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»So überflüssig wie ein Kropf«

Nach dem Willen der Treuhand-Nachfolgerin TLG sollen auf dem Gelände der Feinkost zwei Supermärkte entstehen. Läden wie Mrs. Hippie und Rücktritt droht das Aus

Am 16. Dezember 2003 bereiteten mehrere Herren in feinem Zwirn einigen Leipzigern aus der Südvorstadt eine deftige Weihnachtsüberraschung. Bei einer Bürgerbefragung präsentierten die Vertreter der Treuhand-Nachfolgerin TLG Immobilien GmbH ihre Pläne für das zukünftige Feinkost-Gelände.

Am 16. Dezember 2003 bereiteten mehrere Herren in feinem Zwirn einigen Leipzigern aus der Südvorstadt eine deftige Weihnachtsüberraschung. Bei einer Bürgerbefragung präsentierten die Vertreter der Treuhand-Nachfolgerin TLG Immobilien GmbH ihre Pläne für das zukünftige Feinkost-Gelände.

Danach soll, bis auf einige denkmalgeschützte Fassaden, die ehemalige Brauerei abgerissen und das Gelände neu bebaut werden. Im Zuge des 20-Millionen-Euro-Projekts würden im hinteren Teil des Geländes zwei große Lebensmittel-Märkte (Aldi, REWE) mit zusammen 2.000 Quadratmetern Verkaufsfläche entstehen. Der vordere Hof an der Karl-Liebknecht-Straße soll kleinteiliges Gewerbe, Gastronomie und Kultur beherbergen. TLG-Niederlassungsleiter Dieter Schwensen ist voll des Lobes über das »machbare und mit der Stadt abgestimmte Konzept«.

Die so genannte »frühzeitige Bürgerbefragung« kurz vor Weihnachten war die letzte Chance für die Öffentlichkeit, Einfluss auf das Projekt zu nehmen. Über den Bebauungsplan entscheidet letztlich der Stadtrat. Und so nutzten Anwohner und Mieter der Feinkost ihre demokratische Chance: Sie wehrten sich lautstark gegen die geplante »Kahlschlagsanierung«.

Vor drei Jahren schienen Alternativen noch möglich. Damals legte der Leipziger Architekt Rüdiger Will einen Entwurf vor, der auf weitgehende Sanierung mit einer großen Markthalle im vorderen Hof und die Einbeziehung der Kellergewölbe setzte. Bei Planungschef Engelbert Lütke Daldrup stieß er mit seinen Plänen auf Zustimmung.

Doch nachdem sich die TLG entschlossen hatte, das Projekt selber zu entwickeln, musste Will immer weiter zurückstecken – zugunsten der Fläche für die Discounter. Ende 2002 wurden sich Stadt und TLG einig: Die Bausubstanz sollte erhalten und eine Verkaufsfläche von 700 Quadratmetern bereitgestellt werden.

Doch nur einen Monat später machte die TLG einen Rückzieher und kündigte Will die Zusammenarbeit auf. Für ihn Teil einer »Salamitaktik«, die die TLG betreibe, um der Stadt scheibchenweise immer mehr Zugeständnisse abzuringen.

In diesem Licht kann man auch die aktuellen Pläne für die Feinkost sehen: Mit einer Discounterfläche von 2.000 Quadratmetern schießt das Projekt weit über die Zielvorgaben hinaus. Dabei wird das Gebiet entlang der Karl-Liebknecht-Straße in einem vom Stadtrat beschlossenen »Stadtentwicklungsplan Zentren« (Beschluss-Nr. RB III-128/99) als »D-Zentrum« eingestuft, für das eine maximale zusammenhängende Verkaufsfläche bis 1.000 Quadratmeter vorgesehen ist. Allerdings hat dieser Plan nur empfehlenden Charakter.

