Startseite / Kultur / »Wir meinen das ernst«

»Wir meinen das ernst«

Messerwetzen in der Südvorstadt: IG Feinkost-Sprecher Falk Elstermann kündigt eine »Auseinandersetzung um das Gelände« an

Wer bestimmt, wie die Südvorstadt aussehen wird? Anwohner und Kleingewerbler oder herzlose Treuhand-Kapitalisten? So ungefähr lässt sich das Szenario um die Feinkost-Zukunft populistisch beschreiben. Theoretisch könnte die TLG – als Treuhand-Firma Eigentümer des Geländes – sofort mit dem Abriss des Szene-Biotops beginnen. Die ersten Kündigungen liegen schon lange auf den Tischen der bisherigen Mieter.

Wer bestimmt, wie die Südvorstadt aussehen wird? Anwohner und Kleingewerbler oder herzlose Treuhand-Kapitalisten? So ungefähr lässt sich das Szenario um die Feinkost-Zukunft populistisch beschreiben. Theoretisch könnte die TLG – als Treuhand-Firma Eigentümer des Geländes – sofort mit dem Abriss des Szene-Biotops beginnen. Die ersten Kündigungen liegen schon lange auf den Tischen der bisherigen Mieter.

Aber die haben als IG Feinkost ein Konzept, das offensichtlich Anklang bei fast allen – derzeitige und potenzielle Mieter, Anwohner, Stadtverwaltung, Fraktionen, IHK – findet. Nur eben nicht bei der TLG. Ein Interview mit Falk Elstermann, Sprecher der IG-Feinkost und Geschäftsführer der naTo.

kreuzer: Wie ist im Moment die Situation?

FALK ELSTERMANN: Die TLG ist trotz mehrfacher Versuche unsererseits, gute Vorschläge in die Verhandlung einzubringen, nicht bereit, auf uns zuzugehen und den vorderen Innenhof an uns zu verkaufen. Es juckt sie auch nicht, dass sie damit im Widerspruch zur Stadt insgesamt steht.

kreuzer: Ihr wollt also den vorderen Teil kaufen und die TLG soll den hinteren Teil nach ihren
Vorstellungen und in Abstimmung mit eurem Vorderhof-Konzept behandeln?

ELSTERMANN: Das wäre unsere Lieblingsvorstellung. Im Vorderteil hätten wir dann einen Kultur- und Gewerbehof mit Durchgängen nach hinten. Und wir würden in Übereinstimmung mit der IHK auch darauf eingehen, dass dort ein Discounter entsteht, wenn die TLG das entwickeln will. Die IHK geht davon aus, dass ein Discounter bis 1.100 Quadratmeter unbedenklich für die Geschäftsstraße ist. Aber alles, was darüber geht, wäre gefährlich für deren Existenz. Und im Moment will die TLG 2.500 Quadratmeter.

kreuzer: Ihr sagt, euer Konzept ist besser, passt sich besser in den Stadtteil ein und schafft Arbeitsplätze bzw. vernichtet keine?

ELSTERMANN: Ja. Es schafft mehr Arbeitsplätze als das TLG-Konzept – wir gehen bei Kultur und Gewerbe von ca. 150 Vollzeit-Arbeitsplätzen aus, dazu kommen die geringfügig Beschäftigten vor allem in der Gastronomie. Und – das ist mit IHK und Geschäftsstraßenverbund abgestimmt – durch uns wird kein bestehendes Geschäft der Karl-Liebknecht-Straße gefährdet. Die TLG gefährdet einige.

kreuzer: Wie realistisch ist euer Konzept wirklich? Das fängt doch schon bei der Finanzierung an, so eine Stange Geld habt ihr doch nicht?

ELSTERMANN: Unser liebster Baulöwe Schneider hatte doch auch keins, der hat nur davon gesprochen! (lacht) Nein, im Ernst, du musst einem Geldinstitut deine Potenz nachweisen. Das haben die Gewerbetreibenden bei der Sparkasse getan. Und die hat gesagt, sie will dieses Projekt begleiten.

kreuzer: Im Klartext, die Finanzierung steht?

ELSTERMANN: Für 60 Prozent der Fläche, also den Bereich Gewerbe, steht die Finanzierung mit einer grundsätzlichen Zusage der Sparkasse. Für die Kultur könnten wir die Investition niemals auf dem freien Markt refinanzieren. Also brauchen wir für den Bau Fördermittel. Der Eigenanteil, den die Stadt dabei aufbringen müsste, läge bei ca. 1 Million €. Da es aber um das Gesamtkonzept im Umfang von ca. 6,5 Millionen geht, läge die Stadt bei diesem von ihr gewollten Konzept bei einem Sechstel. Da ist also für relativ wenig Geld eine super Sache zu haben. Außerdem: Die Stadt soll uns das Geld ja nicht schenken sondern leihen. Über einen Zeitraum von 15 Jahren zahlen wir den Betrag vollständig zurück. Und es wird vielleicht noch weniger. Ich selbst bin noch dabei, Geld zu besorgen, und es sieht in dieser Sache nicht schlecht aus. Ich rede von erheblichen Anteilen Privatgeld, die dann auch über einen Grundbucheintrag abgesichert werden müssen. Außerdem wollen wir als Kulturverein Eigenleistungen in die Sanierung einbringen.

kreuzer: Euer Konzept geht von einem wirtschaftlichen Erfolg aus: dass also die Flächen alle vermietet werden, dass niemand dabei Pleite geht und ihr in einem viel größeren Rahmen als bisher erfolgreich agiert. Das ist ganz schön viel unternehmerisches Risiko für alle Beteiligten.

