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»Filme sind wie Mayonnaise«

Regisseur Sam Gabarski über Trostpreise, häufige Verwechslungen mit E. T. und die Dreharbeiten mit Marianne Faithfull als wichsende Witwe in seinem neuen Film „Irina Palm“

Der Berlinaleliebling „Irina Palm“ ist endlich in den Kinos gestartet. Die große Rocksängerin Marianne Faithfull spielt darin die Rolle einer Großmutter aus einer kleinbürgerlichen Vorstadt Londons. Zur Rettung ihres schwerkranken Enkels geht Maggie in einer Wichskabine arbeiten und nennt sich fortan Irina Palm. Für Regisseur Sam Gabarski ist es der zweite Film nach „Der Tango der Rashevskis“. Für Marianne Faithfull ist es nach ihrem Comeback die erste Hauptrolle in einem Kinofilm.

Der Berlinaleliebling „Irina Palm“ ist endlich in den Kinos gestartet. Die große Rocksängerin Marianne Faithfull spielt darin die Rolle einer Großmutter aus einer kleinbürgerlichen Vorstadt Londons. Zur Rettung ihres schwerkranken Enkels geht Maggie in einer Wichskabine arbeiten und nennt sich fortan Irina Palm. Für Regisseur Sam Gabarski ist es der zweite Film nach „Der Tango der Rashevskis“. Für Marianne Faithfull ist es nach ihrem Comeback die erste Hauptrolle in einem Kinofilm.

KREUZER: Herr Gabarski, auf der Berlinale wurde „Irina Palm“ heiß gehandelt. Am Ende hat er doch keinen Preis bekommen. Wie erklären Sie sich das?
SAM GABARSKI: Ich glaube, wir sind da zu euphorisch hochgejubelt worden. Man hat uns als Favoriten gehandelt und uns zumindest den Preis für die beste Hauptdarstellerin für Marianne Faithfull gewünscht. Wir rangierten auch in der Kritiker-Statistik immer ganz oben. Es war schon eine kleine Enttäuschung, aber wir haben ja noch einen Trostpreis bekommen, den Publikumspreis der Morgenpost.

KREUZER: Waren Sie überrascht, wie die Presse den Film aufgenommen hat?
GABARSKI: Wir haben eine ausgezeichnete Presse gehabt. Es waren jedoch auch ein paar dabei, die uns wirklich in die Federn geflogen sind. Das gehört aber auch dazu, wenn man einen Film mit so einem Thema macht. Klar, dass damit manche Leute nicht einverstanden sind.

KREUZER: Im Film begegnet man dem Thatcherismus wieder. Wie prägt er sich bis heute in England aus? Sind die Briten immer noch so konservativ, oder nehmen sie dieses Thema mittlerweile gelassener?
GABARSKI: Das ist kulturbedingt. Ich glaube, die Briten sind ziemlich hypokritisch. Das Stilvolle ist nur Fassade – dahinter sind die genauso wie alle anderen. Diese soziokulturellen Verhältnisse, aus denen Maggie und ihre Freundinnen kommen, geben dem Film ein bisschen mehr Würze. Auch Englisch ist ja eine Sprache, die Selbstironie in sich hat. Das alles macht den Film zu dem, was er ist.

KREUZER: Ist „Irina Palm“ eine typische Geschichte unserer Zeit?
GABARSKI: Ich weiß nicht, ob sie typisch für unsere Zeit ist. Ich räume aber gerne mit Vorurteilen auf: Was ist gut, was schlecht, wo verliebt man sich, wo nicht, in wen verliebt man sich und in wen nicht … Wenn das ein aktuelles Anliegen ist, dann, glaube ich, ist auch die Geschichte aktuell.