Zur Erklärung bemüht Wolfgang Kunz, Leiter des Stadtplanungsamtes, ein Gutachten der Gesellschaft für Markt- und Absatzforschung (GMA) vom Oktober 2003. Es kommt zu der Einschätzung, dass derzeit ein »deutlicher Verkaufszusatzflächenbedarf bei Waren des täglichen Bedarfs in der Geschäftslage Karl-Liebknecht-Straße« bestehe. Das ist merkwürdig, hat doch kaum ein Südvorstädter das Gefühl, unterversorgt zu sein.

Wurde hier etwa ein Bedarf zugunsten der TLG herbeigeredet? Mit den geplanten Supermärkten würde sich das Lebensmittelangebot an der Südmeile schlagartig verdreifachen und die funktionierende kleinteilige Ladenstruktur gefährden. Für Konsum-Chef Stephan Abend, dessen Filiale in der Dufourstraße nur ein paar Meter um die Ecke liegt, sind die beiden Märkte »so überflüssig wie ein Kropf«. Die Stadt schaffe es immer wieder, Investoren nachzugeben – ohne Rücksicht auf die Situation bestehender Unternehmen.

Dies betrifft vor allem die derzeitigen Feinkost-Mieter um Mrs. Hippie-Betreiber Karsten Reichmann und Thomas Pracht vom Fahrradladen Rücktritt. Zusammen mit anderen Mietern und Interessenten haben sie die IG Kultur und Gewerbehof Feinkost gegründet. Denn geht das TLG-Konzept in der vorgeschlagenen Variante durch, müssen sie demnächst ihre Koffer packen. Zum einen dürften sich die Bauarbeiten zwei Jahre hinziehen, zum anderen wären die neuen, höheren Mieten für sie kaum bezahlbar. »Wir würden wahrscheinlich in einen anderen Stadtteil gehen«, kündigt IG-Sprecher Thomas Pracht an.

Noch ist es nicht so weit. Als Gegenentwurf legte die IG Feinkost der TLG ihr eigenes »Konzept zur sanften Sanierung« vor. Es sieht die schrittweise Restaurierung des Geländes vor, womit sowohl das Flair erhalten als auch die Mieten erträglich bleiben würden. Zur Umsetzung müsste eine eigene Betreibergesellschaft gegründet werden, die den vorderen Teil eigenständig pachten und vermieten könnte.

Eine wichtige Rolle kommt der naTo zu. Sie würde am liebsten ihren alten Standort verlassen und »eine geile Immobilie« (naTo-Chef Falk Elstermann) auf dem Feinkost-Gelände beziehen. Doch die Kulturmacher sitzen zwischen den Stühlen: »Rein funktional könnten wir mit dem TLG-Vorschlag mitgehen, denn für die naTo müsste sowieso gebaut werden«, so Elstermann. Doch wichtiger sei, dass das Umfeld stimmt. Darum plädiert er für einen Kompromiss.

Doch TLG-Mann Schwensen bleibt hart: »Die Frage ist doch, wer kann was an Kosten übernehmen?« Bisher wurden alle Alternativvorschläge als unbezahlbar abgeschmettert. Den Gegenbeweis einer eigenen Machbarkeitsstudie anzutreten ist für die IG-Leute unbezahlbar.

Die Position der Feinkost-Fraktion gegenüber der mächtigen TLG ist schwach. Erst recht, seit der Mietvertrag mit monatlicher Kündigungsfrist im Oktober 2003 an eine Räumungsverpflichtung gekoppelt wurde.

Aber noch gibt es einen Funken Hoffnung: Amtschef Kunz hat beide Parteien zu einem Sondierungsgespräch am 11. Februar ins Rathaus eingeladen, obwohl er selbst den Vorschlag der IG skeptisch beurteilt: »Es wird etwas sein, wofür man ziemlich viel Geld braucht.«

Rückendeckung bekommen die Mieter aus dem Stadtrat. Der Grüne Roland Quester will der Stadtverwaltung vorschlagen, der IG Feinkost einen Planeranwalt zur Seite zu stellen. Und Axel Dyck, Fraktionsvize der SPD im Stadtrat, hält die Pläne der Ex-Treuhänder für »das Schlimmste, was man mit der Feinkost machen kann« und fordert, »dass diejenigen, die dort sind, eine faire Chance erhalten müssen«.


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