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Die Stadt lebt –

auch ohne Großprojekte

Leipzig zwischen Großmannssucht und Erneuerung von unten: Überall bauen Leute an ihren persönlichen
Visionen – sie erst machen Leipzig zu dem, was es ist. Freiräume zur Selbstverwirklichung werden der Stadt zum Glück noch lange erhalten bleiben. Sie sind vielleicht sogar ihr wichtigster Entwicklungsfaktor. Vor einigen Jahren beherrschte das Thema der schrumpfenden Stadt die Agenda des Stadtumbaus und wurde zum Liebling der retromodernen, urbanen Avantgarden.

Leipzig zwischen Großmannssucht und Erneuerung von unten: Überall bauen Leute an ihren persönlichen
Visionen – sie erst machen Leipzig zu dem, was es ist. Freiräume zur Selbstverwirklichung werden der Stadt zum Glück noch lange erhalten bleiben. Sie sind vielleicht sogar ihr wichtigster Entwicklungsfaktor.
Vor einigen Jahren beherrschte das Thema der schrumpfenden Stadt die Agenda des Stadtumbaus und wurde zum Liebling der retromodernen, urbanen Avantgarden. Als man die Schrumpfung in Leipzig aber systematisch über einen längeren Zeitraum untersuchte, stellte man fest, dass die Stadt in unmittelbarer Nähe zu den Schwundzonen auch Wachstumsbereiche kennt: Während in Grünau Häuser abgerissen werden, baut man in Plagwitz Stadtvillen. Inmitten verfallener Fabrikareale entstehen neue Produktionsstätten oder siedeln sich umsatzstarke Galerien an. Derzeit wächst sogar Leipzigs Einwohnerzahl wieder ein wenig.
Dieses widersprüchliche Phänomen beschrieben die Stadtplaner fortan mit »plusminus«. Seitdem machte das Schlagwort von der perforierten Stadt die Runde. Karies heißt das Weichbild der Stadt, doch wenn man einen Augenblick lang die Augen zusammenkneift, dann sieht man nicht Verfall, sondern Freiräume ohne Ende. Was vom Stadtmarketing als »Leipziger Freiheit« mit Gewandhausorchester, Porsche und City-Hochhaus illustriert wird, ist längst Wirklichkeit – allerdings in Gestalt von leer stehenden Gebäuden für Selbstnutzer, Werkstätten, Kunsträumen und Pingpong-Kneipen.
Als Leipzig sich um die Olympischen Spiele bewarb, ging die Angst um, die Freiräume in dieser Stadt könnten verschwinden. Heute wissen wir, dass der enorme Leerstand wohl noch auf ewig zur Stadt gehören wird. In dem Maße, wie die Welle der Kreativen, Selbstnutzer und Utopisten in andere, bisher unentdeckte Stadtteile rollt, wird das Spielfeld in gewisser Weise sogar noch größer. Prekäre Ökonomie und Leerstand sind wichtige Triebfedern für die Stadtentwicklung und die Außenwahrnehmung Leipzigs.
Christian Rost ist im Leipziger Westen aufgewachsen. Er arbeitete beim Quartiersmanagement mit und beschäftigt sich wissenschaftlich mit Gentrifizierungs-Prozessen im Leipziger Westen. Gentrifizierung heißt, dass es in abgehängten, verfallenen Gebieten zum Zuzug von Hausbesetzern, Künstlern und Studenten kommen kann. Dadurch wird das Gebiet aufgewertet, die Eigentümer sehen Renditepotenziale und fangen an zu sanieren. Dadurch kommt es zum Zuzug wohlhabenderer Schichten, die schließlich die Pioniere, vor allem aber die Alteingesessenen vertreiben.
»Der Blick richtet sich von der Weltbühne- zurück auf die Stadtteile«
Ähnliches kann man gerade an der oberen Industriestraße beobachten. Zur Expo wurde der Plagwitzer Stadtteilpark am Ufer des Karl-Heine-Kanals angelegt, dann das Stelzenhaus saniert. Die Konsumzentrale beherbergte einige Ausstellungen, schließlich kamen die Selbstnutzer. Ganze Familien schichteten in Wochenendarbeit in eigentlich abgeschriebenen Altbauten Stein um Stein auf. Nun entstehen in einem der verbliebenen unsanierten Fabrikgebäude Loftwohnungen. Nur wird hier niemand vertrieben, weil hier vorher so gut wie niemand wohnte. Die Stadtplanerin Martha Doehler-Behza-di hat vor Gentrifizierungs-Prozessen in Leipzig folglich wenig Angst: »Die gute Seite des Überangebots ist, dass eine harte Verdrängung nicht stattfindet.«
Der Westen kommt, weil er ranzig, stellenweise auch mondän ist und sich die Baumwollspinnerei, die Kunsträume auf der Karl-Heine-Straße oder Clubs wie Superkronik oder Victor Jara langsam ins Plagwitz/Lindenauer Lebensgefühl einschreiben. In Schleußig ist es eine Art Minikaufhaus für junges Design, kleine Modelabels und Comics namens Tschau Tschüssi, das dem ewig kommenden kleinen Viertel weitere credits verspricht. Die vier Macher des Ladens, darunter unser Titelmodell, werden irgendwann weiterziehen. Zu viele leere Läden wollen noch wachgeküsst werden: Leipzig – Hauptstadt der Umzüge. Es sind solche Entwicklungen von unten, die die Wahrnehmung eines Viertels komplett verändern.
