Startseite / Kinder & Familie | Stadtleben / Grauzone Kita-Platzvergabe

Grauzone Kita-Platzvergabe

Wie mangelnde Transparenz und eine lustlose Öffentlichkeitsarbeit des Jugendamtes den Verdacht zulassen, dass es in Leipzig »gekaufte Plätze« in der Kinderbetreuung gibt

Wo Knappheit herrscht und unklare Regelungen bestehen über die Vergabe eines knappen Gutes, kann Korruption entstehen. Kann, muss aber nicht. Fast genauso verheerend ist es, wenn niemand dem Verdacht entgegentritt, Menschen und Institutionen seien korrupt. Doch nach der bislang unwidersprochenen Ansicht vieler Leipziger Eltern sind Kinderbetreuung und Bildungssystem längst zu einer Grauzone geworden.

Wo Knappheit herrscht und unklare Regelungen bestehen über die Vergabe eines knappen Gutes, kann Korruption entstehen. Kann, muss aber nicht.
Fast genauso verheerend ist es, wenn niemand dem Verdacht entgegentritt, Menschen und Institutionen seien korrupt. Doch nach der bislang unwidersprochenen Ansicht vieler Leipziger Eltern sind Kinderbetreuung und Bildungssystem längst zu einer Grauzone geworden: Vetternwirtschaft, Vorteilsnahme und Bestechlichkeit scheinen beim Kampf um Plätze in Krippen, Kitas und begehrten (Privat-)Schulen Normalität zu sein.
Beispiele gefällig? Da erzählt eine Architektin, dass sie bei der Bewerbung um einen Krippenplatz (früher sprach man von Anmeldung) der Kita-Leiterin vorgeschlagen hat, einen geplanten Umbau zu entwerfen – kostenlos, versteht sich. Eine andere Mutter gesteht, dass sie und ihr Mann ernsthaft in Erwägung gezogen haben, einen Bestechungsversuch zu unternehmen, um einen Krippenplatz in Schleußig zu ergattern. Berichtet wird auch von einem Rechtsanwalt, der dem herrschenden System des Mangels erfolgreich die Pistole auf die Brust gesetzt hat: Wenn das Kind seiner Mitarbeiterin einen Platz bekomme, so verkündete er der Leiterin einer Einrichtung, werde er 1.000 € für Spielgeräte im Garten spenden.
Was tut eine schlaue Kita-Leiterin in dieser Situation? Sie informiert das Jugendamt und lässt sich den Spendendeal genehmigen – schließlich werden Schaukel und Kletterturm, die dasselbe Jugendamt auf absehbare Zeit sicher nicht finanzieren wird, ja zum Wohl aller Kinder aufgestellt. Wirklich? Können solche Erfahrungen »zum Wohle« von irgendjemandem in dieser Stadt sein?
Die Architektin, die fast rechtsbrüchig gewordenen Eltern, der durchsetzungsstarke Rechtsanwalt – sind das bedauerliche Einzelfälle, oder hat das System? Wer beim Jugendamt nachfragt, ob es – in Einrichtungen mit Warteliste – Kriterien gibt, warum Fritzchen einen Platz erhält und Karlchen nicht, bekommt kaum mehr als ein Achselzucken zur Antwort; das liege im Ermessen der Leiterinnen.
Nächste Frage: Gibt es »Kooperationsabkommen« mit Unternehmen oder Forschungseinrichtungen (heißt im Klartext: Geld gegen Platzkontingent)? Antwort: Es handle sich dabei um »etwa 10 Plätze im Jahr«, es könnten jedoch auch mehr sein. Schließlich seien freie Träger ja »frei«.
Stimmt: Sie können von Eltern, die einen Platz wollen, Mitarbeit verlangen, auch Mitgliedsbeiträge oder Spenden in Form von Büro-, Küchen-, oder Putzdiensten. Alles »legal«. Aber freiwillig? Wohl kaum. Dass auf diese Weise auch das wirklich uneigennützige Engagement, die freiwillige Spende ohne Hintergedanken mit in die Grauzone hineingezogen werden, regt nur noch vermeintliche Idealisten auf.
Auf dass ich nicht missverstanden werde: Es geht hier nicht um diese kleinen »Leipziger Freiheiten«, die in hochanfälligen Sektoren wie Bauwirtschaft oder Energieversorgung anscheinend unausrottbar sind. Sondern um Institutionen, in denen Kinder ihre ersten, prägenden Erfahrungen mit der Gesellschaft machen. Da ist der lässige Umgang mit Gleichberechtigung und (Verteilungs-)Gerechtigkeit, der Mangel an Transparenz für Eltern und Kinder noch viel schlimmer.
Vielleicht ist dies alles ja für Fritzchen und Karlchen und ihre Eltern nur eine gute Vorbereitung auf den »Ernst des Lebens«? Denn absurde Praktiken werden auch aus den begehrten (Grund-)Schulen berichtet. Wer sein Kind nicht einfach in der Schule seines Wohnbezirks anmeldet (vielleicht gar nicht die schlechteste Lösung?), lernt hoffnungslose Wartelisten kennen, manchmal sogar »Bearbeitungsgebühren« in zweistelliger Höhe, die bei Misserfolg der Bewerbung nicht einmal zurückerstattet werden. Oder Fragebögen, die jeden Datenschützer erbleichen lassen. Dies alles sind Begleiterscheinungen einer Politik, die es bislang nicht vermochte, den gesellschaftlichen Rückenwind für die Belange von Familien in konkrete Abhilfe umzusetzen. Im Gegenteil: So bügelt Sozialdezernent Fabian mögliche Klagen pauschal mit dem Hinweis ab, man solle die Leipziger Situation doch mal mit anderen Kommunen im Westen vergleichen. Das Jugendamt verzettelt sich in Details, gaukelt den Genervten mit schwammigen Projekten wie der geplanten Kita-Datenbank Hoffnung vor. Worauf bloß?
Und die Eltern murren zwar und klagen – aber bislang noch viel zu leise. Und viel zu selten vor Gericht. Stattdessen nehmen sie die verlangten Katzbuckeleien in Kauf und halten das alles längst für »ganz normal«. Dabei haben sie es in der Hand: Erst wenn sie bereit sind, mit ihren Erfahrungen an die Öffentlichkeit zu gehen, wird es die Grauzone nicht mehr lange geben.


Kitas

Anzeige

Kommentieren

Dein Kommentar

Kommentare sind deaktiviert.