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»Das ist kein blaues Pferd. Es ist ein Bild«

Der Leipziger Maler Neo Rauch über neue Bilder, alte Wunden und das Totfeiern des Labels »Neue Leipziger Schule«

Neo Rauch, Jahrgang 1960, gehört zu den gegenwärtig erfolgreichsten Künstlern weltweit. Seine Bilder gelten als der Ausgangspunkt für den anhaltenden Erfolg der »Neuen Leipziger Schule«. Sie markieren auch einen Pol in der Auseinandersetzung zwischen gegenständlicher Malerei und der vor allem im letzten Jahrzehnt dominierenden Konzeptkunst.

Neo Rauch, Jahrgang 1960, gehört zu den gegenwärtig erfolgreichsten Künstlern weltweit. Seine Bilder gelten als der Ausgangspunkt für den anhaltenden Erfolg der »Neuen Leipziger Schule«. Sie markieren auch einen Pol in der Auseinandersetzung zwischen gegenständlicher Malerei und der vor allem im letzten Jahrzehnt dominierenden Konzeptkunst.
Noch bis Dezember zeigt die Galerie Eigen+Art in der Ausstellung »Der Zeitraum« zwölf neue Bilder, die allesamt 2006 entstanden sind. Das Kunstmuseum Wolfsburg schließt diesen Monat mit einer Retrospektive seiner Arbeiten von 1993 bis heute an. Neo Rauch ist seit einem Jahr Professor an der Hochschule für Grafik und Buchkunst (HGB). Er arbeitet unverändert in seinem Atelier in der Baumwollspinnerei.

KREUZER: Für uns ist dieses Interview – mindestens – Ehrensache, für dich ist es womöglich eine Last. Jedenfalls schätzt du Interviewsituationen nicht besonders. Woher dieses Unbehagen?
NEO RAUCH: Die Dosis macht das Gift. Es gab eine Flut von Interviews, weitaus mehr, als notwendig, hilfreich und gesund für mich und für die Umwelt gewesen wären. Normalerweise funktionierte die Abschirmung durch den Kollegen Lybke zuverlässig, und er lässt ja nur die dringlichsten Fälle vor. Was da als dringlich angesehen wird, unterliegt unterschiedlichen Parametern, aber es hat schließlich doch einige überflüssige Beiträge gegeben. Nun ist es allmählich dahin gekommen, dass ich die Interviewpartner fragen muss: Meine Herren, was gibts Neues? Wie ist die Lage? Was haben Sie mir zu berichten? Ich habe doch alles gesagt.
KREUZER: So gesehen ist das hier auch ein Test für uns.
RAUCH: Könnte man so sagen. Ich bin sehr neugierig. Hinzu kommt freilich noch, dass dieser Pool an schon gegebenen Interviews ein Bällchenbad für drittrangige Printmedien ist, die sich aus Versatzstücken Pseudowahrheiten zurechtleimen, die mir dann aus den großtypigen Blättern um die Ohren fliegen. Die von nun an einzunehmende Verweigerungshaltung ist einfach auch ein Akt des Selbstschutzes.
KREUZER: Du spielst auf die Bild-Zeitung an, die Häppchen aus dem Spiegel-Interview mit dir nachgedruckt und mit der – verfälschten – Aussage aufgemacht hat: »Meine Stasi-Akte bleibt geschlossen«. Hat es dazu inzwischen eine Richtigstellung gegeben?
RAUCH: Ich gehe davon aus, ich lese ja das Blatt nicht. Aber es wurde mir zugesichert, dass es da einen entsprechenden Nachtrag gab. Eine solche Unverschämtheit ist mir zumindest noch nicht passiert.
KREUZER: Wie haben sich für dich die Arbeitsbedingungen in der Spinnerei verändert? Du arbeitest ja nun nicht mehr an der postindustriellen Peripherie, sondern an einem Brennpunkt der Gegenwartskunst.
RAUCH: Ich hol die Farben übern Hof und die Galerie ist einen Steinwurf entfernt. Da kann man von Komfortzuwachs reden.