Dem Gerede vom hippen Leipziger Westen widerspricht Christian Rost nicht, relativiert aber, das Ganze sei momentan nur ein großes Werbebanner: »Beim Künstlergespräch im Delikatessenhaus ist es voll, aber man scheitert, wenn man überlegt, was man danach unternimmt.«
Auch Christina Weiß, Chefin des Lindenauer Stadtteilvereins, weiß: »Lindenau entwickelt sich relativ hip.« Sie beobachtet einen Zuzug aus der Südvorstadt und Connewitz. Für Weiß sind Nachtleben und kulturelles Angebot aber nicht der entscheidende Grund, warum der Westen so angesagt ist. Die Leute kämen wegen der Freiräume: »Du kannst hier an manchen Orten auch abends um zehn mit der Kreissäge arbeiten, ohne dass sich jemand aufregt.« Stadtplanerin Doehler-Behzadi spricht davon, dass »die entspannten Nutzungsdichten in Leipzig gute Voraussetzungen bieten, verschiedene Konzepte und Lebensstile stressfrei zu erproben«.
Christina Weiß könnte personifiziert für die Stadtentwicklung von unten stehen. »Es geht immer um die Entwicklung von Menschen und nicht von Gebäuden«, sagt sie. Statt auf ABM und die Strukturen der Stadtverwaltung setzt sie auf die eigene Kraft. Sie beklagt nicht, dass es zu wenig Geld von der öffentlichen Hand gibt, sondern eher zu viel unwirksam ausgegebenes. In der Lindenauer Josephstraße stieß sie 2004 die Umwandlung einer Industriebrache in einen Nachbarschaftsgarten mit an. Dass hier kein Idyll für kulturell beflissene Zugezogene entstand, ergab sich schon aus der sozialen Situation des Viertels westlich der Karl-Heine-Straße.
An dieser handfesten Brennpunkt-arbeit war auch Olav Petersen beteiligt. Der Zimmermann hält auf postindustriellen Brachen Jugendliche im straffen Rhythmus des Industriezeitalters zum Umbau von Gebäuden an. Im Radwerk in der Josephstraße mit dem Erfolg, »dass die hier keine Fahrräder mehr klauen, sondern an ihnen herumschrauben«. Seine Umbauprojekte, meist mit Nutzungsverträgen zustande gekommene Rettungsaktionen für bedrohte Gebäude, signiert er mit farbigen runden Scheiben an den Fassaden. Was die öffentlich geförderte Leuchtturmpolitik im Großen betreibt, praktiziert er im Mikrokosmos eines Straßenzuges: »Ich knipse hier zeitweise das Licht an.«
Selbst ist der Bürger. Nach diesem Motto wurde auch in der Nachbarschaftswerkstatt in der Reclamstraße im Leipziger Osten vom Treffpunkt für technische Bildung e. V. ein neues Programm mit EU-Fördermitteln aufgelegt. Acht Langzeitarbeitslose können die Werkstatt und die dort gestellten Materialien nutzen, Elektrogeräte reparieren, sich einen Tisch oder ein Fahrrad bauen und so alte Kenntnisse wieder auffrischen oder neue erwerben. Zudem sollen Gemeinschaftsprojekte entwickelt werden.
Mit der Hoffnung, wieder auf dem ersten Arbeitsmarkt Fuß zu fassen? »Hoffen wir das nicht alle?«, kommentiert der Vereinsvorsitzende Helmut Renelt trocken. »Vor allem geht es darum, dass die Betroffenen wieder unter Leute kommen und die Chance haben, etwas Produktives zu tun. Das ist besser, als zu Hause zu versauern.«
Der Mann weiß, wovon er spricht, er war selbst lange arbeitslos. Vielleicht finden sie Geschmack an der Sache und bleiben nach Ablauf des Förderprogramms dem Verein erhalten.
Auch der Bürgerverein Neustädter Markt setzt nördlich der Eisenbahnstraße lieber auf die eigene Arbeit, anstatt darauf zu warten, dass jemand anderes etwas tut. Hier steht die Erhaltung typischer Strukturen und von Architektur im Vordergrund, Neues soll sinnvoll in das Bild des Stadtteils integriert werden.
