Wir sind, was wir sind
Kein Gruseln, keine Kritik
MEX 2010, 99 min, R: Jorge Michel Grau; D: Alan Chávez, Adrián Aguirre, Miriam Balderas, Francisco Barreiro, Carmen Beato
Ein Mann schleppt sich keuchend durch eine Einkaufspassage. Er spuckt schwarzen Schleim und fällt schließlich tot zu Boden. Sogleich vom Reinigungspersonal entfernt, hinterlässt der Uhrmacher eine hungrige Kannibalenfamilie. So muss sich der älteste Sohn nun daranmachen, die Mutter und zwei Geschwister zu ernähren. Ihre Suche nach Menschenfleisch bleibt nicht lange unbemerkt. Was sich liest wie der solide Plot eines Splatter-Streifens, ist leider der Rahmen eines faden Films, der mit dünnem Stimmchen Gesellschaftskritik behauptet.
Kein Gruseln, Grauen, Gänsehaut: In diesem Nicht-Horrorfilm passiert nicht viel. Alles dreht sich um ein ominöses Ritual, zu dem die Sippe eben den wortwörtlichen Leichenschmaus braucht. Irgendwie geht es um ihr Überleben, sie sind arme Schlucker, die nicht anders als morden können. Auch ihre Homophobie und der Hass auf Prostituierte scheinen entschuldbar, sie können ja nicht anders. Und überhaupt: Andere Länder, andere Sitten – »this is Mexico City!«, ruft begeistert der Kulturalist.
Natürlich kann man den Film als sozial-kritisch angelegt lesen, aber man muss das nicht notwendigerweise. Will er zeigen, dass Menschenleben nichts wert sind? Warum untersucht dann die Polizei Prostituiertenmorde? Warum muss das Thema »Überlebensstrategie in einer ausbeuterischen Welt« über den Kannibalismus zugespitzt werden? Ist diese nicht auch so grausam genug? Langweilig durch die Landschaft staksende Figuren, sich schleppende Szenen und schlechte Schauspieler – huh Street-Credibility: sie sind alle Laien – erwecken den Eindruck, Regisseur Jorge Michel Grau hatte nicht wirklich etwas zu erzählen in seinem ersten Langfilm, diesen aber mit allen Mitteln durchgezogen.
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