Startseite / Kultur / »Medea nimmt die Kinder aus dem Spiel«

»Medea nimmt die Kinder aus dem Spiel«

Robert Schuster inszeniert den Medea-Mythos im Schauspielhaus als die Geschichte einer Fremden in einem fremden Land

Medea ist eine der großen mythischen Frauenfiguren auf dem Theater. Um das legendäre Goldene Vlies spinnt sich die Geschichte von der Königstochter Medea, die für ihre Liebe Jason ihre Heimat verlässt, fortan als Fremde um Asyl bittet und am Ende ihre eigenen Kinder tötet. Seit Euripides‘ Tragödie 431 vor Christus uraufgeführt wurde, haben immer neue Bearbeiter den Mythos weiter- und umgedeutet. Medea wurde psychologisiert, verdammt oder in der feministischen Literatur verteidigt. Auch der österreichische Schriftsteller Franz Grillparzer hat sich zwischen 1818 und 1821 des Mythos angenommen. Im Schauspielhaus inszeniert nun Robert Schuster »Medea« mit Carolin Conrad und Torben Kessler in den Hauptrollen.

Medea ist eine der großen mythischen Frauenfiguren auf dem Theater. Um das legendäre Goldene Vlies spinnt sich die Geschichte von der Königstochter Medea, die für ihre Liebe Jason ihre Heimat verlässt, fortan als Fremde um Asyl bittet und am Ende ihre eigenen Kinder tötet. Seit Euripides‘ Tragödie 431 vor Christus uraufgeführt wurde, haben immer neue Bearbeiter den Mythos weiter- und umgedeutet. Medea wurde psychologisiert, verdammt oder in der feministischen Literatur verteidigt. Auch der österreichische Schriftsteller Franz Grillparzer hat sich zwischen 1818 und 1821 des Mythos angenommen. Im Schauspielhaus inszeniert nun Robert Schuster »Medea« mit Carolin Conrad und Torben Kessler in den Hauptrollen.

