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Ganz viel Gefühl – ganz wenig Handlung

Susanne Heinrichs »Die Andere« kommt erst am Schluss in Fahrt

Manchmal geschieht es, dass man sich bis zur letzten Seite eines Buches fragt, was zum Teufel der Titel eigentlich mit seinem Inhalt zu tun hat. Und manchmal fragt man sich auch nach dieser letzten Seite noch, ob eine andere Wahl nicht günstiger gewesen wäre. Das neue Buch von Susanne Heinrich ist so ein Fall – und das Warum lässt sich in einer kurzen Zusammenfassung klären.

Manchmal geschieht es, dass man sich bis zur letzten Seite eines Buches fragt, was zum Teufel der Titel eigentlich mit seinem Inhalt zu tun hat. Und manchmal fragt man sich auch nach dieser letzten Seite noch, ob eine andere Wahl nicht günstiger gewesen wäre. Das neue Buch von Susanne Heinrich ist so ein Fall – und das Warum lässt sich in einer kurzen Zusammenfassung klären.
Im Zentrum des Romans »Die Andere« stehen die Figuren Luna und Viktor. Beide von hinreißendem Charisma, reich und mit einer so berückenden Aura, dass alle anderen ihnen augenblicklich verfallen. Beide hinterlassen auf ihrem Weg Scharen von schmachtenden Mitmenschen und letztlich ist es natürlich ihre Beziehung zueinander, die den Roman bestimmt.
Diese Konstellation mag zugegebenermaßen etwas eindimensional wirken, das ist jedoch nicht weiter schlimm. Schließlich haben dramatische Liebesgeschichten durchaus ihren Reiz. Schlimm ist etwas anderes: Auf ungefähr jeder fünften Seite wird nämlich auf eine ungemein tragische Geschichte angespielt, die sich im Sommer vor sechs Jahren ereignet hat und die alle Figuren des Romans miteinander verbindet. Dummerweise wird dann aber nicht erzählt, wo-rum es denn damals ging, zumindest nicht auf den ersten 190 Seiten. Stattdessen wird in tatsächlich sehr filigraner und sensibler Sprache geschildert, wie die Figuren in einem schwärmerischen Traumzustand durch den Sommer driften – und es entspinnt sich eine schrecklich herzzerreißende Geschichte mit ganz viel Gefühl und ganz wenig Handlung. Natürlich spielt diese Geschichte zu größten Teilen in Paris.
Nur ganz allmählich zeichnet sich ab, worum es überhaupt geht. Und da in dieser ungleichen Mischung aus sprachlichen Schnörkeln und spärlichen Ereignissen die mysteriösen Andeutungen auch weiterhin nicht ausbleiben, fühlt man sich fortlaufend bemüßigt, an »Ich weiß, was du letzten Sommer getan hast« zu denken. Bedauerlicherweise mit der Einschränkung, dass in »Die Andere« niemand einen Überblick zu haben scheint.
Dies ändert sich erst auf den letzten 20 Seiten, in denen die Handlung endlich in Fahrt kommt. Diese Seiten sind es auch, die einen tatsächlich noch einmal aufmerken lassen. Plötzlich lösen sich die Dinge aus ihrer melancholischen Schockstarre und geraten in Bewegung. Doch folgt darauf eben sofort das Ende, und aufs Ganze bezogen sind diese Seiten definitiv zu wenig.

Susanne Heinrich: Die Andere. Köln: DuMont Literatur und Kunst Verlag 2007. 278 S., 17,90 €
Literatur

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