ELSTERMANN: Es ist ganz schön viel Wachstum, was wir einrechnen. Das ist in einer Zeit, wo es eher rezessiv zugeht, sicher fraglich. Wir sind trotzdem optimistisch. Die Gewerbetreibenden haben grundsätzlich mit einer Mietauslastung von 80 Prozent kalkuliert – obwohl sie mehr als 100 Prozent Mietzusagen haben. Ob sich alle Unternehmen am Markt durchsetzen, muss man sehen. Aber der vorgesehene Angebotsmix ist wirklich interessant.

Bei den drei Kulturpartnern – naTo, AG Kommunales Kino und LOFFT – gehen wir davon aus, dass sie eine Perspektive haben, weil die Nachfrage da ist. Außerdem sind sie kulturpolitisch gewollt. Das LOFFT hat sicher an diesem Standort wesentlich bessere Chancen als in Lindenau, ans Publikum ranzukommen. Natürlich kann man sich schnell auf die Fresse legen mit einer zu offensiven Kalkulation, aber wir sind vorsichtig und wir gehen davon aus, dass der Süden mit diesem Angebot noch einen Hieb nach vorn kriegt. Das ist unsere Chance.

kreuzer: Euer Konzept erfordert 5 € pro qm Miete und bei der TLG wären es 8. Das klingt doch unglaubwürdig.

ELSTERMANN: Bei acht fängt die TLG an für ei–ne schlechte Lage hinten irgendwo im Hof! Vorn und ebenerdig kommst du nicht unter 12 € weg. Wir haben verschiedene Vorteile. Wir gehen sorgsamer mit dem Bau um, dadurch entstehen weniger Kosten. Die ganze planerische Seite macht ein Mitglied der IG Feinkost. Das wird ordentlich bezahlt – aber natürlich nicht so wie ein Architekturbüro, das die TLG einschaltet. Und wir haben als Verbund kein Interesse am Gewinn, wir wollen nur, dass es funktioniert. Wenn du das alles abziehst, wäre die TLG auch bei unserem Preis. Kann sie aber nicht abziehen. So einfach ist es.

kreuzer: Die TLG hat sich bis jetzt keinen Deut bewegt, wieso soll sich das plötzlich ändern?

ELSTERMANN: Mit den Menschen und dem Ton, in dem die TLG bisher angesprochen wurde, haben wir bisher nur erreicht, dass sie blockiert ist. Also müssen wir noch andere involvieren. Ich denke da an das Finanzministe-rium, dem die TLG in gewisser Weise unterstellt ist.

kreuzer: Eine landespolitische Unterstützung für dieses »Szene-Milieu« scheint doch eher zweifelhaft.

ELSTERMANN: Man muss allen klar sagen: Wir wollen dieses Gelände sanieren. Und die Firmen, die dann dort arbeiten, sind seriöse Firmen. Die bringen ihre Umsätze, zahlen ihre Steuern, von der Arbeit leben Menschen. Unser Anspruch ist nicht staatsgefährdend und verstößt nicht gegen bestimmte wirtschaftliche Grundinteressen. Wir sind alle Steuerzahler.

kreuzer: Euch rennt die Zeit dramatisch weg. Was ist denn das Worst-Case-Szenario?

ELSTERMANN: Eine Auseinandersetzung um das Gelände. Wir werden nicht einfach gehen.

kreuzer: Ihr setzt also auf ein Unfrieden-Potenzial für den Leipziger Süden? Fliegen hier bald die Molotov-Cocktails?

ELSTERMANN: Ich wünsche mir zwei Dinge: dass uns viele Menschen unterstützen und, dass niemand einen Molotov wirft. Nicht für die Fein-kost. Das passt nicht und so eine Form der Unterstützung wollen wir nicht. Wir werden versuchen, für uns adäquate Formen zu finden. Auch Formen, die wir den Bürgern vorschlagen können, um uns zu unterstützen. Es gibt doch die 13.000 Unterschriften aus dem Süden. Die Leute wollen mehrheitlich nicht den Abriss, nicht diese Discounter. Und insofern ist ein gewisses Unruhepotenzial drin.

kreuzer: Wie soll das funktionieren? Die Stadt – die ja für euer Konzept ist – müsste Proteste in erster Linie ausbaden. Warum soll das die TLG jucken? Seid ihr geschäftsschädigend?

ELSTERMANN: Das werden wir sein. Wir müssen die Sache an einen Punkt bringen, wo sie bundesweit die Medien interessiert. Die Instrumente dafür gibt es. Das Wort »Treuhand« ist immer noch ein Pulverfass. Wenn wir das gut kommunizieren, werden die uns am Ende das Gelände vielleicht schenken, damit sie da rauskommen. Wir meinen das ernst. Wir werden verhindern, dass an dieser Stelle passiert, was die Mehrheit der Leute nicht will. Interview: Jörg Augsburg

http://www.feinkost-leipzig.de

Anzeige

Kommentieren

Dein Kommentar

Keine Kommentare

Kommentare sind deaktiviert.