Total War: Shogun 2
Pixelkrieger bluten nicht
Als friedliebender Mensch bin ich immer wieder überrascht, wie viel Spaß mir manche Computerspiele machen. Eine Serie von Strategiespielen des britischen Entwicklerstudios Creative Assembly zum Beispiel, die übersetzt den ziemlich geschmacklosen Namen »Der totale Krieg« trägt. Richtig gute Spiele sind das, die sich mit einer Mischung aus komplexer Rundenstrategie und spektakulär inszenierten Echtzeitschlachten seit mehr als zehn Jahren im schnelllebigen Geschäft der Videospielindustrie behaupten. Aber auch echte »Killerspiele«, in denen man mit einem einzigen Mausklick Tausende seiner Untertanen in den virtuellen Tod schickt. In denen man die zum Spielbrett reduzierte Welt mit Krieg überzieht, dabei Städte allein nach ihrer strategischen Bedeutung bewertet, im Takt der Spielrunden Provinzen erobert und Rebellionen brutal niederschlägt.
»Shogun 2«, der neue Teil der »Total War«-Reihe, spielt in Japan – auch das noch. Als Oberhaupt eines Clans ist es die Aufgabe des Spielers, im 16. Jahrhundert die Vorherrschaft über das Land an sich zu reißen und den Shogun in Kyoto zu stürzen. Der Zweck heiligt hierbei auch die fragwürdigsten Mittel: Man spioniert, besticht, droht, erobert, rüstet auf und schlachtet ab, man tut alles, was dem Spielziel dient.
Moralische Bedenken habe ich deswegen nicht. Nie gehabt. Dass Kriege ein lukratives Geschäft sind, dass sie wegen Bodenschätzen, aus politischem Kalkül oder ideologischer Verbohrtheit geführt werden, seit Tausenden von Jahren, und dass dieses Vorgehen auch heute noch allzu gerne als »alternativlos« dargestellt wird, da wird mir angst und bange.
Dass jedoch ein Spiel wie »Shogun 2« diese Mechanismen aufgreift, halte ich in Anbetracht der Lebenswirklichkeit zwar für naheliegend, aber nicht für bedenklich. Wer regelmäßig spielt, Filme sieht oder Bücher liest, ist meist in der Lage, sehr genau zwischen Fiktion und Realität zu unterscheiden. Und wenn überhaupt sollte es doch im Spiel möglich sein, diese dunklen Seiten unserer Seele auszuleben und die angesprochenen Schandtaten zu begehen. In der Fiktion, wo sie ohne jede Konsequenz bleiben. Quasi als Katharsis im aristotelischen Sinn, also der seelischen Reinigung als Wirkung von Theater – oder einfach nur, weil es Spaß macht.
Es hat nämlich tatsächlich etwas sehr Befriedigendes, wenn der sich über – ganz reale – Tage oder Wochen hinziehende Eroberungsfeldzug am Ende von Erfolg gekrönt ist, wenn die selbst erdachte Strategie aufgeht und jede der Abertausenden Entscheidungen, die man im Laufe einer Partie trifft, zu diesem positiven Ausgang beigetragen hat. Wenn man Ordnung in das Chaos eines Landes im Bürgerkrieg gebracht hat.
Einem Krieg, der übrigens wirklich stattgefunden hat, wie man beim Spielen von »Shogun 2« ganz nebenbei erfährt: Die Hintergrundgeschichte über das Shogunat des Ashikaga-Clans und die Sengoku-Ära erzählt nicht nur irgendeine Story, sondern die reale Geschichte Japans. Man mag es für geschmacklos halten, daraus ein Spiel zu machen – aber Pixelkrieger bluten nicht. Das ist ja das Schöne an der Fiktion.
Mir ist der »Krieg der Sterne« jedenfalls lieber als der Krieg gegen den Terror – und wenn mich jemand für den »totalen Krieg« begeistern kann, dann höchstens die Jungs von Creative Assembly.
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