Schmissige, funky Gitarrentöne akzentuieren die eingängige und kaum zu bändigende Melodie des Saxofons. Dazu grooven die Drums, die bisweilen die Hektik, den Verdruss aufgreifen, die der Titel des Stücks zu wecken vermag: »Mein Speicher ist Voll! Deiner Auch?«. Und weiter treibt man durch komponierte und improvisierte Klanggefilde des Modern-Jazz-Trios Grund zur Annahme mit »Verlorene Potenziale im Rouladenkoma«. Dabei ist der Name durch die kleinen zeitlichen Verschiebungen, durch die der Rhythmus fast schon träge und stockend wirkt, und durch die behäbige Tiefe des Blasinstruments Programm. Darauf folgend schlagen Lorenz Bergler an Saxofon und Bassklarinette, Marvin Müller an der E-Gitarre und Felix Kothe am Schlagzeug ruhigere Töne an. Obgleich »III« das Debütalbum der Leipziger ist, sind sie keine Unbekannten mehr: Bergler musiziert unter anderem in dem genreverwandten Quartett Clank oder improvisiert und interpretiert in Gellért Szabós Ideal Orchester, Müller gehört auch zur Band Fuge und Kothe ist Teil der Gruppe Frau Lehmann sowie ebenfalls des Ideal Orchesters. Alle drei eint die Lust am Experimentieren, ohne sich dabei im Zusammenspiel gegenseitig zu übertrumpfen. So ist ihr Debüt mit der hübsch bunten Covercollage eine herrliche Einheit, bei der die Klänge nur so flirren, treiben und manchmal sogar gefällig, ja eingängig schwirren. Es bleibt der Eindruck, dass noch mehr Kraft und Energie in dem Trio sprudeln könnte, wovon sie sicherlich live zu überzeugen wissen. Claudia Helmert

Flosse

Flosse

Lotterleben

Lotterleben

Ein »Lotterleben« zu führen, war in der Generation meiner Großeltern der denkbar schwerwiegendste aller Vorwürfe. Denn die damit assoziierte Zügel- und Ordnungslosigkeit stand in deutlichem Kontrast zu den vielbeschworenen »deutschen Tugenden«, die damals noch ungleich höher im Kurs standen als heute. Einige Dekaden und moralische Umwälzungen später ist all das für die in Leipzig und Dresden beheimatete Band Flosse scheinbar Grund genug, ihr neues Album genau so zu nennen: »Lotterleben«. Und in der Tat zelebriert das Quartett darauf einmal mehr die ausschweifende Haltlosigkeit des jungen, urbanen Schlendrians, der nicht so recht weiß, wohin er will, sich damit aber eigentlich auch ganz wohl fühlt. So blinken Flosse mal rechts, um dann links zu fahren, und spielen im nächsten Moment eingängige Pop-Melodien, obwohl sie laut Waschzettel doch eigentlich eine »Modern Jazz«-Band sind. Es stimmt, Flosse sind nicht auf einen Punkt zu bringen. Dazu passt, dass sie ganz auf Harmonieinstrumente verzichten. Umso mehr Entfaltungsspielraum bleibt dabei für die Bläserfraktion um Trompeter Max Diller, der allein fünf der hier vorliegenden neun Kompositionen beitrug. Nicht selten geht es dabei rhythmisch hart und atonal zu, wie im Opener »Vitamin B12«, das von Saxofonist Hannes Kemper komponiert wurde und gleich das dynamische Potenzial der Band und insbesondere des Drummers Tim Gerwien unterstreicht. Doch immer wieder nimmt die Band sich im Verlauf des Albums zurück und schlägt auch harmonische, gar balladeske Töne an, wie im so schönen wie schlichten »Dionysos«. Eine Wonne, dass die Band auf »Lotterleben« auch den Gott der Freude und des Weins grüßt. Prost! Luca Glenzer