KREUZER: Ist ein unbedrängtes Arbeiten überhaupt noch möglich, wenn man weiß, dass gleichzeitig unten eine Reihe von Leuten nur darauf wartet, einen Blick zu erheischen?
RAUCH: Davon merke ich ja nichts. Das geht alles an mir vorbei.
KREUZER: Deine Leipziger Ausstellung »Der Zeitraum« ist die erste seit fast sechs Jahren – »ein klassisches Heimspiel«, wie du selbst formuliert hast. Gehst du manchmal rüber in den von dir geschätzten neuen Ausstellungsraum, um nach dem Rechten zu sehen?
RAUCH: Ja.
KREUZER: Auch, wenn Besucher da sind?
RAUCH: Das Risiko nehme ich gelegentlich auch in Kauf (lacht).
KREUZER: Die Ausstellung wird augenscheinlich von vielen – auch älteren – Menschen frequentiert, die noch nie zuvor in einer privaten Galerie waren und schon mal nach dem Schließfach für die Handtasche fragen. Freut dich diese Resonanz jenseits der elitären Welt der Jäger und Sammler?
RAUCH: Unbedingt, keine Frage. Neulich quoll ein umfangreicher Trupp robuster Herren in Arbeitskleidung aus der Galerie, als ich grad auf dem Wege dorthin war. Ich erfuhr dann, dass es sich dabei um eine ABM-Brigade handelte, deren Ausbilder mit denen tatsächlich ein Kulturprogramm abarbeitete. Einmal in der Woche sind Museums- und Galeriegänge angesagt. Das ist großartig! Das sind die stillen Helden des Alltags.
KREUZER: Kehrt da etwas wieder oder ist das eine neue Qualität?
RAUCH: Manche Wiedergänger erscheinen uns als Qualitätszuwachs.
KREUZER: Die Aufmachung des Katalogs ist etwas verstörend. Von außen sieht er aus wie ein mit Schnüren gebundenes, abgewetztes Lederalbum, der Schmutztitel ist ein transparentes Blatt, wie man es aus alten Fotoalben kennt: mit Spinnweben, die Schrift darunter assoziiert eine Geisterstunde. Was soll uns das sagen?
RAUCH: Es handelt sich im Originalzustand um ein Familienfotoalbum meiner Großeltern, das ich schon von Kindesbeinen an oft durchblättert habe und dessen Äußeres einfach eine enorme haptische Qualität hat, eine sehr spezifische Materialsinnlichkeit, die hier wieder aufscheint. Es ist schon eigentümlich, so viele Menschen mit meinem Familienfotoalbum unterm Arm rumlaufen zu sehen.
KREUZER: In deinem neuen Bild »Ungeheuer« wehrst du Insekten oder kleine Vögel ab, die einen – deinen? – Kopf umkreisen. Im Bild »Sucher« von 1997 sieht man eine Staffelei, zwei Farbtöpfe und einen Mann in Arbeitshose, der mit einer elektronischen Wünschelrute den Weg abläuft. Sind diese kleinformatigen Bilder von Zeit zu Zeit Selbsterklärungen, öffentliche Tagebucheinträge?
RAUCH: Ja, möglicherweise fahre ich da die Optik zurück in den inneren Zirkel. Ein Wegdampfen alles Unwesentlichen scheint dort stattzufinden, das kleine Format ist dafür offenbar prädestiniert.
KREUZER: Wen oder was vertreibst du in »Ungeheuer«?
RAUCH: Man kann unter Umständen an Goya denken – der Schlaf der Vernunft bringt Ungeheuer hervor. Und es ist natürlich auch eine wesentliche Voraussetzung für das Zustandekommen von Kunst, dass man die zerebralen Anteile herunterdimmt und sich dem Zustrom des Irrationalen öffnet. So verstehe ich Malerei prinzipiell: als Leimrute für all dieses Getier, auf dem es sich niederlassen kann. Das ist eine Möglichkeit, dieses Bild zu lesen. Die andere ist vielleicht viel privaterer Natur und hat unmittelbar zu tun mit den Zudringlichkeiten, denen ich ausgesetzt bin, die ich wegwischen möchte – Interviewteams beispielsweise (lacht).