Jüngster Erfolg: Am 2. April wurde der Neustädter Gaskandelaber vor der Heilig-Kreuz-Kirche mit Strom wieder in Betrieb genommen. Seit 2000 hatte sich der Bürgerverein darum bemüht, die historische Straßenlaterne, die 1996 wegen Baufälligkeit demontiert wurde, wieder aufzustellen, um ein Stückchen Gründerzeitflair zurückzugewinnen. Grundgedanke ist auch hier, dass jeder für seine Umgebung, für den Stadtteil, in dem er wohnt, selbst verantwortlich ist.
Sowohl im Osten als auch im Westen gibt es Quartiersmanager. Sie sind das Bindeglied zwischen Stadtentwicklung von oben, Initiativen vor Ort, Eigentümern und Gewerbetreibenden. Ralf Elsässer managt mit seiner Firma Civixx – Werkstatt für Zivilgesellschaft den Leipziger Osten. »Man hatte bis vor wenigen Jahren den Eindruck, das ist ein abgehängter Stadtteil, jetzt passiert viel, und das wird von den Anwohnern auch wahrgenommen. Das Problem ist, das nach außen zu kommunizieren, den Leuten, die immer noch das Bild von vor zehn Jahren im Kopf haben«, erklärt er das Imageproblem des Stadtteils.
Auch die oben stehenden Beispiele zeigen, dass tatsächlich eine Menge passiert: Im Leipziger Osten gibt es viele Aktivitäten, was die Vernetzung und das Engagement von Bürgern angeht, gleichzeitig wurde viel investiert, etwa in den Umbau der Eisenbahnstraße und in die Entwicklung des Stadtteilparks Rabet. Letzterer ist eine besondere Erfolgsgeschichte, denn hier wurden Wohnhäuser abgerissen, um dem Viertel zu etwas Grün zu verhelfen. Auch das Projekt Wächterhäuser hat im Leipziger Osten Fuß gefasst (KREUZER 03/07). Doch es bleiben noch viele Probleme: Dass es im ganzen Osten kein einziges Gymnasium gibt, ärgert Ralf Elsässer besonders.
Peggy Diebler vom Quartiersmanagement Leipziger Westen nennt drei Voraussetzungen, damit eine Entwicklung von unten in Gang kommen kann: Es müsse Leerstand geben, niedrige Mieten, und vor allem bräuchten die Hauseigentümer die Einsicht, dass eine unorthodoxe Nutzung ihrer Räume mehr Gewinn bringt, als ein Haus auf unbestimmte Zeit unvermietet stehen zu lassen. Die Erkenntnis der Besitzer sieht sie seit zwei bis drei Jahren gereift – damals platzte der Olympiatraum. Vielleicht hielt damit ein neuer Realitätssinn Einzug und der Blick richtete sich von der Weltbühne zurück auf die Stadtteile.
Die Wolfgang-Heinze-Straße in Connewitz wurde von einem überambitionierten Schreiber unlängst als »Klein-St.-Pauli« bezeichnet. »Völliger Unsinn«, meint der Ex-Hamburger Christoph Leich, »dazu fehlen allein schon Elbe und Rotlicht-Milieu.« Der Sterne-Drummer betreibt genau dort seit September 2006 das Seemannsglück, einen Plattenladen mit Kaffeeausschank.
Doch warum ausgerechnet Leipzig? »Weil es hier so einen Laden mit Café nicht gab und ich das Gefühl hatte, dass es hier auch Sinn machen würde.« In Leipzig gibt es auch durch die große Uni viele junge Leute und damit potenzielle Plattenkäufer. Dazu sind in Connewitz die Mieten günstig, und ein Plattenladen macht sich gut zwischen den vielen Clubs im Süden.
Die aktive kulturelle Szene hilft viel: »Veranstaltungen wie die Buchmesse und die (Pop Up helfen mir sehr. Das sind Möglichkeiten, auch weiter auf den Laden aufmerksam zu machen«, erzählt Leich. Immer wieder gibt es Lesungen, kleine Konzerte oder Ausstellungen im Seemannsglück, für die er viel mit lokalen Künstlern zusammenarbeitet.
Während wir am Tresen sitzen und uns unterhalten, bemüht sich der Autor und Maler Jürgen Noltensmeier, seine Bilder halbwegs gerade aufzuhängen – am Abend ist Ausstellungseröffnung. Nur eines geht Christoph Leich gehörig auf die Nerven – dass es im Leipziger Süden keinen schnellen Internetanschluss gibt. Und doch: »In Hamburg könnte ich den Laden so nicht machen«, weiß er.