Breaking Rust

Breaking Rust

Unbroken

Unbroken

»I’m gonna be me, and stay busy working hard and being free« – wenn ein Album schon mit solchen Lyrics startet, sollte man am besten gleich ausmachen, da wird nichts Gutes mehr kommen. Die Zeilen stammen vom Country-Soul-ähm-»Künstler« Breaking Rust. Und der einzige Grund, warum man sich damit näher auseinandersetzen sollte, ist, dass es sich hier um ein Phänomen handelt, das die Musikwelt in nächster Zeit noch ausgiebig beschäftigen wird. Hinter Breaking Rust steckt nämlich kein echter Künstler – die Musik ist 100 Prozent KI-generiert. Auch das wäre an sich noch nicht sonderlich interessant, schließlich werden mittlerweile jeden Tag um die 50.000 (!) KI-generierte Songs bei den Streaming-Diensten hochgeladen. Erwähnenswert ist Breaking Rust allerdings, weil dessen Song »Walk my Walk« es im letzten Jahr auf Platz 1 der US-amerikanischen Billboard-Country-Charts schaffte. »Unbroken« ist nun quasi sein Debütalbum und sammelt ebenfalls Streams in Millionenhöhe. Über den Inhalt muss man nicht viele Worte verlieren: Textlich ist das Ganze eine Aneinanderreihung einfallslosester Klischees über Freedom, Whisky und Regrets. Dass der authentische Cowboy, der unbeirrt seinen Weg geht, bloß eine maschinell erzeugte Simulation ist, ist dabei natürlich besonders ironisch. Zugeben muss man leider, dass zumindest die Vocal-Performance Peak ist: rau, soulig, sogar so etwas wie Schmerz in der Stimme. Wer nicht weiß, dass es sich hier um das Werk einer Maschine handelt, hört das nicht. Als Phänomen ist Breaking Rust auch kein Einzelfall. Die KI-Sängerin Xania Monet hat mit einer ähnlich generischen R’n’B-Simulation kürzlich sogar einen millionenschweren Plattenvertrag unterschrieben. Tja, was bleibt nun als Fazit? Ist das jetzt der Untergang der Pop-Musik? Vielleicht ein Trost: Wenn KI in Zukunft die nervige Arbeit des Songschreibens übernimmt, haben Musikschaffende zumindest mehr Zeit für die schönen Dinge im Leben, wie die Steuererklärung oder das Bad putzen. Yannic Köhler

Kim Gordon

Kim Gordon

Play me

Play me

»Play me« ist eine Aufforderung – und Kim Gordon meint sie ernst. Nicht als Bitte um Aufmerksamkeit, sondern als selbstbewusste Setzung: Hör zu, wenn du willst. Ich werde mich nicht erklären. Auf ihrem dritten Soloalbum spielt sie mit Erwartungen, Rollen und Rhythmen – und bleibt dabei vollkommen bei sich. Wer Kim Gordon noch immer vor allem mit Sonic Youth verbindet, hört hier eine Künstlerin, die ihre Vergangenheit kennt, aber nicht verwaltet. »Play me« ist kein nostalgischer Rückblick, sondern ein präziser, gegenwärtiger Entwurf. Die Tracks sind kurz, Beat-fokussiert, trocken produziert und überraschend zugänglich. Kompromisslos, ja – aber nie demonstrativ sperrig. Der Titeltrack eröffnet mit einem motorischen Groove und fragmentierten Sprachfetzen, die wie ein ironischer Kommentar auf Playlist-Kultur und Dauerverfügbarkeit wirken. In Stücken wie »Girl with a Look« oder »Dirty Tech« treffen minimalistische Beats auf Gordons charakteristische, fast gesprochene Vocals: kühl, lässig, kontrolliert. Ihre Stimme steht nicht im Vordergrund, sie behauptet sich – ruhig, bestimmt, ohne Pathos. Dass in »Busy Bees« Dave Grohl Schlagzeug spielt, wirkt dann auch weniger wie ein prominentes Feature als wie ein augenzwinkernder Kommentar auf den Rock-Background. Thematisch kreist das Album um Macht, Körper, Technologie und Autonomie, ohne diese Begriffe je auszuerzählen. Die 72-Jährige performt Haltung, statt sie zu erklären. »Not Today« zeigt eine unerwartet melodische Seite, während andere Tracks mit Hip-Hop-Anleihen, Noise-Texturen und elektronischer Kargheit spielen. Das Album wirkt wie eine Verdichtung von Gordons bisheriger Soloarbeit: fokussierter, direkter, rhythmischer. Gordon klingt hier nicht wie jemand, der sich neu erfinden muss, sondern wie eine Künstlerin, die genau weiß, was sie tut – und warum sie sich nichts mehr beweisen muss. Ein Album, das nicht laut um Aufmerksamkeit buhlt, sondern lange nachhallt. Kerstin Petermann