KREUZER: Was ist in »Glück« zu sehen? Ist das ein Drogentrip junger Leute im alpinen Ferienhausidyll?
RAUCH: Könnte gut sein. Es ist auf jeden Fall das letzte Bild. Nachdem die Mammutformate fertiggestellt waren, hatte ich nur noch diese eine kleine Leinwand hier im Atelier und habe -darauf ausgeatmet.
KREUZER: Auf den Mammutformaten hat sich ja auch einiges verändert, die Farben etwa. Beobachten wir richtig, wenn wir eine gewisse Hinwendung zu religiösen Wesen konstatieren? Da tauchen Engel auf, Propheten – nicht unbedingt die Personnage, die man von Neo Rauch kennt.
RAUCH: Wenn man zurückblickt, gibt es immer wieder Durchläufer, Wiedergänger, neu Hinzutretende. Mit den Engeln verhält es sich ebenso wie mit den Ungeheuern: Die können sich auch auf den Leimruten niederlassen. Und je nach Lebenssituation oder innerer Beschaffenheit kommen dann entweder die Ungeheuer oder die Engel oder beides zugleich. Für mich ist einfach wichtig, dass ich solche Dinge zulasse. Dass diese verkorkste Selbstzensur im Hinterkopf, die ja von Fall zu Fall auch aktiviert werden muss, im rechten Moment in Urlaub geschickt wird. Dass Dinge stattfinden können, die die Vernunft gerade eben nicht stattfinden lassen sollte.
KREUZER: So kommt es auch, dass der Panzer wieder ins Bild rollt und dem Vorleser gegen-übersteht. Da haben ja auch viele den Selbstmord-attentäter gesehen, der da galant einer Dame aus dem Panzerturm hilft. Ist das wirklich so gemeint?
RAUCH: Wenn ich wüsste, wie ichs gemeint habe! Das ist einfach eine Figurenkonstellation, die sich aus der Farbe herauswölbte. Ich will mich da nicht aus der Verantwortung stehlen, aber letzten Endes hat man es hier nicht mit einem Selbstmordattentäter zu tun, sondern mit der Farbwerdung einer Fiktion, eines Phänomens, von dem man nicht so recht sagen kann, worauf es abzielt, worauf es sich gründet. Um es mit Franz Marc zu sagen: »Das ist kein blaues Pferd, es ist ein Bild.« Und es ist natürlich kein Selbstmordattentäter, es ist eine gemalte Figur. Was dem Kerl vor den Leib geschnallt ist, das kann alles Mögliche sein.
KREUZER: Anfang November wird eine Neo-Rauch-Retrospektive im Kunstmuseum Wolfsburg gezeigt. Ein Bild trägt den Titel »Rückzug«, offenbar ein dringliches, sehr persönliches Thema für dich. Hast du inzwischen Klarheit darüber, wovor oder wovon du dich zurückziehen möchtest?
RAUCH: Es ist tatsächlich so, dass die Intensität meiner medialen Präsenz im Widerspruch zu meiner Zurückhaltung steht, die mir wesenseigen ist. Es gibt da ein Auseinanderdriften, das mich peinigt, und mir ist klar, dass ich daraus allmählich die Konsequenz ziehen muss, mich aus der Situation der öffentlichen Figur zurückzuziehen und mich in mein Werk einzuschließen.
KREUZER: Du beschwörst immer wieder das Stigma des figürlichen Malers, »den peinlichen Geruch nach Terpentin«, der Künstlern wie dir anhaftet. Kann davon angesichts des Erfolgs überhaupt noch die Rede sein?
