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Wie wirklich ist die Wirklichkeit?

Der Kultregisseur David Lynch zieht sich mit »Inland Empire« vollends in sein Innenreich zurück

Wie würde wohl eine Laborratte einer anderen Ratte das Verhalten ihres Versuchsleiters erklären? Vermutlich so: »Ich habe diesen Mann so trainiert, dass er mir jedes Mal Futter gibt, wenn ich diesen Hebel drücke. Der Psychotherapeut und Kommunikationswissenschaftler Paul Watzlawick liebte Geschichten wie diese, weil sie für ihn die Frage aufwarfen, nach der er auch ein Buch benannte: »Wie wirklich ist die Wirklichkeit?«

Wie würde wohl eine Laborratte einer anderen Ratte das Verhalten ihres Versuchsleiters erklären? Vermutlich so: »Ich habe diesen Mann so trainiert, dass er mir jedes Mal Futter gibt, wenn ich diesen Hebel drücke. Der Psychotherapeut und Kommunikationswissenschaftler Paul Watzlawick liebte Geschichten wie diese, weil sie für ihn die Frage aufwarfen, nach der er auch ein Buch benannte: »Wie wirklich ist die Wirklichkeit?« Für den im März verstorbenen Konstruktivisten waren wir selbst die Erschaffer unserer Wirklichkeit. Erst durch Kommunikation werde sie manifestiert. Daher könne auch niemand Anspruch auf eine letztgültige Wahrheit erheben.

Der Regisseur David Lynch betreibt nun die konsequente Filmwerdung des radikalen Konstruktivismus. Wie kein Zweiter verkörpert er das postmoderne Kino, das das Ende bestehender Wirklichkeiten zelebriert.

Regisseur David Lynch

Seine Filme wie »Eraserhead«, »Blue Velvet«, »Twin Peaks«, »Lost Highway« oder »Mulholland Drive« beginnen in einer friedlichen Idylle, die durch das Eindringen eines furchterregenden Wesens gestört wird. In »Inland Empire« ist es das herrschaftliche Hollywood-Anwesen der ehemals gefeierten Schauspielerin Nikki Grace, grandios ge-spielt von Lynchs Lieblingsdarstellerin Laura Dern. Eine schrullige alte Frau klingelt an der Tür und stellt sich als neue Nachbarin vor. Schon bald nimmt das Gespräch eine mysteriös-beängstigende Stimmung an, die den Film fortan dominiert.

Kurz darauf wird Nikki für eine Hauptrolle engagiert. Doch bei den Proben erfahren Nikki, ihr Filmpartner und der Regisseur (Jeremy Irons), dass das Projekt vor einigen Jahren schon einmal realisiert werden sollte, aber beide Hauptdarsteller kurz vor Beendigung der Dreharbeiten zu Tode kamen. Nikkis Verwirrung steigert sich ins Extrem, so dass sie nicht mehr zwischen ihrer Rolle und ihrem Leben unterscheiden kann und der Zuschauer mit ihr in immer entferntere Wirklichkeitsebenen entgleitet.

Man kann Lynchs Filme noch so detailliert beschreiben, aber ihr Wesen nur schwerlich erfassen. »Weil das Unheimliche den Kern von Lynchs Werk ausmacht«, schreibt Chris Rodley im hervorragenden Interviewband »Lynch über Lynch«. Dieses Unheimliche steckt in uns selbst; Lynchs Dekonstruktionen fördern es nur zutage.

»Inland Empire« ist die faszinierende und zugleich kaum mehr erträgliche Zuspitzung dessen. Denn die Freiheit des Digital Video, deren sich Lynch zum ersten Mal bediente, ließ ihn ein dreistündiges Mammutwerk schaffen, dem man kaum noch folgen kann und das er in den USA deshalb ohne Verleih in die Kinos bringen musste. Von massenkompatiblen Formaten wie »Twin Peaks« hat sich Lynch endgültig verabschiedet.

Sogar der Titel »Inland Empire« bleibt ein Rätsel. Er geht zurück auf eine Landschaftsansicht, die Lynch in einem Zeichenbuch aus Kindertagen fand. Kein Zweifel: Der Filmemacher zieht sich vollends zurück in sein eigenwilliges Innenreich. Und trotzdem bleibt dieses unwiderstehlich, weil es zugleich unser eigenes ist.

So kann man an »Inland Empire« schier verzweifeln oder ihn aber mit den Worten des Therapeuten Watzlawick verstehen: »Ich bin frei, denn ich bin einer Wirklichkeit nicht ausgeliefert, ich kann sie gestalten.

ab 26.4., Passage Kinos
David Lynch: Lynch über Lynch. Frankfurt am Main: Verlag der Autoren 2006. 420 S., 24 €
Film

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