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Spiel des Monats - Red Dead Redemption

Spiel des Monats - Red Dead Redemption

Ganz normal im Wilden Westen

Preis: 55 €

Als sie mir zum ersten Mal das Pferd unter dem Hintern weggeschossen haben, war ich wirklich erschüttert. Da lag er nun im Staub, mein treuer Brauner, und stand nie wieder auf. Alles war meine Schuld. Ich ritt gemächlich durch die Prärie, als einige Banditen plötzlich anfingen, wild um sich zu schießen. Erschrocken stoppte ich mein Pferd und wollte abspringen, um Deckung zu suchen. Dabei geriet mein Brauner in die Schusslinie und wurde getroffen von den Kugeln, die eigentlich mir galten. Nach dem Schock kam die Lust auf Rache. In Millisekunden zog ich meinen Colt und ballerte die Banditen über den Haufen. Der Braune aber machte keinen Mucks mehr. Und ich war traurig. Ich hatte ihn in der Prärie gefangen, ihn zugeritten und war bei Tag und Nacht mit ihm durch die Steppe gebraust. Erst spät vertraute er mir vollkommen und brachte seine ganze Schnelligkeit und Kraft zur Entfaltung. Ich war schon mit vielen digitalen Kumpels unterwegs in gefährlichen Computerspielwelten und einige sind dabei gestorben, doch so etwas hatte ich noch nie empfunden. »Die haben mein Pferd erschossen«, erzählte ich noch Stunden später einem zufälligen Anrufer, der mich wohl zu Recht für verrückt halten musste. »Red Dead Redemption« heißt das Westernepos der Entwickler von Rockstar GAmes. Und dieses Spiel war verantwortlich für ein vorher nie empfundenes Gefühl - Trauer um ein Pixel-Pferd. Wie machen die Leute von Rockstar das nur? Warum sind ihre Spiele so gut, so anders? Warum erscheint alles so total normal? Vielleicht liegt genau hier das Geheimnis - dass es einfach ganz normale Menschen sind, die ganz normale Spiele machen. Oder zumindest so tun. Natürlich steckt ein höchst komplexer Plan und unglaublich viel Arbeit dahinter, alles so normal und intuitiv erscheinen zu lassen, dass der Spieler von Anfang an das Gefühl hat, in einer glaubhaften Welt zu sein. Das Schwerste in der Unterhaltungskunst ist es, Dinge zu schaffen, die ganz einfach und normal sind. Das ist im Blockbusterkino, in der Popmusik und auch in der Bestseller-Literatur so. Kino ist erst dann gut, wenn man vergessen hat, dass man drin sitzt. Realität, das ganz Normale, ist nämlich so unglaublich komplex, dass man ihr nur mit allerhöchstem Aufwand, mit einer gigantischen Fülle an Details und einer gehörigen Portion Genialität nahekommen kann. Wenn man sich die Credits von »Red Dead Redemption« anschaut, dann ist allein die Liste der Menschen, deren Bewegungen mit Hilfe der Motion-Capturing-Technologie aufgenommen wurden, mehrere hundert Namen lang. Auch der Lauf der Pferde, ihr Scheuen, Trab und Galopp, wurde anhand der Bewegungen echter Pferde produziert, denen die Leute von Rockstar weiße Signalkügelchen angeheftet hatten, um so ihre Bewegungen zu digitalisieren. Mit dieser Akribie, mit großartig gezeichneten Charakteren, einer riesigen Welt und einer ganz ruhig erzählten Geschichte, die zum Ende hin leider ein wenig erlahmt, hat Rockstar mal wieder ein Meisterwerk geschaffen. Man vergisst, ein Spiel zu spielen, weil alles passt, weil es sich echt anfühlt. Maximale Immersion - ein größeres Kompliment kann man keiner Erzählung machen, egal welches Medium sie nutzt. Andreas Raabe


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