RAUCH: In den neunziger Jahren wurde eine Urfacette, ein Basissegment künstlerischen Schaffens zum Abschuss freigegeben und für obsolet erklärt. Eine unglaubliche Sachlage, die mir rückblickend immer noch die Sprache verschlägt. Wie konnte das möglich sein? Ich sollte eigentlich längst meinen Frieden damit gemacht haben – wenn es nicht doch immer wieder Grund gäbe, sich in Verteidigungsposition zu begeben. Das ist nicht ausgestanden. Es gibt nicht wenige, die die momentane Situation als Betriebsunfall der westeuropäischen Kunstgeschichte ansehen. Damit wird versucht, die Wiederkehr der Malerei als reines Marktphänomen zu diffamieren, vorangetrieben durch infantile amerikanische Sammler. Damit muss ich mich immer wieder auseinandersetzen, insofern reißt diese Wunde immer wieder neu auf.
KREUZER: Im Spiegel-Gespräch Mitte September klang ein bestürzend bitterer Grundton an: Du wirkst angriffslustig, aber auch angegriffen. Bist du wirklich so sehr umzingelt von Feinden und -Neidern?
RAUCH: Na, selbstverständlich! Es muss gerade wieder in der aktuellen Kunstzeitung, diesem Sprachrohr rheinländischen Kulturselbstverständnisses, einen Artikel über Marktmechanismen gegeben haben. Und da bietet sich der Kollege Rauch, inzwischen im Doppelpack mit dem Kollegen Weischer, als beispielhaft für dieses Phänomen der sogenannten Marktblase an. Es wird immer wieder runtergefahren auf ein völlig irrwitziges Marktphänomen, das sich demnächst von selbst erledigen wird. Na ja, und dann müssen wir nicht reden von den vielen Grantlern und Neidern, die es insbesondere auch im näheren Umfeld gibt.
KREUZER: Der figürlichen Malerei der Gegenwart wird mitunter vorgeworfen, konservativ zu sein. Du hast einen Erzählband von Botho Strauß illustriert. Teilst du seine Auffassung von Konservatismus als Haltung, »seine Gründe zu behalten, seiner Herkunft zu begegnen«?
RAUCH: Ja, unbedingt. Ich würde mich auch einer Definition anschließen, deren Urheber mir gerade entfallen ist: Konservatismus bedeutet nicht das Festhalten am Überkommenen, sondern das Sich-Nähren von dem, was ewig gültig ist. Und das schließt eben den Zuwachs und die Entdeckung von Neuem überhaupt nicht aus. Das schließt Bewegung nicht aus. Das bedeutet nur, dass man einen Tornister mit sich führt. Was das im Hinblick auf Malerei bedeutet, lässt sich überhaupt nicht mehr verifizieren. Vieles, was sich hartnäckig modern gibt, ist ja nichts anderes als stockkonservativ, wenn nicht gar reaktionär. Ich glaube, dass mir insofern die größeren Sprünge möglich sind, als wenn ich meinte, ich müsste in den Urgründen abstrakten Malens der fünfziger Jahre verharren und das immer noch ein bisschen in Richtung Clubdekoration ausbauen. Wo liegt da das Risiko?
KREUZER: Du wirst oft gefragt, wie du dir deinen Erfolg – und damit den Erfolg der Leipziger Malerei – erklärst und kannst die Frage wahrscheinlich nicht mehr hören. Gibt es zu diesem Thema noch Ungesagtes?
RAUCH: Gefühltes, Gedachtes und dennoch Ungesagtes, womöglich. Die frühzeitige Förderung, die mir durch das Wirken Klaus Werners zuteil wurde, beispielsweise. Sein krankheitsbedingtes Ausscheiden aus den aktiven Kulturprozessen wird zunehmend als verwaiste Zone spürbar. Wenn man ergründen will, wer unter den Förderern den Vaterfiguren der neueren Leipziger Malerei zuzurechnen ist, muss Klaus Werner sicherlich an erster Stelle genannt werden.
KREUZER: Du hast dich gegen den Begriff der »Neuen Leipziger Schule« gewandt und gesagt, die Unterordnung deiner Werke unter das Label, z. B. bei Ausstellungen, entziehe sich deinem Zutun. Ganz praktisch: Wie läuft zwischen dir und deinen Galeristen Lybke und Zwirner die Prägung der Marke »Neo Rauch«?