Lynt

Lynt

Lynt

Lynt

Ist das schon Pop oder kann das noch in den Club? – Eine Frage, die Lynt sicher gar nicht interessiert. Mehr noch: Die Einordnung in irgendwelche Genres ist für das Leipziger Duo wohl eher eines der »favourite problems« anderer. Die Frage würde sich auf ebenjenem ersten Song des selbstbetitelten Albums neben den anderen dort aufgezählten Problemen wie »Zombies und Enten«, oder »das eigene genaue Sterbedatum zu kennen« ganz gut machen. Sie würde auch klarstellen, wo Theresa Elflein aka Elfyn und Marco Pilzecker musikalisch stehen: Alles, was flasht, knallt, pusht und elektrifiziert – kurz: alles, was der Synthesizer hergibt, darf sein. Und darüber kommt immer wieder Theresa Elfleins kräftige, mitunter leicht rauchige Stimme. Aus Ermangelung anderer Beschreibungen werden Lynt dann eben gerne auch mal mit Cindy Lauper verglichen. Wenn’s der Vorstellung dient, gerne. Und definitiv sind die zehn Tracks hier poppiger und tanzbarer als die Musik von Marco Pilzeckers früherer Band Captain Capa. Der Ton der Lyrics ist aber irgendwie ähnlich: In Fragmenten zeichnen die Songs Beobachtungen des Alltags, persönliche Beziehungen oder große Fragen des Mensch-Seins – eben favourite problems. Viel mehr als Fragmente sind es aber eben nicht, die einen mitunter auch etwas ratlos zurücklassen. Vor allem, wenn man gerade im Beat steckt und sich in Synthie-Schleifen dreht. Deshalb sind Lynt im Zweifelsfall am besten auf dem Dancefloor aufgehoben. Kerstin Petermann

Kabeaushé

Kabeaushé

Kabeaushé presents: Iggy Swaggering Ungrateful Incessant Little Peeeaaaaaaa

Kabeaushé presents: Iggy Swaggering Ungrateful Incessant Little Peeeaaaaaaa

Wenn ein Album den Titel »Kabeaushé presents: Iggy Swaggering Ungrateful Incessant Little Peeeaaaaaaa« trägt und die Songs darauf so exorbitante Namen wie »Life’s Waaaaaaay Too Fleeeeeteen« oder »Inevitably Pride Begets A Fall, An Oueveture In The Key Of E Minor« (im Original zudem alles in Großbuchstaben) haben, dann gibt es verschiedene Möglichkeiten: Entweder ist hier ein Blender am Werk, der versucht, mit prätentiösen Titeln den belanglosen musikalischen Inhalt zu kaschieren – oder jemand hat gerade tatsächlich die Platte des Jahres veröffentlicht. Beim neuesten Release des kenianischen Pop-Visionärs Kabeaushé tendiert man bei der Antwort eindeutig zu Letzterem. Die Handlung des Albums spielt im fiktiven Reich The Doerf Kingdom und erzählt die Geschichte vom Aufstieg und Fall seines größenwahnsinnigen Despoten Iggy. Der Größenwahn dieser Kunstfigur korreliert dabei hervorragend mit dem Sound der Platte – und ergibt ein furioses, schrilles, schillerndes Stück Pop-Kunst, das vor Einfallsreichtum nur so überbrodelt. Genregrenzen sind dabei vollkommen obsolet: Industrial-Rap trifft auf Psych-Funk, glitchy Electronica auf französischen Barock und Gospel-Einschübe. Hier wird eine höfische Spinett-Suite von Glam-Rock-Gitarren abgelöst, dort über Orchester-Bombast-Beats gerappt, die dann von hibbeligen 8-Bit-Electro-Einlagen durchbrochen werden. Kabeaushé merkt man den Spaß an der Übertreibung mit jedem Ton an. Bei aller Überfrachtung klingt »KP:ISUILP« (wie wir den Albumtitel hier mal mit Blick aufs Zeichenlimit abkürzen) aber erstaunlich zugänglich, danceable und vor allem kohärent. Wie aus einem, nun ja, etwas megalomanen, aber stimmigen Guss. Yannic Köhler