Initiative braucht Raum – nicht nur im Sinne eines Freiraums, sondern auch im Sinne einer Räumlichkeit. Das Werk II am Connewitzer Kreuz kann genau das bieten. Künstler, Vereine und private Initiativen begannen nach der Wende, die ehemalige Gasmesserfabrik für ihre Arbeit zu nutzen, inzwischen ist das Werk das größte soziokulturelle Zentrum der Stadt. »Es ist für viele ein Identifikationspunkt, der Aktivitäten von Leuten unterschiedlichen Alters sammelt«, beschreibt Geschäftsführerin Angela Seidel die Bedeutung des Werk II für das Viertel.
Inzwischen finden sich hier vom Computerclub für Senioren bis hin zum Theater die unterschiedlichsten Projekte unter einem Dach, in der Halle A haben Veranstaltungen wie die (Pop Up oder das Wave Gotik Treffen eine Heimat gefunden. Offenheit ist hier Konzept, das Werk schafft Rahmenbedingungen für verschiedenste Projekte, die sonst nicht existieren könnten. Kein Zweifel, das Werk II hat viel ermöglicht.
Dennoch ist noch mehr drin, findet Angela Seidel. Vor allem die Zusammenarbeit zwischen großen Häusern und Freier Szene könnte die Stadt weiter voranbringen, kleine Initiativen und etablierte Kulturstätten könnten voneinander profitieren.

Doch genau daran hapert es, und das liegt laut Seidel nicht nur daran, dass die Stadt notorisch klamm ist. »Mir fehlen die Visionen. Es wird nicht mehr geträumt, sondern nur noch überlegt, wie man den Mangel am besten verwalten kann. Alle jammern über Geldmangel, aber niemand spricht von der Gesamtheit. Jeder ist sich selbst der Nächste. Das finde ich schlimm und destruktiv«, ärgert sie sich – zu Recht. Denn gerade die unsägliche Unterscheidung zwischen Hoch- und Populärkultur verhindert die Einsicht, dass Leuchttürme und Freie Szene zwei Teile eines Ganzen sind, die sich gegenseitig bedingen. Gut, dass dieser verstaubte Kulturbegriff nicht von allen in der Stadt geteilt wird – es geht auch anders.
Um die Ecke vom Lindenauer Markt hat sich der Kunstraum D21 eingerichtet. In einem ehemaligen Friseursalon mit blauem Mosaikfliesenboden zeigt der Verein um Michael Moser junge, internationale Kunst. Leif Magne Tangen, künstlerischer Leiter vom Kunstraum D21, sagt, es sei eine ganz bewusste Entscheidung gewesen, nach Lindenau zu gehen. Moser bestätigt, man habe »gefühlt, dass hier kulturell schon etwas vorhanden ist«.
Was in der Karl-Heine-Straße die Schaubühne ist, sind hier das Theater der Jungen Welt und die Musikalische Komödie: Institutionen, deren Förderwürdigkeit periodisch hinterfragt wird, die sich aber nun als Motoren für eine ganze Stadtteilentwicklung erweisen. Auf die Frage, wie es sich anfühlt in Lindenau, sagt Tangen: »Gut« und Pressefrau Elke Ankenbrand: »Je nach Tagesform.« Moser wohnt inzwischen hier.
»Stadtteile entwickeln sich da-rüber, was Menschen da tun, aber auch darüber, was man mit Investitionen dort verändert. Investitionen kommen in der Regel von oben, von der Stadt oder auch von privaten Eigentümern. Am besten ist es aber, wenn das Hand in Hand geht«, beschreibt Quartiersmanager Elsässer die Grundlagen einer gelungenen Stadtentwicklung. Geld ist in der Stadtentwicklung zwar ein großer Beschleuniger, doch nur dann, wenn es sinnvoll ausgegeben wird.
Geld ist aber längst nicht alles. Vor allem für diejenigen, die den Stadtteil durch ihr Engagement prägen. Viele von ihnen schaffen den Sprung in die ökonomische Sicherheit nicht – wobei das Ziel nicht Reichtum, sondern Perspektive heißt.
Dennoch geht die prekäre Situation mit einem guten Lebensgefühl einher. Denn Leipzig fühlt sich trotz schlechter Wirtschaftsdaten dynamisch an. Ein Einkommen auf Hartz-IV-Niveau muss man hier nicht als Stigma erleben, wenn soziales und kulturelles Kapital stimmen. Es lebt sich so komfortabel in dieser Nische, dass der Anschluss an die »große« Ökonomie gar nicht erforderlich ist. Während andernorts alle Zeit und Kraft dafür draufgeht, die Miete zu verdienen, bleibt hier viel Raum für Entwicklung und persönliche Lebensqualität – willkommen in Leipzig.

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