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»Dann sollen sie gehen!«

Krach in der Feinkost: naTo und Gewerbetreibende sind heillos zerstritten. Das alternative Projekt ist in Gefahr

An einem lauen Sommerabend: Eben hat man noch im Mrs. Hippie die perfekte Hose gekauft – ein echtes Schnäppchen –, während im Rücktritt mal nach dem Klappern am zugegeben nicht gerade neuen Fahrrad geschaut wird. Beim Ökobäcker hat man das Brot für morgen geholt und im Regio-Laden nebenan gabs wieder diesen leckeren Käse vom Bauernhof.

An einem lauen Sommerabend: Eben hat man noch im Mrs. Hippie die perfekte Hose gekauft – ein echtes Schnäppchen –, während im Rücktritt mal nach dem Klappern am zugegeben nicht gerade neuen Fahrrad geschaut wird. Beim Ökobäcker hat man das Brot für morgen geholt und im Regio-Laden nebenan gabs wieder diesen leckeren Käse vom Bauernhof.

Jetzt erst mal in Ruhe auf den Freisitz im Hof setzen, ein bisschen was essen, trinken. Man ist verabredet, gleich gehts ins Theater und hinterher vielleicht noch in den Clubkeller, ordentlich abtanzen. Leben in der Südstadt, Feinkost-Feeling. So ungefähr stellte man sich das vor, als im Oktober letzten Jahres nach massiven Protesten auch Grundstücks- Eigentümer TLG einlenkte und sich bereit erklärte, auf das halbe Feinkost- Grundstück zu verzichten und es für einen symbolischen Euro der »Interessengemeinschaft Feinkost« zu überlassen.

Die Stadt hatte sich aktiv eingeschaltet und einen Kompromiss erreicht, mit dem alle Beteiligten gut leben konnten: ein »Kunst-, Kultur- und Gewerbehof« sollte entstehen. naTo, LOFFT und AG Kommunales Kino würden Theater, Musik und Film für ein aufgeschlossenes Szenepublikum anbieten. Kleine Gewerbetreibende, Kunsthandwerker, »Randökonomen« könnten aufblühen und eine alternative Handelsinsel aufbauen, die perfekt zum Südstadt-Ambiente gepasst hätte. Ein dreiviertel Jahr später liegt der Traum in Trümmern, sind die Beteiligten heillos zerstritten oder ratlos.

Es geht um Grundstücksaufteilung, Gastroflächen, Nutzungsbedingungen, Finanzierung, Entscheidungsprozesse und Umgangston – also alles. Denn als es an die konkrete Planung ging, stellte sich schnell heraus, dass naTo und »Bestandsmieter « wenig Gemeinsamkeiten haben. Krach in der Feinkost: naTo und Gewerbetreibende sind heillos zerstritten. Das alternative Projekt ist in Gefahr Zur Theorie: Die naTo leidet seit Jahren an den beengten Verhältnissen und den Lärmschutzmängeln im eigenen Haus und sieht in der Feinkost die Chance, den Status als Platzhirsch der »Kulturmeile « umfassend auszubauen.

Der Off-Theater-Verbund LOFFT hat zwar am Lindenauer Markt eine sichere Spielstätte, verspricht sich aber vom Südstadt- Standort enormen Publikumszuwachs. Auch für die AG Kommunales Kino – bisher in der naTo beheimatet – würden sich mit gleich zwei neuen bespielbaren Sälen gänzlich neue Möglichkeiten auftun. Mehrere Säle, ein Kellerclub, umfangreiche Gastronomie und natürlich der attraktive Hof der Feinkost würden ein Szene-Kulturzentrum bilden, das es so in Leipzig noch nicht gab. Um den Kern der bisher ansässigen Läden – Mrs. Hippie, Absturz, Rücktritt – bildet sich die »Kunst- und Gewerbegenossenschaft«, die die andere Seite des Hofes nutzen will.

Dort sollen sich weitere Händler und Handwerker ansiedeln, die einen attraktiven Mix aus Läden und Kleinstbetrieben ergeben. Die Zauberworte heißen »Kleinteiligkeit « und »Südstadt-Integration«. Gemütlich soll es sein, die Grenzen zwischen Konsum- und Wohlfühlraum sollen verschwinden, Leben und Arbeiten weitgehend eins sein, kurz: eine Alternativ- Idylle mitten in der Stadt, die von allen – den Beteiligten, den Anwohnern, sogar der Stadtverwaltung – gewünscht wurde.

Aber der Teufel liegt nicht nur im Detail. Recht schnell war klar, dass das Grundstück geteilt werden und direkt an die künftigen Betreiber gehen sollte. Das sind der naTo e. V. für die Kultur-, die Feinkost-Genossenschaft für die Gewerbeseite. Die Eigentumsgrenze verläuft über den Hof, der nach gegenseitigen Absprachen gemeinsam genutzt werden soll. Nötig ist diese Zweiteilung, weil die naTo im großen Umfang auf Fördermittel für »Gemeinbedarfseinrichtungen« setzt, während die Genossenschaft durchweg auf Eigenmittel und gewerbliche Kredite beschränkt ist.

Die Folge: Die naTo will zügig anfangen und mit massivem Mitteleinsatz möglichst schnell möglichst große Fortschritte machen. Zielmarke ist 2007. Die Genossenschaft dagegen setzt auf eine längerfristige Umwandlung, die den fi nanziellen Möglichkeiten und ihrem geplanten hohen Anteil an eigener Arbeitsleistung entsprechen würde. Frühestens 2010 wären die Arbeiten prinzipiell abgeschlossen. Erster Stichtag ist der 15. November 2006. Dann eröffnet der Supermarkt auf dem angrenzenden TLG-Grundstück und die Grenze zwischen Feinkost und Markt muss fertig gestellt sein.

Während die naTo in einem Zug Mauer, Keller und Hof angehen will, bevorzugt die Genossenschaft eine kleinstmögliche Lösung, nämlich die alleinige Instandsetzung der Grenzmauer. Denn umfangreichere Baumaßnahmen würden eine Kette von Folgemaßnahmen erzwingen. Der Absturz müsste in die Räume des Mrs. Hippie umziehen, der wiederum in Räume der TLG. Ein entsprechender Vertrag existiert jedoch nicht und die Feinkostler würden praktisch im rechtsfreien Raum agieren. Obendrein müssten schnell viele Mittel bereitstehen. Der fi nanzielle Gesamtaufwand ist erheblich: 6 bis 7 Millionen € müssen investiert werden. Davon entfallen ca. 3,5 bis 4 auf die naTo, die aber von zwei Dritteln Förderzuschuss ausgeht und (inklusive nötiger Technik-Ausstattung) ca. 1,8 Millionen aufbringen muss.


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