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Fast ein Jahrhundertroman

Das wichtigste Ereignis des literarischen Frühlings: Werner Bräunigs großer Roman

Kein Zweifel: Hätte Werner Bräunig seinen Roman »Rummelplatz« vollendet und veröffentlicht, man würde ihn heute in einem Atemzug mit Heinrich Böll oder Günter Grass nennen. Jetzt endlich, 40 Jahre nach seiner Niederschrift, liegt der Roman erstmals in Buchform vor und hat sich als das wichtigste Ereignis dieses literarischen Frühjahrs erwiesen.

Kein Zweifel: Hätte Werner Bräunig seinen Roman »Rummelplatz« vollendet und veröffentlicht, man würde ihn heute in einem Atemzug mit Heinrich Böll oder Günter Grass nennen. Jetzt endlich, 40 Jahre nach seiner Niederschrift, liegt der Roman erstmals in Buchform vor und hat sich als das wichtigste Ereignis dieses literarischen Frühjahrs erwiesen.
Wer war dieser Werner Bräunig? Seine Anfänge sind alles andere als vielversprechend. 1934 wird er in Chemnitz geboren. Der Sohn eines Kraftfahrers und einer Näherin beginnt eine Schlosserlehre, die er abbricht, landet wegen Schwarzmarktgeschäften im Erziehungsheim. Danach treibt er sich im Nachkriegsdeutschland herum, schlägt sich im Westen als Gelegenheitsarbeiter durch. Er geht zurück nach Chemnitz, arbeitet als Schweißer, kurz auch als Fördermann bei der Wismut. Auf einer Schmuggelfahrt nach Westberlin wird er erwischt. Bräunig bekommt drei Jahre, die er in einem Steinkohlewerk und einer Papierfabrik abarbeitet.
Aber dann kriegt er die Kurve. Bräunig fängt an zu schreiben, wird Mitglied der Arbeitsgemeinschaft junger Autoren der Wismut. Inzwischen ist er verheiratet, hat zwei Kinder. Ab 1958 studiert Bräunig am Literaturinstitut »Johannes R. Becher« in Leipzig, tritt in die SED ein. Er verfasst den berühmten Aufruf der 1. Bitterfelder Konferenz »Greif zur Feder, Kumpel!«.
Bräunig entspricht geradezu bilderbuchmäßig dem sozialistischen Schriftstellerideal. Er ist tatsächlich der schreibende Arbeiter, der aus der Fülle seiner Umwelt und seines Lebens schöpft – und er schreibt einen Roman über die Arbeit, über die Wismut. In dieser riesigen Sonderzone im Erzgebirge ließ die Sowjetunion das für ihre Atomindustrie unerlässliche Uranerz abbauen. Hohe Löhne zogen Glücksritter aller Art an; Bräunig fand hier einen gesellschaftlichen Mikrokosmos, in dem sich alle Probleme und Chancen der jungen DDR wie in einem Brennglas bündelten.
Dummerweise war Bräunig ein zu begabter Schriftsteller, um sich an die Vorgaben des sozialistischen Realismus zu halten. Mit der braven Arbeiterliteratur à la Willi Bredel hat sein ehrgeiziges Romanprojekt denn auch nicht viel gemein. »Rummelplatz« ist ein breit angelegter Gesellschaftsroman von Balzac’schen Ausmaßen, in dem Bräunig an die 20 Lebensläufe, Arbeiter und Großindustrielle, Kleinbürger, Verbrecher, Idealisten und Opportunisten, miteinander verwebt.
Ungeschönt schildert er die brutale Schufterei in den Schächten, die Erschöpfung, den Frust der Kumpel. Hart geht er mit Bürokraten- und Justizwillkür ins Gericht. Nein, dieser Werner Bräunig ist nicht einfach ein schreibender Arbeiter, er entpuppt sich als überaus kunstfertiger Erzähler. Die Einstreuung biblischer und
Brecht‘ scher Zitate, die langen inneren Monologe, der Einsatz von Jargon und Dialekten weisen vor allem Alfred Döblin als seinen Lehrmeister aus.
Tatsächlich ist »Rummelplatz« so etwas wie der »Berlin Alexanderplatz« der Nachkriegszeit – oder hätte es sein können.
Anfang der 60er Jahre fürchtet die SED immer mehr um ihr Machtmonopol, die mit der Moderne liebäugelnden Künstler und Literaten sollen ideologisch wieder auf Kurs gebracht werden. Als 1965 der Vorabdruck eines Kapitels aus Bräunigs Roman in der Zeitschrift NDL erscheint, wirkt das auf die ohnehin nervösen Genossen wie eine Kampfansage.
Bräunig verteidigt sich zäh gegen die Angriffe, Anna Seghers und Christa Wolf stehen ihm mutig zur Seite. Aber die SED-Dogmatiker wollen ein Exempel statuieren. Nach zermürbendem Hin und Her löst der Mitteldeutsche Verlag den Verlagsvertrag. »Rummelplatz« erscheint nicht. Bräunigs Selbstbewusstsein als Schriftsteller ist zerstört. Er resigniert, flüchtet sich in den Alkohol, an dem er letzten Endes zugrunde geht. An dem Roman weiterzuarbeiten, fehlt ihm die Kraft. Er stirbt 1976 mit 42 Jahren in Halle-Neustadt.
Bis zuletzt hat Bräunig nicht begriffen, was man ihm eigentlich vorwarf. Zwar kritisiert er in seinem Roman die Zustände in der DDR, aber an keiner Stelle denunziert er seinen Staat. Bräunig hat sich selbst immer als linientreuen Genossen betrachtet. Die Bundesrepublik kriegt in »Rummelplatz« ganz schön ihr Fett weg, und den 17. Juni stellt Bräunig eiskalt als faschistischen Aufstand dar. Am Sieg des Sozialismus hat Bräunig nie gezweifelt. »Wir haben die bessere Sache – das ist unsere Sicherheit!«, lässt er im Roman den Journalisten Zacharias denken. Das Politbüro sah das anders.
Gewiss, manches an »Rummelplatz« wirkt unfertig, anderes, wie die in Westdeutschland und Moskau spielenden Episoden, überflüssig. Doch Bräunig hat den Roman niemals vollendet. Was er hinterlassen und der Aufbau-Verlag rekonstruiert und herausgegeben hat, ist bereits mehr als beeindruckend. Was ein Talent wie er noch daraus hätte machen können – es ist kaum auszudenken. Man stelle sich vor, der ganze Roman hielte das atemberaubende Niveau des Anfangs durch, den Bräunig am häufigsten überarbeitet hat. Man stelle sich vor, Bräunig hätte den Roman fortgeführt bis zum Mauerbau, vielleicht darüber hi-naus: Wir besäßen mit »Rummelplatz« wahrlich einen deutschen Jahrhundertroman.

Werner Bräunig: Rummelplatz. Mit einem Vorwort von
Christa Wolf. Herausgegeben von Angela Drescher.
Berlin: Aufbau-Verlag 2007. 768 S., 24,95 €

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