RAUCH: Ach, Marke (stöhnt). Ich habe mich ja nicht dagegen gewehrt, dass ich in diese Rubrik hineingewalzt werde. Mich befremdet nur zunehmend die Verwendung dieses Labels, weil es eine Nivellierung bedeutet. Es werden ja auch Fremdposten einbezogen, widerwillig, ungefragt: Martin Eder ist plötzlich auch Leipziger. Das ist eine reine Marketingformel geworden, und das missfällt mir. Und das, was ich im Hinblick auf die Unkontrollierbarkeit der Situation gesagt habe, hat mit Sammelausstellungen mit bis zu 90 Teilnehmern zu tun, an denen ich niemals freiwillig teilnehmen würde. Da wird dieses Label auf ein Niveau heruntergefahren, das auch bei den wohlgesinntesten Betrachtern zu einem vorzeitigen Überdruss am Phänomen selbst führt. Ein schlichtes Totfeiern findet statt auf diese Weise. Deswegen nehme ich freiwillig nicht mehr an Gruppenausstellungen teil. Ich werde notfalls zwangszugeführt, indem die Veranstalter sich irgendwo auf Teufel komm raus etwas ausleihen.
KREUZER: Ist es wirklich nur ein Klischee, wenn wir es uns so vorstellen: Du arbeitest hier in der konzentrierten Stille deines Ateliers, plötzlich klingelt das Telefon, der Kollege Lybke ist dran und verkündet: »Neo, ne halbe Million!« Und dann sitzt du da und atmest erst mal tief durch?
RAUCH: Die Frage verstehe ich nicht (lacht).
KREUZER: Es gibt doch sicher eine Kommunikation zwischen euch, oder nicht?
RAUCH: Ja, sicher, die ist sehr intensiv.
KREUZER: Und die klammert so eine Situation absolut aus?
RAUCH: Wir sprechen nie über Zahlen. (Pause) Da kommt Unmut beim Kollegen Pietsch auf?
KREUZER: Die Bewertung von Kunst in unserer Gesellschaft hängt ja nun auch mit Zahlen zusammen und ich kann mir nicht vorstellen, dass es dir gleichgültig ist. Uns interessiert natürlich auch, wie das funktioniert. Man liest dann von sechsstelligen Summen bei Sotheby’s und fragt sich: Wie geht das? Sind das Spekulanten, die irgendwann mal einen Neo Rauch gekauft haben …
RAUCH: … natürlich!
KREUZER: Andererseits ist es ja auch nicht schlecht, weil es eine öffentliche Wertschätzung deiner Arbeit bedeutet. Und wir fragen uns: Ist das dem Kollegen Lybke und dir wirklich lästig, oder ist es nicht vielmehr das, was die rheinischen Kunstfreunde so auf die Palme bringt? Es ist doch eigentlich eine Genugtuung!
RAUCH: Es ist von allem etwas. Es ist mir zum Teil eine Genugtuung, weil es natürlich dem Ego zuträglich ist, aber das passiert ja auf sehr nebulösem Grund. Es ist ja nichts, worauf man sich jetzt ausruhen könnte. Und es ist tendenziell eher kontraproduktiv. Denn wenn die Auktionspreise davongaloppieren – und sie liegen ja weit außerhalb des Galerieniveaus -, dann kann es auch irgendwann an einen Punkt geraten, ab dem es wieder rückwärtsgeht – vor allem dann, wenn eine Überproduktion vorliegt und der Markt überschwemmt ist. Die Gefahr besteht in meinem Falle nicht – bei 20 Bildern im Jahr, aber man muss trotzdem aufpassen.
KREUZER: Hast du ein System, eine Methode, mit deren Hilfe du dich dem Druck, der aus den horrenden Preisen und Wartelisten für noch nicht gemalte Bilder erwächst, entziehst?
RAUCH: Ich blende das total aus. Vollkommen.
KREUZER: Das ist bewundernswert, scheint aber fast nicht menschenmöglich
RAUCH: Ach, wenn man so sehr mit der Zahlenwelt uneins ist wie ich, dann ist das schon mal eine gute Grundvoraussetzung, um diese Aspekte unberücksichtigt lassen zu können.
