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Die Bühne als Anstalt

Leipzigs designierter Schauspielchef Sebastian Hartmann inszeniert Vivaldis »Orlando furioso« in Magdeburg

Die Zauberinsel der Alcina – sprichwörtlich ein Irrenhaus. Beziehungskranke, vor Liebe und Eifersucht rasend, ein Haus voller Neurotiker – und kein Psychologe auf dem Besetzungszettel. Sebastian Hartmann wählt einen erfrischenden Zugriff auf Vivaldis Werk, kraftvoll und poetisch zugleich – und bei aller Regieausdeutung durchaus nah am Werk.

Die Zauberinsel der Alcina – sprichwörtlich ein Irrenhaus.
Beziehungskranke, vor Liebe und Eifersucht rasend, ein Haus voller Neurotiker – und kein Psychologe auf dem Besetzungszettel. Sebastian Hartmann wählt einen erfrischenden Zugriff auf Vivaldis Werk, kraftvoll und poetisch zugleich – und bei aller Regieausdeutung durchaus nah am Werk. »Orlando furioso« (1727) – in der Magdeburger Fassung ein Dreistünder prall von Bildern, nach denen ein barocker Abend verlangt. Der künftige Schauspielchef von Leipzig setzt dafür keine Theatermaschinen in Gang, sondern seine Darsteller. Und die zeigen ein derart filigranes Musiktheaterspiel, dass sich der Zuschauer verwundert die Augen reibt. Kleine Etüden ranken sich um die Arien, jeder der permanent präsenten Akteure erzählt eigene Geschichten von Verlust, Sehnsucht und Finden.

Ausstattungsplunder zum Festhalten: Fehlanzeige. Vom Bühnenhimmel regnet es, herrliches Theater, auf Orlandos trostsuchenden Ausruf »Der Himmel öffnet sich« samtweiche Kissen. Aus denen bauen sich Alceste und Co. ihre Ruhe- und Spielwiesen, errichten Barrikaden oder Schaumkronen zum Wellenreiten, täuschen mit ihnen Schwangerschaften vor. Dabei muss der Zuschauer gar nicht verfolgen können, wer hier gerade mit wem über Kreuz liegt
– hier wird Theater gespielt – und dafür eignet sich das Vivaldi-Material hervorragend. Hartmann, der neben der Regie auch für die Bühne verantwortlich zeichnet, spielt mit den Formen und Inhalten der Oper, baut eine ironische Distanz auf, ohne das Stück zu diffamieren.

Die Dacapo-Arien, oft der Tod der Barock-oper, werden bei Antonio Vivaldi mit umständlichen, durch Überlängen kaum zu ertragenden Rezitativen gepaart, in der gestrafften Magdeburger Fassung karikiert Patient Astolfo (Paul Sketris) die aufkeimende Langeweile: Er schneidet Arien permanent mit, um sich an ihnen zu berauschen, Opernwahn, nicht kurierbar, herrlich schräg.

Ein glänzendes Ensemble – u. a. mit Ulrike Mayer als Alcina an der Spitze, bei der trotz aller Aktivität jeder Ton sitzt, einer stets am Rande des Wahns agierenden Annette Jahns als Bradamante und Roland Ferres als Orlando, dem man höchstens vorwerfen kann, dass er ein Bariton ist. Denn die Besetzung dieser Partie mit der mittleren Männerlage ist gewöhnungsbedürftig und unterwandert auch das Wahnsinnskonzept des Abends.

Dieses bricht letztlich auch nach der Pause in sich zusammen, als Sebastian Hartmann plötzlich die Strukturen des Stückes auseinandernimmt, mit Effekten im Minutentakt um sich wirft (Feuer, Wasser, Licht), die Übertitelungsanlage »Diese Oper ist in ca. 3 Minuten zu Ende« einblendet – und er damit jene Vergleiche selbst provoziert, die er so hasst: nämlich irgendwie bei Castorf oder Lauterbach Anleihen zu nehmen. Dass er es überraschend anders kann, beweist er vor der Pause. Viel Jubel für das gesamte Ensemble und die Magdeburgische Philharmonie, die Vivaldi unter Jan Michael Horstmann spielt, als wäre sie auf barocke Klänge seit jeher spezialisiert.

25.5., Theater Magdeburg

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