Joschka und Herr Fischer
Zeitreise
D 2011, 140 min, Dok, R: Pepe Danquart
Während Gerhard Schröder in der Wahlnacht vom 27. September 1998 sein strahlendes Perlweißlächeln in die Fernsehkameras wirft, steht der zukünftige Außenminister blass und ernst daneben. »Mir war in der Wahlnacht überhaupt nicht lustig zumute«, sagt Joschka Fischer zwölf Jahre später. Er steht in einer großen Fabrikhalle. Auf gläsernen Projektionsflächen laufen in der Endlosschleife zusammenmontierte Archivaufnahmen, in denen 60 Jahre bundesrepublikanische Geschichte und die Lebensstationen des linken Politspontis vorbeiflimmern. Der Filmemacher Pepe Danquart (»Höllentour«) hat Fischer in die Bilder seiner Geschichte gestellt und lässt ihn die eigene Biografie kommentieren. Von der Erschütterung als Jugendlicher über die nationalsozialistischen Verbrechen über den Häuserkampf im Frankfurt der 70er Jahre bis zur Parteigründung der Grünen und dem langen Weg durch den Parlamentarismus. Der Widerwillen des Spontis gegen die politische Bürokratie ist auch in seinen heutigen Erzählungen noch zum Greifen nah. Danquart reichert sein Politiker-Porträt mit Sidestorys an, in denen Zeitzeugen wie Hans Koschnick oder der »Haschrebell« Knofo Köcher die Biografie zu einem Rundgang durch die Geschichte der Linken in der BRD weiten. Das ist eine spannende Zeitreise, die »Joschka und Herr Fischer« hier an einer kontroversen Politikerpersönlichkeit entlang erzählt. Dabei operiert Danquart nicht aus der Position der kritischen Distanz. Anstelle von angestrengtem Bemühen um Ausgewogenheit vermittelt der Film das leidenschaftliche Interesse an gesellschaftlicher Veränderung, das nicht nur Fischer, sondern eine ganze Generation in einem vielfältigen Bewegungsspektrum prägte und im Machterhaltungspopulismus der gegenwärtigen Politikerelite kaum noch zu finden ist.
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