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Leipzig kommt von unten

Die Stadt entwickelt sich munter aus eigener Kraft, aber die hauptamtlichen Leipzig-Vermarkter ignorieren die urbane Wirklichkeit und basteln sich lieber eine virtuelle Möchtgern-Metropole

Alle lieben Leipzig – wenn sie denn einmal hier waren. Die Leipzig-Besucher bestaunen das Grün, die Gründerzeithäuser, die Kultur, das sperrstundenfreie Nachtleben. Und fahren verblüfft wieder zurück nach Hause – in Städte, die vielleicht reicher sind, aber dafür weniger Flair und Schönheit atmen. Das Muster ist bekannt seit Leipzigs frühen »Boomtown«-Jahren – die jüngst veröffentlichte »Deutschland-Umfrage«, in Auftrag gegeben von einer offenbar nach Legitimation gierenden Stadtverwaltung, hat es nochmals bestätigt. »Leipzig hat ein strahlendes Image«, jubelte die LVZ nach Kenntnisnahme der entsprechenden Pressemitteilung.

Alle lieben Leipzig – wenn sie denn einmal hier waren. Die Leipzig-Besucher bestaunen das Grün, die Gründerzeithäuser, die Kultur, das sperrstundenfreie Nachtleben. Und fahren verblüfft wieder zurück nach Hause – in Städte, die vielleicht reicher sind, aber dafür weniger Flair und Schönheit atmen. Das Muster ist bekannt seit Leipzigs frühen »Boomtown«-Jahren – die jüngst veröffentlichte »Deutschland-Umfrage«, in Auftrag gegeben von einer offenbar nach Legitimation gierenden Stadtverwaltung, hat es nochmals bestätigt. »Leipzig hat ein strahlendes Image«, jubelte die LVZ nach Kenntnisnahme der entsprechenden Pressemitteilung.
Leipzig erfrischt, überrascht, begeistert beim Erstkontakt – das kann man als Journalist und potenzieller Kontaktmann für interessierte Kollegen überregionaler Blätter von Stern bis Merian immer wieder erleben. Und man denkt: Was ließe sich mit einer klugen, sensiblen, vorausschauenden städtischen »Außenpolitik« alles daraus machen! Und was wird stattdessen tatsächlich gemacht?
Wer genau hinschaut, was derzeit in und mit Leipzig geschieht, wird erstaunt zwei einander dramatisch widersprechende Konzepte von Stadt(-Entwicklung) entdecken – also von dem, was diese Stadt ausmacht, was ihr jetzt gut tun würde und was darum unbedingt demnächst angeschoben (oder unterlassen) werden müsste.
Da ist einerseits das offizielle Leipzig der Stadtvermarkter, Tourismusmanager und Kulturentwickler. Sie haben das Aus für die Olympiabewerbung noch immer nicht verwunden und fahnden verzweifelt nach dem nächsten großen Ding. Darum wollen sie die Loveparade hierher holen, Bach im Stadion spielen lassen und am 9. Oktober zum »Lichterfest« Montagsdemo-Bildchen über die Hauptbahnhofs-Fassade tanzen lassen. Die Musik dazu besorgt ein stadtbekannter Provinz-Impresario, und der nette OBM findets mal wieder ganz doll prima. Nur, wer zum Teufel braucht das, bitte?
Das andere, alternative Leipzig will dazu so gar nicht passen. Denn es ist das kreative Heer der Träumer, Spinner, Lebenskünstler und Idealisten zwischen Schleußig und Südvorstadt, das dieser Stadt den viel gepriesenen frischen Atem einhaucht. Ohne diese doppelt freie Szene prekärer Existenzen, die es trotz ihrer relativen materiellen Armut erstaunlich gut aushält in L.E., wäre Leipzig schlicht langweilig. Gewiss,
»Die Überdosis Kultur hält die Stadt jung«
ein Gewandhaus, eine Oper, einen Thomanerchor hätten wir dann immer noch – aber Dresden ist einfach das bessere Museum.

»Arm, aber sexy« ist das Schlagwort der Stunde, das hat Leipzig mit Berlin gemein, und es entwickeln sich
– oft ohne jede Förderung – viele kleine Perlen und manchmal sogar richtige Erfolgsgeschichten daraus. Wie die boomende Musikmesse (Pop Up, wie das in seiner Nische erfolgreiche Vokalmusikfestival a cappella. Oder wie – prominentestes Beispiel – das Plagwitzer Kunst-Mekka Spinnerei als
»Stadt in der Stadt«.
Leipzig entwickelt sich von unten, und zwar prächtig – das ist die eine Seite der Medaille. Dass sich die schier unglaubliche subkulturelle Vielfalt zwischen naTo und Noch Besser Leben, Bimbo Town und Wave Gotik Treffen, Krause Zwieback und Connewitzer Cammerspielen in keinen griffigen Marketingslogan pressen lässt, mag die Stadtoberen ja zur Verzweiflung bringen – den kreativen Wesenskern der von ihnen selbst postulierten »jungen Stadt« beschreibt es dennoch am zutreffendsten.
Dass diese vitale Ressource in den Planspielen der städtischen Strategen faktisch nicht vorkommt, ist fatal. Sie entwickeln »ihr« Leipzig als Möchtegern-Metropole von oben und füllen es mit »Visionen«, die an der Lebenswirklichkeit dieser Stadt scheitern müssen. Denn nicht Bach ist heute der prägende Geist dieser Stadt – auch wenn er hier begraben liegt und seine Werke unsterblich sind.
Leipzig atmet heute an vielen Ecken jene oben beschriebene, an guten Tagen berauschende Überdosis Kultur, deren Wurzeln tief in die DDR zurückreichen und die nach der Wende unaufhaltsam den Stadtraum erobert hat. Hinzu kommt ein neu erwachendes bürgerschaftliches Engagement, das es zwar nicht mehr wie früher im großen Stile, wohl aber vielfach im Kleinen gibt und das Leipzig nachhaltig verändert. Diese Vielfalt ist anziehend und inspirierend, denn sie hält die Stadt jung.
Die Stadt-Vermarkter im Rathaus und im Leipzig Tourist Service sollten die urbane Wirklichkeit jenseits von Gewandhaus, Thomaskirche und Zoo endlich zur Kenntnis nehmen und angemessen darauf reagieren, anstatt weiter an blutleeren Visionen à la »Bachstadt« festzuhalten. Dass ihre Ideen dank unpräziser Slogans (»Leipziger Freiheit«) und imageschädigender Events (»Classic Open«) seit Jahren ins Leere laufen, die »Macher« aber dennoch munter weiter so tun, als wäre ihr Treiben ganz im Sinne der Bürgerschaft und obendrein total innovativ, ist Selbstbetrug und bedeutet nichts weiter als Stillstand.

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