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Die Bilder dazwischen

In »Die blinde Fotografin« lässt Paul Brodowsky die Zeit anhalten

Es gibt Autoren, die Sprache vor allem als zu bearbeitendes Material begreifen, mit dem sich die eigenen Wahrnehmungsräume abstecken und erweitern lassen. Der Suhrkamp Verlag präsentiert dieses Frühjahr gleich vier junge Autoren, denen es genau darum geht: Ariane Breidenstein, Thomas Melle, Kevin Vennemann und Paul Brodowsky.

Es gibt Autoren, die Sprache vor allem als zu bearbeitendes Material begreifen, mit dem sich die eigenen Wahrnehmungsräume abstecken und erweitern lassen. Der Suhrkamp Verlag präsentiert dieses Frühjahr gleich vier junge Autoren, denen es genau darum geht: Ariane Breidenstein, Thomas Melle, Kevin Vennemann und Paul Brodowsky.
In den sechs Erzählungen von Bro-dowskys »Die blinde Fotografin« wird Sprache zu einer Art Kamera für »Bilder dazwischen«. Es werden Menschen beschrieben, für die sich in kurzer Zeit alles verändert. Menschen, die in Metropolen wie Berlin, New York oder Hongkong leben. Sie müssen sich neu orientieren und Entscheidungen treffen. Zum Beispiel die Fotografin der titelgebenden Erzählung. Gegen die zunehmende Erblindung kämpft sie an, indem sie versucht, Bilder in ihrer Erinnerung wieder lebendig werden zu lassen, die einmal von Bedeutung für sie gewesen sind. Oder ein junger Mann, der in der Wohnung seiner Freundin steht, als das Telefon klingelt. Ist es der Liebhaber seiner Freundin? Wie wichtig ist ihm seine Beziehung, wie groß das Vertrauen? Soll er den Hörer abnehmen oder einfach gehen? Grundlage all dieser Geschichten ist das klassische Short-Story-Muster. Brodowsky legt Spuren und gibt Rätsel auf. Er umreißt seine Figuren und ihre Schicksale nur schemenhaft, bis das Ende in überraschender Weise Licht auf die Geschehnisse wirft. Ihre Originalität gewinnen die Erzählungen dann, wenn genau beobachtet wird. Wenn der Erzähler den Boden in der U-Bahn-Station, den Schnee, ein Hochhaus bis ins kleinste Detail beschreibt, bekommt seine Stimme ihren eigenen Ton. Denn genau dort, wo über die bloße Geschichte hinausgewiesen wird, liegt die Stärke dieser Erzählungen. Dort, wo es um die Beschaffenheit einzelner Momente geht, werden auch immer die Möglichkeiten ausgelotet, diese mit Sprache festzuhalten. So gelingt es Brodowsky, die Zeit anzuhalten und Bilder freizulegen, die sonst übersehen werden. Die Bilder dazwischen.

Paul Brodowsky: Die blinde Fotografin. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag 2007. 160 S., 14,90 €

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