KREUZER: Hatten Sie Angst, dass ihre Geschichte in Richtung Kitsch und Klischee abdriften könnte?
GABARSKI: Na klar, deswegen hat es ja auch so lange gedauert, bis ich den Film finanzieren konnte. Es ist so eine Geschichte, bei der man mich angeschaut hat, als wäre ich E. T., der auf die Erde gekommen ist. Es ist auch jetzt noch schwierig, den Filminhalt zu resümieren. Aber die Leute, die ihn gesehen haben, obwohl sie ihn eigentlich nicht sehen wollten, sagen nachher, dass es das Beste war, was ihnen passieren konnte. Klar, die Geschichte klingt schon ein bisschen verrückt. Ich hab angefangen Kino zu mögen mit dem italienischen Neorealismus in den 40er, 50er, 60er Jahren. Bei diesen Tragikomödien hätte man ebenso sagen können: Das geht doch gar nicht oder ist doch zu viel oder zu wenig. Das ist so wie mit einer Mayonnaise: Wenn die Zutaten passen, wird es trotzdem irgendwie ein Film, der etwas aussagt und die Leute angenehm überrascht – oder auch nicht.

KREUZER: „Irina Palm“ steht und fällt mit der Hauptdarstellerin. Wann kam es zu der Entscheidung, die Rolle mit Marianne Faithfull zu besetzen?
GABARSKI: In dem Moment, also ich sie gesehen habe. Am Anfang war es nur eine Idee. Aber dann stand ich vor ihr, und sie sagte mir: „Wenn du Zweifel hast, dass ich das kann, dann probier mich halt aus.“ Das fand ich stark, dass eine Marianne Faithfull mir das so sagt. Für mich war das Entscheidende, dass sie keine Schauspielerin ist. Eine Schauspielerin hätte nämlich gespielt, Marianne hingegen passiert es einfach. Das ist genau das, was Maggie im Drehbuch passiert. Die bemerkt gar nicht, in was sie da hineinschlittert. Auch Marianne wusste das nicht so richtig, so schnell ist alles gegangen. Und das kommt im Film eben auch rüber.

KREUZER: Sind Sie ein offener Regisseur? Lassen Sie sich mit Schauspielern auf Verhandlungen ein?
GABARSKI: Wenn es dazu passt, nehme ich Ratschläge immer gerne an. Andererseits weiß ich genau, was ich will. Marianne war manchmal nicht einverstanden. Sie sagte einmal: „Sam, ich will die Schuhe ausziehen.“ Sie konnte in diesen Stiefeln irgendwann nicht mehr laufen. Ich sagte: „Marianne, du bist damit reingegangen, jetzt musst du damit auch rausgehen.“ Da sagt sie: „Aber hier ist doch nur mein Oberkörper im Bild.“ „Aber man sieht es trotzdem, wie du dich bewegest, wie du gehst. Und das gehört jetzt zu deiner Art.“ Da war sie schon ein bisschen sauer, hat es dann aber eingesehen. Am Ende sind Schauspieler alle gleich. Wenn sie irgendetwas nicht mögen oder Ideen haben, dann bringen sie es an, ordnen sich dann aber auch unter. Es gibt immer einen, der den ganzen Film sehen muss.

KREUZER: Plakativ gesagt hat ihr Film vor allem ein Thema: das Wichsen. Dennoch ist im ganzen Film kein einziger Penis zu sehen. War das von vornherein eine bewusste Entscheidung?
GABARSKI: Die haben wir auf der Bonus-DVD! (lacht) Wir hätten das machen können, wenn wir den Film hätten anders erzählen wollen. Ich wollte das aber nie. Maggie ist doch so unschuldig, die rutscht da so hinein. Und auch wie sie dann wichst – sie weiß eigentlich gar nicht genau, was sie da macht. Die arbeitet da halt. Sie hätte genauso gut – wie bei Charlie Chaplin – in einer Fabrik irgendwelche Schrauben drehen können. Um von dieser Reinheit ihrer Person und ihrer Geschichte erzählen zu können, mussten wir mit Taktgefühl filmen. Schon bei den Proben wusste ich das. Ich wollte alles über ihre Körpersprache und Gesichtsausdrücke erzählen. Es wäre ja ganz einfach gewesen, zu schockieren.

ab 14.6., CineStar, Passage Kino
Die wichsende Witwe von London

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