KREUZER: Diese Zahl, 20 Bilder im Jahr – entspricht sie deinem tatsächlichen Arbeitstempo?
RAUCH: Ja, das scheint eine magische Zahl zu sein. Dieses Jahr werde ich sie gar nicht erreichen. Das hängt mit den Großformaten zusammen, die man ja eigentlich doppelt zählen müsste. Dann käme man schon irgendwie hin. Aber sie nehmen immer mehr Zeit in Anspruch. Es wird wahrscheinlich mit den Jahren immer weniger werden.
KREUZER: Bleibt da eine Leerstelle in dir zurück, wenn du die Zahl nicht erreichst?
RAUCH: Nee, nee. Ich bin bloß manchmal beeindruckbar durch Lautstärke und Quantität anderer – und frage mich dann: Was kann ich tun, um meine Reserven aufzuschließen? (lacht)
KREUZER: Es strampeln sich ja nun alle möglichen Kunstkenner damit ab, deine Bilder zu enträtseln. Rauchs Bilder, stand mal in der FAZ, »verschlüsseln und wollen nicht entschlüsselt werden«. Amüsiert dich insgeheim dieses Streben von uns Betrachtern, die Rätsel deiner Bildschöpfungen lösen zu wollen?
RAUCH: Nein, das wäre ja eine Form der Hochfahrenheit, die ich mir unbedingt verkneifen würde. Ich hab im Gegenteil eher das Gefühl, dass ich manches zu plakativ vortrage, dass ich vielmehr bestrebt sein müsste, mit den Dingen hinterm Berg zu bleiben. Ich kann in meinen Bildern natürlich lesen wie in einem offenen Buch, aber viel zu wenige unternehmen tatsächlich ernsthafte, eindringliche Versuche, den Bilderzählungen auf die Spur zu kommen. Andererseits lege ich Wert darauf, dass es sich bei meinen Hervorbringungen in erster Linie um Malerei handelt und erst in zweiter Linie um weitestgehend dechiffrierbare Erzählungen.
KREUZER: Harald Szeemann hat die Bedeutung in deinen Bildern eine »Balance zwischen Zusendungen und Einschleichungen in der Imagination« genannt. Sind die Männer mit den Bärten, die in den neuen Bildern auftauchen, so eine »Zusendung« von außen?
RAUCH: Ja, es lässt sich ja nicht leugnen, dass Vollbartträger vermehrt auf der Bühne des weltpolitischen Geschehens in Aktion treten, in ganz anderer Form, als wir das bisher gewohnt waren. Das wäre dann eine Zureichung von außen her. Und der innere Vollbart hat natürlich auch seine Wurzelgründe. Die Kindheit unter Spitzbartträgern ist wahrscheinlich auch nicht vollständig ausblendbar. Ich gehe davon aus, dass solche Dinge später wieder hochkommen. Bärte evozieren ja immer wieder das Gefühl von Autorität, von mystischer oder religiöser Überspanntheit oder von forciertem Außenseitertum. Insofern sollen sie auch einen festen Platz in meiner Bildwelt haben, den ich ihnen über lange Zeit verwehrt habe. Aber sie haben ihr Bleiberecht nachdrücklich geltend machen können.
KREUZER: Eignest du dir die Außenwelt eigentlich vorwiegend medial an? Wie setzt du dich mit dem Geschehen außerhalb des Ateliers auseinander?
RAUCH: Ich lese tatsächlich »unsere Zeitung«, sehe aber nicht fern. Das ist schon mal wichtig.
KREUZER: Überhaupt nicht?
RAUCH: Nur im Kriege. Wenn sich die Lage so dramatisch zuspitzt, dann finde ich den Weg hinauf in den Raum, in dem der Fernseher versteckt ist, und versuche die Lage im Blick zu behalten.
KREUZER: Mit anderen Worten: Du siehst immer öfter fern.
RAUCH: Ich verfolge nicht jedes Scharmützel.