KREUZER: Eine Mutter, die ihre Kinder tötet, gehört zu den schlimmsten Albträumen unserer Gesellschaft. Worauf sich verlassen, wenn die Mutter, die Leben schenkt, das Leben wieder vernichtet? Was hat Sie an so einer Figur gereizt?
ROBERT SCHUSTER: Man kann umgekehrt auch fragen: Was muss Medea dazu getrieben haben, so zu werden? Nachdem Jason mit ihr und den Kindern in seine Heimat zurückgekehrt ist, ist sie die Fremde geworden. Dann stellt sich die Frage, bekennt sich Jason zu der Fremden? Für Jason ist einzig und allein der Erfolg wichtig, er will angehimmelt werden. Die Suche nach Heimat ist für mich das Leitmotiv durch alle drei Teile von »Medea«. Und Jason glaubt, die Heimat im Erfolg zu finden.
KREUZER: Für seinen Erfolg opfert er Medea?
SCHUSTER: König Kreon sagt zu ihm: Asyl kannst du haben, aber ohne Medea. Er verlässt Medea und heiratet seine Jugendfreundin – und Tochter Kreons – Kreusa. Vom ersten Moment an hat man gesehen, dass sie sich verstehen und dass sie auch einer Kultur kommen. Medea hingegen erlebt Stigmatisierung und Sippenhaft. So etwas erleben wir ja immer wieder, dass der Einzelne nicht mehr der namentlich Genannte ist, sondern der Ausländer, der Schwarze, der Moslem, der Terrorist. Medea tritt den Kampf gegen die andere Kultur an.
KREUZER: Und in diesem Kampf gegen die andere Kultur sieht Medea dann keinen anderen Ausweg, als ihre beiden Kinder zu töten?
SCHUSTER: Grillparzer motiviert das mit einem geschickten psychologischen Trick. In dem Moment, in dem Medeas Hass gegen die Kinder am größten ist – weil sie immer mehr von der anderen Kultur infiltriert, verführt werden und sich neuen Werten zuwenden -, lässt Grillparzer sie die Kinder nicht töten. Er lässt es in dem Moment geschehen, in dem die andere Kultur anfängt, Medea zu bekämpfen, wo sie das Gefühl bekommt, wenn die Rache zurückrollt, werden sie mich vernichten und auch meine Kinder. Da könnte man zugespitzt auch sagen, sie hat es aus Schutz getan, um den Kindern ein Leben zu ersparen, das nur noch aus Leid bestehen würde. Etwas euphemistisch könnte man sagen, sie nimmt die Kinder aus dem Spiel. Es ist also nicht nur ein barbarischer, sondern auch ein fast humanistischer Akt.
KREUZER: Hätte es für Medea denn einen Ausweg gegeben?
SCHUSTER: Sie hätte sich nicht in den Vertreter einer anderen Kultur verlieben sollen. Was die Frage interessant macht, weil wir als intellektuelle Europäer ja eigentlich durchdrungen sind von dem Ideal der Multikultur, der Begegnung der unterschiedlichen Kulturen und Identitäten. In die fremde Kultur projizieren wir immer Hoffnung und Sehnsucht. Wir wollen dort gerne aufgenommen werden und Heimat finden. Um dann zu erkennen, dass man in der Fremde immer der Andere bleibt.
KREUZER: Wir verlassen Medea am Ende, sie hat ihre Heimat verloren, ihre Kinder getötet, der Mann ist weg, sie ist ganz allein. Das Stück endet hier, trotzdem bleibt die Frage, wie geht es weiter mit ihr?
SCHUSTER: Ich glaube, sie muss alle Allmachtsfantasien loslassen. Indem sie ihre Kinder von der zu erwartenden Rache erlöst, ist das ja auch eine Anmaßung – sie maßt sich das Recht der Götter an, über Leben und Tod zu urteilen. Wenn es ihr gelingt, diese Anmaßung wieder abzulegen und zu akzeptieren, dass diese Macht den Göttern gehört, ist das für mich eine positive Utopie. Ich glaube, es ist immer eine Utopie, dass ein Mensch sich ändern kann und plötzlich etwas begreift. Dann gibt es zwar kein Zurück mehr, aber es gibt ein Weiter.
KREUZER: Die Geschichte von »Medea« strotzt, wie alle antiken oder auf die Antike bezogenen Dramen, von Anspielungen, Querverweisen, unzähligen miteinander verwandten oder verfeindeten Figuren und Göttern. Wie wollen Sie dem Zuschauer durch dieses Dickicht helfen?
SCHUSTER: Ich denke, man sollte ins Theater so unbeschwert gehen wie ins Kino. Da gehe ich einfach rein und weiß, ich muss darüber nichts wissen. Theater sollte so sein, dass man auch als Normalsterblicher hinein gehen kann. Wenn das nicht gelingt, haben wir etwas falsch gemacht.
KREUZER: Würden Sie von sich sagen, dass Sie politisches Theater machen?
SCHUSTER: Auf der einen Seite glaube und hoffe ich, ein politischer Mensch zu sein. Es gibt immer wieder Sachen, die mich verstören. Aber vor allem will ich einfach Theater machen. Und Theater hat immer damit zu tun, dass ich fasziniert bin und verzaubert werde. Ich habe eine Verpflichtung, als Theatermacher gutes Theater zu machen. Und ich glaube, der Zuschauer ist verführbar, auch verführbar zu Emotionalisierung und zu einem politischen Nachdenken.
KREUZER: Sie glauben also, dass das Theater etwas verändern kann?
SCHUSTER: Es stellt sich immer die Frage, was der Sinn einer Tragödie ist. Stellvertretend se-hen wir auf der Bühne die Heroen untergehen, durchsetzt von großen Leidenschaften. So lernen wir vielleicht, ein bisschen demutsvoller mit dem Schicksal umzugehen. Und dass man sich nicht alles Fremde einverleiben kann.

5. (Premiere), 11., 25.5., Schauspielhaus

Anzeige

Kommentieren

Dein Kommentar

Kommentare sind deaktiviert.