KREUZER: In Leipzig, so unser Eindruck, machst du dich bewusst rar. Dabei hätte deine Stimme Gewicht. Reizt es dich nicht manchmal, dich offensiv in Belange der Stadtentwicklung einzumischen?
RAUCH: Na, das habe ich ja weiß Gott getan, über Gebühr, intensiv, als es um die Funkenburg ging.
KREUZER: Das war aber auch das einzige Mal.
RAUCH: Ja, das hat auch erst mal gereicht. Man muss ja sehr darauf achten, dass man sich nicht vernutzt und dieser Kasper aus der Kiste wird, der bei jeder sich bietenden Gelegenheit zum Vorschein kommt. Da wird man schnell eine Karikatur seiner selbst.
KREUZER: War es eine Enttäuschung, dass sich in der Funkenburg-Sache letztlich nichts bewegt hat?
RAUCH: Ja, natürlich. Ist eine erwartete Enttäuschung noch eine Enttäuschung? Aber ich habe tatsächlich nichts anderes erwartet. Das ist einfach ein dynamistisches Zweckdenken, das an allen wirklichen Bedürfnissen einer gesunden Stadtentwicklung vorbeimarschiert. Dagegen ist kein Kraut gewachsen.
KREUZER: Du hast in diesem Zusammenhang auch von Heimat-Verlust gesprochen.
RAUCH: Es ist ja so, wie es ein großer Denker mal formuliert hat, dass jede Modernisierung auch einen Wärmeverlust mit sich bringt. Und wenn Modernisierung um jeden Preis das vorherrschende Prinzip ist, dann werden wir eines Tages erfrieren. Wir stehen dann in Einkaufspassagen, die in irgendeiner x-beliebigen altbundesdeutschen Stadt nicht anders aussehen. Wir wissen nicht mehr, wo wir sind, haben keine emotionale Anbindung mehr an den Ort und freuen uns, dass wir in null Komma nichts durch die Innenstadt düsen können, vorbei an austauschbaren Nachwendearchitekturen. Das ist Wärmeverlust.
KREUZER: Wir sitzen am Brühl und werden täglich von der dortigen Verhüllung heimgesucht. Dazu wirst du dich wahrscheinlich auch nicht äußern wollen?
RAUCH: Ach, das ist schwierig. Man gerät da als Quasi-Kollege ja letzten Endes in eine fatale Lage: Es kommt schnell der Verdacht auf, man hätte es selbst gern bemalt (lacht), woran ja nicht mal im finstersten Alptraum zu denken wäre. Man muss sich allerdings fragen, ob nicht auch Sponsoren einen Ruf zu verlieren haben. Das Problem ist einfach, dass seitens maßgeblicher Vertreter von Politik und Wirtschaft eine infantile Vorstellung von Modernität anzutreffen ist, die sie dann auf diese Weise ausleben – im guten Glauben, hier der Stadt ein junges, frisches Gesicht verleihen zu können. Und man fragt sich dann, wie es hier in so überwältigendem Umfange möglich sein konnte, die elementarsten Grundlagen des gesunden Taktempfindens außer Kraft zu setzen. Es ist eine Provinzposse, wie sie schlimmer kaum ausfallen könnte. Einerseits – das merke ich auch an mir – besteht so ein Notwehrreflex, aber andererseits ist die Gefahr, sich lächerlich zu machen, indem man sich auf dieser Ebene herumbalgt, natürlich enorm.
KREUZER: Du bist jetzt seit einem Jahr an der Hochschule tätig. Wie sieht das Semester des HGB-Professors Rauch aus?
RAUCH: Ich denke, dass ich in der Klasse angekommen bin. Und dann muss man sehen – in zwei Jahren gibts die ersten Diplomanden.
KREUZER: Welche Kollegen interessieren dich momentan? Wie viel Zeit und Lust gibt es, zu sehen, was die anderen machen?
RAUCH: Velázquez, zunehmend.

»Der Zeitraum«: noch bis 22.12., Galerie Eigen+Art (Leipzig)
»Neue Rollen«: 11.11. bis 11.3.2007,
Kunstmuseum Wolfsburg

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